
Die unsichere Lage im Nahen Osten hat viele Börsen derzeit fest im Griff. Die jüngste zeitweilige Eskalation im Konflikt zwischen Iran und Israel, trotz der vereinbarten Waffenruhe und andauernder Verhandlungen, lässt die Hoffnungen der Anleger auf ein absehbares Ende des nun gut 100 Tage währenden Irankriegs und der Sperrung der wichtigen Straße von Hormus schwinden. Nach den Kursverlusten zu Wochenbeginn hat sich der deutsche Aktienmarkt am Dienstag immerhin etwas erholt. Der Dax lag zeitweise 0,8 Prozent im Plus auf rund 24.800 Punkten. Am Montag war der Index auf das niedrigste Niveau seit fast drei Wochen gefallen.
Hierbei halfen sicherlich die leicht positiven Vorgaben aus den Vereinigten Staaten. An der Wall Street hatte der breit gefasste Aktienindex S&P 500 am Montag 0,3 Prozent zugelegt, und die Technologiewerte an der Nasdaq um 0,9 Prozent. Das war die erste leichte Erholung nach dem abrupten Ende der wochenlangen Hausse im Technologiesektor und den deutlichen Kursrückschlägen vom vergangenen Freitag, als der S&P 500 plötzlich 2,6 Prozent und der Nasdaq fast 5 Prozent im Wert verloren hatten.
Die Korrektur habe sich stark auf „Momentum“-Aktien konzentriert, während sich der breitere Markt widerstandsfähig gezeigt habe, sagt Mathieu Racheter, der Leiter Aktienstrategie von Julius Bär. Der Ausverkauf sei daher eher als gesunde technische Korrektur zu beurteilen denn als Trendwende, als eine Verschnaufpause innerhalb eines andauernden Bullenmarktes.
Momentum-Strategien mit schlimmem Tag
Gleichwohl sei der US-Arbeitsmarktbericht viel besser als erwartet ausgefallen und habe Anleger dazu veranlasst, auch die Zinsaussichten neu zu bewerten. Da die Inflation sich aufgrund von Zolleffekten und höheren Energiepreisen wieder auf drei Prozent beschleunigt habe, stellten die Märkte zunehmend die Frage, ob die Notenbank Federal Reserve ihre Geldpolitik möglicherweise weiter straffen müsse, sagt der Aktienfachmann der Schweizer Bank. Die Anleiherenditen seien stark gestiegen, während die schwächer als erwartet ausgefallenen Prognosen von Broadcom und überraschende Ankündigungen zur Kapitalbeschaffung durch mehrere Unternehmen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) die Sorgen der Anleger verstärkt hätten.
Der Ausverkauf habe vor allem die zuvor größten Gewinner des Marktes getroffen, sagt Racheter. Dabei hätten Momentum-Strategien mit dem Handelsansatz „Kaufe die Gewinner, verkaufe die Verlierer“ ihren schlimmsten Tag seit dem sogenannten Liberation Day erlebt. Anleger hätten vor allem Technologie- und Halbleiteraktien der „Large Caps“, der großen Konzerne, verkauft. So sei etwa an dem Tag der Philadelphia Semiconductor Index um mehr als 10 Prozent gefallen, während der S&P 500, ohne KI-bezogene Aktien, weitgehend unverändert geschlossen habe. Dies deute darauf hin, dass die Bewegung in erster Linie durch Gewinnmitnahmen, überzogene Positionen und systematischen Schuldenabbau getrieben gewesen sei, und nicht durch eine allgemeine Verschlechterung der Fundamentaldaten, sagt Racheter. Anleger hätten sich zuvor stark auf eine kleine Gruppe von KI-Nutznießern konzentriert.
Dazu passt, dass Anleger nach Aussage von Händlern die gedrückten Kurse im Halbleitersektor nun direkt wieder zum Einstieg nutzten. An der technologielastigen Börse in Südkorea etwa glich der Leitindex Kospi am Dienstag sein mehr als achtprozentiges Minus vom Wochenbeginn mehr oder weniger wieder aus. Die Titel des Branchenriesen SK Hynix sprangen in Seoul um fast elf Prozent im Kurs.
Auch europäische Branchenwerte zeigten sich weiter stabilisiert. Infineon Technologies waren mit einem Plus von zeitweise 3,9 Prozent unter den größten Dax-Gewinnern. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs mehr als verdoppelt, kein Wert im Dax war besser. Der Index selbst liegt ein Prozent im Plus. Am 2. Juni war der Infineon-Kurs bis auf ein Allzeithoch von 88,46 Euro geklettert, zuletzt waren es rund 81 Euro. Nur die Papiere des Düfte- und Aromenherstellers Symrise waren am Dienstag mit einem Kursplus von 5,8 Prozent besser. Ausrüster wie Aixtron, Suss oder PVA Tepla lagen ebenfalls im Plus, außerdem die Aktien der europäischen Konzerne ASML und STMicroelectronics.
„Die Stimmung im Technologiesektor ist nervös, aber weiter optimistisch“, sagt Andreas Lipkow vom Broker CMC Markets laut dpa-AFX. Die Märkte kehrten offenbar schnell in alte Szenarien zurück, und zwar in der Annahme, dass Speicher-Infrastrukturen den größten Engpass in der Wertschöpfungskette darstellten. Neben Chipproduzenten profitieren davon schon länger Speicherhersteller, inzwischen aber auch der breitere Kreis an IT-Infrastrukturen bis hin zu Netzwerken. Unter Druck stehen dagegen Softwareunternehmen wegen der Sorge, dass KI deren Geschäftsmodelle gefährden könnte. SAP zum Beispiel büßte am Dienstag gut ein Prozent im Kurs ein – seit Jahresbeginn ist es mit einem Minus von 25 Prozent der schlechteste Dax-Wert.
