Wer sich durch die Homepage des Chelsea Hotels in New York blättert, begibt sich auf eine Reise durch einen Traum. Die Aufnahmen der Lobby, der Bar, des Cafés und nicht zuletzt der Zimmer in fast einem Dutzend Kategorien führen in eine Zeit, als Luxus noch Opulenz statt Minimalismus bedeutet hat, weshalb man knapp 500 Dollar für eine Nacht im billigsten Bett, wenn auch nicht für geschenkt, so doch für angemessen hält. Und ohne zu zögern, zahlte man für den „1884 Martini“, den Signature-Drink mit Gin, Cedro-Zitrone, Vetiver und spanischem Olivenöl, einen mittleren zweistelligen Betrag.
Die verschnörkelten gusseisernen Balkongitter sind sandgestrahlt. Die mächtigen Holzvertäfelungen im Erdgeschoss auf Hochglanz poliert, ebenso Messing und Edelstahl an Wänden und auf Theken. Wandfüllende Spiegel vervielfachen die Kronleuchter und Farne, die sich in Kaskaden von den Decken ergießen, ins Unendliche. In den Suiten taucht man vor offenen Kaminen tief in samtbezogene Polster ein und in den Bädern in Wannen inmitten einer Vision aus Marmor. Heute nennt sich das Chelsea Hotel selbst wieder die erste Adresse der Stadt. Das war einmal anders.

Albert Schöpflin, der sich als Künstler Albert Scopin nennt, ist 83 Jahre alt. Seine Zeit in New York liegt lange zurück. Mehr als ein halbes Jahrhundert. Aber wenn er von seinen Erlebnissen im Chelsea Hotel erzählt, könnte man meinen, er habe die vorige Nacht noch dort verbracht. So frisch sind die Erinnerungen. So lebhaft schildert er die Begegnungen. Dabei hatte er das Kapitel längst abgeschlossen und staunt nun selbst über die seltsame Fügung, die ihn zurück in die ganz frühen Siebzigerjahre katapultiert hat. „Wie eine Zeitmaschine“, sagt er.
Albert Scopin hatte Fotograf von internationalem Format werden wollen und einen strengen Karriereplan ausgearbeitet, dem einzig sein Startbudget ein wenig im Wege stand. 800 Mark, keine 300 Dollar. Viel Zeit blieb ihm nicht, Fuß zu fassen. Erst ein Praktikum in New York, dann eigene Aufträge im Mode- und Popbusiness. So stellte er sich das vor und bewarb sich bei zehn Studios. Richard Avedon stand ganz oben auf der Liste, gefolgt von Irving Penn – höher ging es damals nicht. Am Ende war er froh, dass ihn zumindest der Fotograf an zehnter Stelle, der letzten, einlud, sich vorzustellen: Bill King. In dessen Atelier drehte Andy Warhol zu der Zeit zwei seiner Filme. Da passte es gut, dass Albert Scopin im Chelsea Hotel untergekommen war, für 40 Dollar die Woche. Denn dort lebten nicht wenige der Künstler aus der Factory. Und manchmal führten sie dort sogar auf, was sie Theaterstück nannten, etwa „Vain Victory – Sieg der Eitelkeit“, was in Wirklichkeit aber vor allem bizarre Aufführungen extravaganter Selbstdarstellungen waren. Albert Scopin fotografierte munter drauflos. Unter anderen Jackie Curtis und Candy Darling. Es war ein erster Schritt in den Underground.

Legendär war das Chelsea Hotel damals schon gewesen, wenn auch auf eigenwillige Weise. Jack Kerouac hatte dort wie im Rausch seinen Roman „On the Road“ in nur drei Wochen auf eine Rolle Telex-Papier heruntergehackt. Und Dylan Thomas war dort an einer Alkoholvergiftung gestorben. Bei Albert Scopin allerdings war es dessen Interesse an Musik, das ihn auf die Idee gebracht hatte, dort unterzukommen. Immerhin: Bob Dylan hatte hier gewohnt, Janis Joplin und auch Leonard Cohen. Aber sie alle waren längst wieder ausgezogen. Und Patti Smith, die damals noch dort wohnte, empfand sich als Lyrikerin, nicht Sängerin. Ihre erste Platte, „Horses“, sollte erst vier Jahre später erscheinen. Außerhalb des Hotels kannte so gut wie niemand ihren Namen. Ihr Freund Robert Mapplethorpe, ebenfalls Gast im Hotel, arbeitete an erotischen Plastiken und Collagen. Er habe die meiste Zeit unbeweglich herumgestanden. Sie hingegen, sagt Scopin im Rückblick, sei wie ein Blitz gewesen und Wände hochgegangen. Er nennt sie: „Erkennbar außerordentlich.“ Mit beiden freundete er sich an.
Erkennbar außerordentlich: Das ist eine Formulierung, die wohl auch für ihn gegolten hat. Weil ihm die schwarzen Gehäuse seiner Kameras zu edel, vornehm und ernst erschienen, hatte er sie kurzerhand sonnenblumengelb lackiert. Sie sollten aussehen wie Spielzeugapparate, und weil er sie rund um die Uhr über der Schulter hängen hatte, fiel er jedem auf und war im Hotel bald allen bekannt. Im Aufzug erhielt er Einladungen, doch mal auf dieses oder jenes Zimmer zu kommen. Und bald wurde er von den Bewohnern weitergereicht. Was zu aufregenden Freundschaften und zu pikanten Begegnungen führte. „Wir schlafen erst miteinander, bevor du deine Fotos machst, oder?“, fragte die Feministin Germaine Greer, die damals mit dem Buch „Der weibliche Eunuch“ zu einigem Ruhm gekommen war. Scopin dazu: „Mir rutschte das Herz in die Hose.“ Andere Zusammenkünfte schienen eher therapeutische Effekte zu haben. Prinz Roderick Ghyka etwa entblößte sich im Laufe eines sehr persönlichen Gesprächs auch im buchstäblichen Sinn. Erst legte er die Krawatte ab, dann Jacke, Hemd und Hose, bis er in Unterwäsche vor Albert Scopin saß. Beide seien gleichermaßen überrascht gewesen. Dann entstanden die Bilder.

Albert Scopin hatte damals einen Bekannten beim „Zeit Magazin“, und er muss ihm am Telefon, so formuliert er es heute, „so überzeugend“ von all seinen ungewöhnlichen Nachbarn erzählt haben, dass der irgendwann sagte: „Dann schick mal.“ Freilich ohne zu ahnen, was Scopin ihm zumuten würde. Der packte ihm mehr als 800 Fotos in die Post. Ein Dutzend davon erschien im April 1972, ausgebreitet auf drei Doppelseiten unter der Überschrift „Das verrückteste Hotel der Welt“ und einem Vorspann, wonach das Hotel von „Trinkern und Drogensüchtigen, Intellektuellen, Prostituierten und Kakerlaken“ bewohnt sei – sowie den Geistern solcher Literaten und Bohemians wie Mark Twain, Oscar Wilde und Arthur Miller, die dort einst „gehaust“ hatten.
Das Haus, von 1883 bis 1885 in der 23. Straße der Westside mit spätviktorianischer Fassade als genossenschaftliches Apartmenthaus errichtet, glänzte damals von Eleganz. Die einst opulente Dekoration war spätestens in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg unter dicken Schichten von Patina verloren gegangen. Aber die Zimmer in den zwölf Stockwerken waren noch immer riesig. Die Künstler wohnten von der achten Etage an nach oben. Mit Zugang zur Dachterrasse. Manche nutzten die Zimmer als Ateliers. In manchen wurden Filme gedreht. Mal Kunst, mal Pornos. Jazz-Bands probten hier. Auf den Bildern von Albert Scopin türmt sich mal fragwürdige Kunst vor Regalen, mal kniehoch der Müll vor Betten. Und der Komponist George Kleinsinger hatte sich in einem Zimmer sein eigenes Palmenhaus eingerichtet – samt tropischen Vögeln, Schlangen und Echsen sowie einem Babyflusspferd. Auch bei ihm hat Albert Scopin fotografiert.
Über Jahre hinweg lagen die Bilder im Archiv des Zeit-Verlags. Aber irgendwann waren sie weg. Verlegt, gestohlen, fortgeworfen? Keiner wusste es. Und noch ein wenig später waren sie einfach vergessen, bis erst ein Antiquar, dann ein Galerist das Konvolut zwischen Göttingen, Bremen und dem Tegernsee hin- und herschoben – und Albert Scopin davon erfuhr und die Arbeiten jetzt zurückerhielt. „Es war“, sagt er, „als sei ich wieder dort. Plötzlich kamen ganz viele Kleinigkeiten zurück ins Gedächtnis.“ Die größte Überraschung aber bleibt, festzustellen, wem er alles begegnet ist. „Die kannte ja damals niemand“, sagt er, „und niemand kannte mich. Aber alle wollten wir berühmt werden.“ So wurden die Fototermine zur Win-win-Situation. Deutschland, hätten nicht wenige gedacht, da soll er mich ruhig groß rausbringen. Zumal Warhol dort gerade Erfolge feierte. In dessen Fahrwasser hatten es sich ohnedies viele bequem gemacht.

Für viele kommt der Ruhm zu spät, den Albert Scopin nun mit einem frisch produzierten Bildband und einer Ausstellung seiner Fotografien von damals anschubsen könnte. Sie sind gestorben. Andere haben es auch ohne ihn geschafft, nicht nur Patti Smith und Robert Mapplethorpe. Und dann schüttelt Albert Scopin, der sich heute als Künstler mit umwerfenden Asphaltbildern in atemberaubenden Formaten einen Namen gemacht hat, immer wieder ungläubig den Kopf, während er im Buch blättert oder an den Bildern seiner Ausstellung vorübergeht. „Das war schon eine komische Zeit.“
Auf seinen Bildern winkt Jonas Mekas mit einer Filmrolle. Der 25 Jahre alte Wim Wenders hält sich an einer Kaffeetasse fest und hofft darauf, Geschäftspartner für eine Unternehmensidee zu finden. Miloš Forman steht vorm Hotel, als warte er auf ein Taxi – dabei fehlte ihm dazu in Wirklichkeit das Geld. Und Rosa von Praunheim posierte auf der Dachterrasse. „Den zumindest kannte man“, sagt Scopin. „Sein Film ,Die Bettwurst‘ wurde gerade überall gefeiert.“ Vergessen indes sind die Cocketts, die sich für Scopin in der Hotellobby aufgekratzt über- und ineinander verkeilt als Gruppe komponierten. Zu ihrer Premiere am Broadway war alles erschienen, was in der New Yorker Kunstszene von Rang war. Die Beurteilung war vernichtend. Gore Vidals Kommentar: „Kein Talent zu haben, reicht nicht.“
„Chelsea Hotel“ von Albert Scopin. Kehrer Verlag, Berlin 2026. 176 Seiten, 118 Fotografien. Broschiert, 38 Euro. Die Ausstellung mit demselben Titel ist in der Berliner Galerie FWR bis zum 18. April zu sehen.
