Der Abend auf ProSieben startet ungewohnt. Wir sehen unsichere Pärchen auf einer Tanzfläche, die krampfhaft versuchen, elegant zu wirken und sich rhythmischer und geschmeidiger zu bewegen als die Dancefloor-Duos um sie herum. Dazu erklingen kuriose Spezialversionen gängiger Populärmusik und irgendwo in der Ecke hockt eine Jury, die akribisch Haltungsnoten vergibt. Natürlich denkt man sofort: Oh, „Let’s Dance“ kommt jetzt schon donnerstags – und Jorge Gonzaléz hat mal mit seiner Frisur mal wieder den Stilvogel abgeschossen. Es sind dann aber doch nur die „Bridgerton“-Edition von Germany’s Next Topmodel und Leni Klum.
Gute Nachrichten gibt es aber dennoch: Hat man sich durch die knapp 2,5 Stunden GNTM gequält, kommen im Anschluss an Heidi Klums Mannequin-Tutorial dieses Mal keine Dr. Nicks und Dr. Ricks, die abgehalfterten D-Promis die verrutschten C-Implantate und schnabeligen Schlauchbootlippen korrigieren, damit Trash-TV-affine Hausfrauen sich in ihren Kliniken so lange in überteuerten Beauty-Behandlungen die Jawlines unterspritzen lassen, bis das nervigste TV-Duo seit Ernie und Bert endlich eine Dependance in Dubai eröffnen kann.
Völlig botoxfrei gealtert ist selbstverständlich Heidi Klum. Richtig ausgeleuchtet sieht man ihr ihre 52 Jahre wirklich nicht an. Oder wie ein sehr bekannter RTL-Moderator kürzlich zu mir sagte: „Die Klum sieht keinen Tag älter aus als 60!“ Leider darf ich an dieser Stelle nicht verraten, wer. Ich musste versprechen, meine Quelle anonym zu halten. Vermutlich würde er mich sonst Köppen.
„Die Leidenschaft zwischen euch wirkte irgendwie erzwungen“
Als erste Amtshandlung des Abends verteilt Klum Fotoentzugsbescheide an Felix und Eileen. Für beide bleibt der Ausflug nach Los Angeles nur ein One-Night-Stand. Mit der CO2-Bilanz einer mittelgroßen europäischen Hauptstadt geht es 24 Stunden nach dem Hinflug bereits wieder zurück. Felix wurde dabei seine mangelnde Hingabe beim Verlustieren mit der wildfremden Lara zum Verhängnis: „Die Leidenschaft zwischen euch wirkte irgendwie erzwungen“. Na sowas, wo die beiden sich vor ihrem Ausflug ins Softerotik-Genre doch bereits ganze acht Minuten kannten.

Komplett gegenteilige Erfahrungen nimmt Antonia aus der formatseitig verordneten Impulsivfummelei mit. Was sind schon acht Minuten, wenn es, äh, „sparkt“? Ihr Zwangstechtelmechtel mit Louis ordnet sie jedenfalls so ein: „Ich würde schon sagen, dass da ein Spark ist!“ Wieder so ein Satz, von dem Zuschauer über 24 nur ahnen können, um was es geht.
Eine kurze Internetrecherche zeigt: Spark ist schon mal nicht Antonias Freund. Der Funke darf also überspringen, von der lodernden Leidenschaft in den Augen von Antonia auf die gentlemanhafte Anbetungshaltung des schockverliebten Louis. Viele hatten es seit Jahren geahnt, nun scheint es dokumentiert: Das „H“ in Heidi Klum steht für Wollust. Nur halt nicht der eigenen.
„Tanzen wäre assi!“
Die sinnesrauschende Glut der Spontanobsession zwischen Antonia und Louis übertreffen nur noch Anna und Yanneck. Die beiden strahlend blonden Vorzeigeprototypen des influencertauglichen GNTM-Mainstreams beenden bereits gegenseitig ihre Sätze. Anna beginnt mit „wir passen nicht nur optisch zusammen, sondern …“ und Yanneck ergänzt mit „… Mensch“. Gut, das ist grammatikalisch kein vollständiger Satz, aber Yannick mag neben Anna vor allem kurze Sätze. Zur heutigen Hauptaufgabe, der bewegungsintensiven Zeitreise ins 18. Jahrhundert, sagt er etwa: „Tanzen wäre assi!“ Fremde Frauen küssen dagegen…

Dann geht es aber schon in einen Rokoko-Ballsaal. Dort warten Kostüme wie bei „Bridgerton“ und ein skurriler Tanzlehrer, der verspricht: „We will dance to Vivaldi Music“. Sofort ist Panik im Modelensemble spürbar. Vivaldi, ist das wieder so ein bizarrer Rapper-Name wie Ski Aggu oder Apache 207? Jayden ist das egal, er ist froh, dass nach Tuchfühlung Tanztee ansteht: „Ich dachte nicht, dass wir hier rumlecken, ich will endlich twerken!“ Auch Alexavius wittert konzeptionelle Standortvorteile: „Ich habe etwas in meinem Koffer, das aussieht wie aus dem 18. Jahrhundert!“ Was könnte das sein? Das Mindset der AfD vielleicht.
Ein etwas ungünstig formulierter Leitsatz
Als besonders herausfordernd entpuppt sich die klassische Choreographie. Vor allem Tanzasket Yanneck hadert: „Ich bekomme das nie in meinen Kopf rein!“ Andererseits war da gestern doch auch schon die Zunge von Anna Leider geht es latent frustaktivierend weiter. Die „Mädchen“ bekommen schwere, opulente Ballköniginnen-Frisuren, Godfrey bekommt einen Bart und Merret bekommt die Krise. Ihr Kleinkrieg mit Dauerpartner Boureima eskaliert. Nachdem sie ihn zuvor „Bastard“ genannt hatte, reagiert sie auf seine Vermutung, Heidi Klum würde eventuell zum Partneryoga rufen, eher mittelmäßig euphorisch: „Ja, auf Abstand Partneryoga!“

Zu ihrer Verteidigung sei angemerkt, dass sie schon am Vortag erfolglos versucht hatte, Boureima zum weiterkomm-forcierenden Tanztraining zu motivieren: „Ich habe ja gestern geübt, also wollte ich heute ein paar Körbe werfen“. Also, wenn Boureima sich so sehr für Körbe interessiert, habe ich eine gute Nachricht: Er wird mit ziemlicher Sicherheit zeitnah einen von Merret bekommen.
Als pärchenintern dann die Diskussion startet, wer bei der anstehenden Tanzprüfung welche Rolle übernimmt, leistet sich der Österreicher Alexavius einen historisch unangenehmen Verbalabsturz: „Du hast es gut als Führer!“ Ein etwas ungünstig formulierter Leitsatz.
Modeln ist keine Mathematik
Als den tanzverängstigten Modelexamenskandidaten dann noch eröffnet wird, Heidi Klum habe sich am Vortag verkühlt, läge krank im Bett und hätte Tochter Leni als Ersatzmoderatorin eingeschleust, ist die Konfusion am Siedepunkt. Oder wie Jill sagt: „Da war Irritation im Feld“. Hilfsgärtnerin Leni fährt die Ernte aber trotzdem ein und präsentiert sich als präzise Beobachterin zwischenmenschlicher Nuancen. Bei der Fotovergabe swiped sie nach links und fragt sowohl Antonia und Louis wie auch Anna und Yanneck, ob sie wohl ein Paar wären.
Anna und Yanneck beeilen sich, diese Vermutung unmissverständlich im Reich der Fabeln verschwinden zu lassen, aber Blicke sagen mehr als tausend Dementis. Etwas romantischer läuft es bei Antonia und Louis, der intuitiv mit „Noch nicht“ antwortet. Antonia versucht, empört zu wirken, die sogenannten Schmetterlinge im Bauch setzen allerdings sofort zu einer amtlichen Bungeejumping-Orgie an.
Weniger Glückshormone gibt es für Lukas. Leni Klum schickt ihn nach kurzer Videoabstimmung mit Chefjurorin Heidi nach Hause. Anna hat nun nach Felix also bereits den zweiten männlichen Partner verschlissen. Dem suspendierten Lukas folgt noch der Zwangsabgang von Jill, der im Modelkollektiv für flächendeckende Bestürzung sorgt. Nach Adam Riese müssten daher in der kommenden Woche zwei Damen gehen. Aber Modeln ist keine Mathematik, wir müssen uns also überraschen lassen.
