
7. März 2026 · Geht es mit dem Frühling nicht ein bisschen schneller? Das hier sind die schönsten Accessoires für sonnige Tage.
Draußen ist es noch zappenduster, als für Carolina Terrazas-Kreuch der Tag beginnt. Nur einige Personen sind auf den Straßen zu sehen. Dick verpackt in Jacken sind sie auf dem Weg zu Bahnen und Bussen. Atmen sie aus, bilden sich Wölkchen. Etwa 20 Minuten braucht Carolina Terrazas-Kreuch mit dem Auto bis zu ihrem Arbeitsplatz. Nicht später als halb sechs in der Früh müsse sie da sein, hatte sie am Abend zuvor gesagt. Da sei die Auswahl am besten, die Konkurrenz am geringsten.
Ist man ihre Arbeitszeiten nicht gewohnt, fühlen sich diese ersten Stunden des Tages wie ein Traum an. Noch im Dunkel der frühen Morgenstunden führt der Weg über die Autobahn, bis Carolina Terrazas-Kreuch schließlich ihr Ziel erreicht. Frankfurt, Industriehallen mit Schranken davor, hier bekommt nur Zutritt, wer eine Zugangskarte hat. Im Hof stehen Lastwagen, auf Transportern kleben Städtenamen wie Usingen und Schwalmstadt, die Autokennzeichen: MKK und MTK. Kunden aus dem ganzen Umland kommen hierher. Surreal, wie von außen nicht viel darauf hindeutet, was sich in diesen unauffälligen grauen Hallen verbirgt. Sobald man drinnen ist, muss man nicht einmal hinschauen, um zu wissen, was hierher verschifft wird: duftende Blumenmeere, soweit Nase und Augen reichen.
Carolina Terrazas-Kreuch ist Künstlerin, ihr Atelier heißt Carolina García Floral Studio. Statt mit Pinsel und Leinwand arbeitet sie mit Blumen und Pflanzen. Der Blumen- und Zierpflanzengroßmarkt in Frankfurt ist der Ort, an dem sie den Großteil ihrer Arbeitsmaterialien besorgt. So zum Beispiel auch für das F.A.Z.-Magazin-Shooting, das auf diesen Seiten zu sehen ist. Die Händler haben im Großmarkt ihr Angebot wie auf einem Basar ausgebreitet: Blumen und Pflanzen, die oft an Orten wachsen, an denen es gerade wärmer ist als in Deutschland. Aus dem Süden Europas wie Italien, aber auch aus Südamerika und afrikanischen Ländern wie Kenia. Manche der Gewächse sieht man hin und wieder, aber nur selten in herkömmlichen Blumengeschäften, andere wirken wie Phantasiegebilde, bei denen sich die Natur kreativ austoben wollte. Aber auch Rosen, die am Valentinstag so gern verschenkt werden, in verschiedenen Tönen von Rot, Weiß, Rosa und Orange, warten in Eimern auf Abnehmer. Wenn in Deutschland nicht gerade eisige Minusgrade jedes Grün davon abhalten zu gedeihen, achtet Carolina Terrazas-Kreuch darauf, Pflanzen einzukaufen, die nicht von weit weg her importiert werden mussten, die im besten Fall fast vor der eigenen Haustür statt auf anderen Kontinenten wachsen.
Bei einer solchen Auswahl könnte man schnell den Überblick verlieren. Terrazas-Kreuch aber geht entschiedenen Schrittes zu ihrem Lieblingsstand am anderen Ende der Halle. Sie schiebt wie all die anderen Floristen einen Einkaufswagen mit zwei lange Ebenen vor sich her – und befüllt sie mit Blumen, bis von den Metallgittern nichts mehr zu sehen ist. Immer wieder wirft sie einen Blick auf die Liste an Modeobjekten, die für das Fotoshooting abzulichten sind. Und in ihr Notizbuch. Auf dessen Cover ist ein surrealistisches Gemälde des Malers Victor Brauner abgedruckt: „La femme fleur“, eingerahmt zu sehen im Musée d’Art Moderne in Paris. Statt einem Kopf besitzt die „Blumenfrau“ eine gelbe Gerbera-Blüte, statt einem Kleid winden sich um ihren Körper grüne Ranken und Blätter.
„Carolina!“ Der Mitarbeiter an einem Stand begrüßt sie vergnügt, viele kennen sich schon lange, das Miteinander ist fast schon familiär. Manchmal fährt Carolina Terrazas-Kreuch auch zur Entspannung hierher, weil es gut tut, von Blumen umgeben zu sein. Nur donnerstags kommt sie nicht so gerne. Da kaufen die großen Blumenhändler ein, weil die Auswahl besonders groß ist, da kommt es zu langen Wartezeiten an den Ständen.
Schon vorab hat sich Terrazas-Kreuch Gedanken darüber gemacht, welche Blumen zu welchem der abzubildenden Objekte passen könnten, welche Farben zu welchen Formen, ob und wie welche Pflanzen vorab präpariert werden müssen. Fragt man sie nach allgemein gültigen Tipps für Laien, lächelt sie. Jede Blume sei anders und habe ihre Eigenheiten. Vorsichtig streicht sie über eine rote Blume, die noch nicht ganz erblüht ist. „Schau“, sagt sie, und tatsächlich, die kleine Blüte scheint aus ihrem Schlaf zu erwachen.
Irgendwann sind die zwei Ebenen des Einkaufswagens voll mit potentiellen „Models“ für das Shooting: Mohnblumen, Orchideen, Hortensien, eine große Packung Strelitzien. Neben unserer Ausbeute stehen Wagen anderer Floristen, die doppelt so viele Etagen wie unserer haben. „Man muss hier warten, bis man aufgerufen wird“, sagt Carolina Terrazas-Kreuch und blickt zu dem Mann an der Kasse, der seine Kunden mit einem stillen Nicken zu sich ruft. „Und wer bist du?“, fragt er die Autorin dieses Texts, die an diesem Morgen ausnahmsweise mitkommen durfte. „Na, dann bin ich gespannt, was du so schreibst“, sagt er in väterlichem Ton. Da wird einem warm ums Herz. Ein bisschen wie früher als Kind beim Metzger, der einem ein Stück Fleischwurst über die Theke reichte.
Manchmal, erzählt Carolina Terrazas-Kreuch, hätten die Männer an der Kasse sie schon geneckt, weil ihr Einkauf meist vergleichsweise klein ausfällt. Sie hat keinen Laden wie viele andere Blumenhändler hier, sondern arbeitet vor allem nach Auftrag. An Aufträgen mangelt es jedoch nicht. Mehrere Boutiquen an der Frankfurter Goethestraße zählen zu ihren Kunden, regelmäßig beliefert sie Luxusmarken mit Bouquets für deren Ladenfläche, aber auch Veranstaltungen. Auch wer nach einem besonderen Brautstrauß sucht, ist bei Carolina García Floral Studio an der richtigen Adresse. Inzwischen ist sie so erfolgreich, dass sie sich den Blumen hauptberuflich widmen kann. Ist das ihr Traumberuf? Da muss sie nicht lange nachdenken: „Ja!“
Diesen Traum zu träumen wagte sie aber erst in der Corona-Pandemie. Obwohl sie schon im Jahr 2012 der Liebe wegen nach Deutschland gezogen war, arbeitete sie zunächst in Büros. Dabei hatte sie in Monterrey in Mexiko Floral Design studiert. Irgendwann wurde ihr klar: Ohne das Kreative geht es nicht. Ihre Expertise gibt sie inzwischen selbst in Workshops an andere weiter, fährt zur Weiterbildung nach London, um sich von Ikebana-Meistern in der japanischen Blumensteckkunst unterrichten zu lassen. Obendrein ist Carolina Terrazas-Kreuch inzwischen Mutter zweier Kinder – und die finden es cool, was ihre Mama macht.
Gerne zeigt sie in ihren Arbeiten ihre mexikanische Herkunft, arbeitet mit Blättern von Kakteen oder Aloe-Vera-Pflanzen, baut florale Skulpturen für den Día de los Muertos, den Tag der Toten. Oder sie greift – wie in unserem Shooting zu sehen – zur Kakaobohne, die später farblich mit der Tasche von Bottega Veneta harmoniert. Ihr Carolina García Floral Studio enthält den Nachnamen ihrer Mutter: García. „Mit ihr habe ich meine ersten Blumen gekauft, von ihr habe ich meine Liebe zu Stil, Ästhetik, Mode und letztlich auch zu Blumen gelernt.“
Für acht Uhr morgens ist das Shooting zwei Tage nach dem Einkauf im Studio unserer Fotografin Laura Nickel angesetzt. Für die Autorin dieses Texts, die wenige Nächte zuvor erstmals auf dem Blumengroßmarkt war, klingt acht Uhr nun wie: ausschlafen. Carolina Terrazas-Kreuch hat am Morgen schon ihre Blumen nach Farben sortiert. Seit unserem letzten Treffen sind noch neue hinzugekommen. Außerdem hat sie Helferlein wie Draht, Steckigel und Gaffa-Band dabei. Ja, auch heute Morgen sei sie in der Blumengroßmarkthalle gewesen, sagt sie. Und am Morgen davor auch. Sieht man sich ihre floralen Skulpturen auf Stiefeln, Taschen und Halstüchern an, kommt man schnell zu dem Schluss: Die Mühe hat sich gelohnt.
Fotografie: Laura Nickel
Blumen: Carolina Terrazas-Kreuch (Carolina García Floral Studio)
Konzept: Jana Redweik
Mode: Jennifer Wiebking
Text: Johanna Christner
Assistenz: Nina Wächtershäuser
Catering: Alfons Kaiser
Fotografiert am 22. Januar 2026 in Offenbach
