Jean-Luc Picard, Kapitän der Enterprise, hat in seinem Universum viele Verdienste. In unserem aber wäre er dafür zu loben, ein nobles Getränk für die nächste Generation erschlossen zu haben. In mindestens drei Folgen der Science-Fiction-Serie „Star Trek – The next Generation“ tritt er an den Replikator – einen Apparat zur Umwandung von Energie in beliebige Gerichte und Getränke – und bestellt: „Earl Grey, heiß“.
Benannt ist die Teesorte nach Charles Grey, Viscount of Howick und zweiter Earl Grey (1764 bis 1845). Historisch nachweisbar ist Earl Grey Tea allerdings erst in einer Zeitungswerbung aus dem Jahr 1883. Alle Erzählungen, wie der Earl zum Tee kam – oder der Tee zum Earl –, sind daher bestenfalls Legenden. Trotzdem, irgendjemand muss zuerst auf die Idee gekommen sein, Teeblätter mit ätherischen Ölen aus der Schale der Bergamotte zu aromatisieren.
Auf die Idee kam kein menschlicher Züchter
Das kann schon im 18. Jahrhundert geschehen sein. Da wurde Bergamottöl bereits in der Parfümindustrie verwendet, seit 1709 etwa in Eau de Cologne. 1750 ist nahe Reggio Calabria an der Spitze des italienischen Stiefels die erste Plantage für diese Zitrusfrucht aktenkundig. Als Tafelobst hat sie keine Chance, bilden doch auch reife Früchte nur wenig Zucker und haben stattdessen eine bittere Note.

Schriftlich erwähnt findet sich die Bergamotte bereits 1646 als eine Form des „aurantium“ – ein neulateinisches Wort für Orange. Tatsächlich ist Citrus bergamina vermutlich ohne züchterisches Zutun als Hybrid aus der Bitterorange Citrus aurantium und der Zitronatszitrone Citrus medica entstanden. So sieht sie dann auch aus: kugelrund wie eine Orange und gelb wie eine Zitrone.
Das teurerste der Zitrusöle ist in billigen Tees gar nicht drin
Angebaut wird die Bergamotte bis heute fast ausschließlich in Kalabrien, wo jetzt ihre Blüte beginnt, nachdem im März die letzten Früchte geerntet wurden. Nur hier herrscht ein Klima, das den Bergamotten eine für den kommerziellen Anbau hinreichend konstante Qualität verleiht. So kommen mehr als 90 Prozent der Weltjahresproduktion von der Stiefelspitze: 20.000 Tonnen Früchte für 100 Tonnen Bergamottöl.
Wobei die Anbaufläche seit 1960 rückläufig ist – eine Folge der Fortschritte bei der Herstellung synthetischer Aromastoffe, aber auch gestiegener Grundstückspreise vor Ort. Dafür gibt es heute vermehrt Verwendung für die abgeschälten Früchte. Früher wurden sie untergepflügt oder Viehfutter zugesetzt, heute stellt man unter hinreichendem Zuckerzusatz Marmelade und andere Genussmittel daraus her. Der kalabrische Bergamino-Likör basiert allerdings auch auf den aromatischen Schalen.
Immerhin erzielen Bergamottbauern heute zwischen 20 und 200 Euro pro Kilo Öl. Das Gros der Produktion geht noch immer in die Herstellung teurer Kosmetika. Der Duft echten Bergamottöls verdankt sich einem komplexen Gemisch aus 20 bis 70 verschiedenen Substanzen. Zumindest eine, das schwerflüchtige Bergapten, muss allerdings aus dem Naturprodukt entfernt werden, denn es ist phototoxisch: Unter Einwirkung von Sonnenlicht bindet es sich an die DNA der Hautzellen, was starke Entzündungserscheinungen hervorruft.
Liebhaber des Earl-Grey-Tees müssen hier aber keine Bedenken haben, selbst wenn sie nicht einen Großteil ihrer Zeit in einem Raumschiff statt an der Sonne verbringen. Der Tee enthält nur sehr geringe Mengen Bergamottöl – zu viel würde ihm ein seifiges Bouquet verleihen. Ohnehin kommt reines Bergamottöl nur bei den hochpreisigen Marken zum Einsatz. Im Earl Grey aus dem Supermarkt ist es mit anderen Zitrusölen gestreckt – und ganz billige Sorten enthalten gar keine Bergamotte. So wie ja auch Captain Picards Heißgetränk aus dem Replikator.
