
Da stehen sie. In einem Kreis mitten im Stadion. Schulter an Schulter, ganz eng. Eine Trauergemeinde, wie sie nach einem Fußballspiel und einer schmerzhaften Niederlage oft zusammenkommt. In der Mitte der Trainer, der gestenreich ein paar tröstende Worte sucht.
Nach dem 0:2 von Darmstadt 98 gegen Hannover im Spitzenspiel der zweiten Liga sind es nicht nur die Spieler, die sich rund um den Mittelkreis versammeln. Es ist der ganze enge Kreis des Betriebs: Spieler, Trainer, Physiotherapeuten, Betreuer und alle, die noch dazugehören. Dreißig, eher vierzig Leute, die Florian Kohfeldt, dem Trainer der „Lilien“, lauschen. Ringsum noch die Tribünen, noch die Zuschauer, noch das Flutlicht.
Doch wirkt dieser Kreis schon wie ein Ort danach. Was soll Kohfeldt sagen nach dieser Enttäuschung vor ausverkauftem Haus? Nach der ersten Heimniederlage seit 343 Tagen, wie die Statistiker schnell herausgefunden haben? Nach einer Niederlage an einem Abend unter Flutlicht, unter Bedingungen also, bei denen die Darmstädter gefühlt nie verlieren? Was soll er sagen, wenn an einem solchen Abend die Lichter ausgehen?
„Ich habe ihnen einfach Mut zugesprochen“, sagt Kohfeldt. „Ich habe ihnen gesagt: Heute ist ein trauriger Tag. Es hat qualitativ nicht gereicht, aber wir haben alles auf dem Platz gelassen, und das ist das, was man von uns erwarten kann. Wir sind zu stark als Gruppe, als dass wir jetzt aufhören würden. Das fühle ich zu tausend Prozent.“
Darmstadts Spieler fühlen Untergangsstimmung
Man sieht aus der Ferne, dass dies nicht alle fühlen in diesem Moment. Der Kreis löst sich auf. Und während sich am anderen Ende des Platzes die Hannoveraner vor ihrem Fanblock feiern lassen, als hätten sie nicht nur die Darmstädter in der Tabelle überholt, sondern schon den Aufstieg geschafft, schleichen die Lilien im Gänsemarsch in Richtung Südtribüne, wo die Ultras auf sie warten und ihrerseits ihr Bestes geben, um all die hängenden Köpfe wieder aufzurichten. Vergeblich. Es ist ein Bühnenbild, das in Erinnerung bleibt. Drüben die gegnerischen Spieler im siebten Zweitligahimmel, hier mehr als bloße Enttäuschung: Untergangsstimmung.
Mit einem Sieg wären die Darmstädter weiter mitten im Aufstiegsrennen gewesen. Sie hätten zudem einen direkten Konkurrenten distanziert. So aber sind sie auf Platz sechs zurückgefallen. Fünf Spiele bleiben noch. Dreimal müssen sie auswärts antreten, zweimal zu Hause – gegen Mannschaften, die vor ihnen liegen: Elversberg und Paderborn.
Sieben Punkte fehlen ihnen auf Platz zwei, drei auf Platz drei. Verloren ist also noch nichts. Der Schlag, den Hannover den Darmstädtern am Samstag versetzte, ist kein Knockout. Es ist ein Wirkungstreffer.
Gegen Hannover fehlten den „Lilien“ zwei ihrer wichtigsten Spieler: Kai Klefisch, die ordnende Kraft im Mittelfeld, und Isac Lidberg, der beste Stürmer, beide gelbgesperrt. Kohfeldt nahm das nicht als Entschuldigung. Er räumte ein, was alle gesehen hatten: Hannover war an diesem Abend die bessere Mannschaft, hatte das klarere Konzept und auf entscheidenden Positionen die besseren Einzelspieler. Die erste halbe Stunde beherrschten die Norddeutschen nach Belieben. Das 0:1 durch Neubauer in der 14. Minute war nicht einmal eine adäquate Ausbeute ihrer Überlegenheit.
Dann fanden die Lilien bis zur Pause etwas besser ins Spiel. Doch kaum hatte der zweite Durchgang begonnen, warf sie eine Schläfrigkeit weiter zurück. Beim 0:2 nach einem schnell ausgeführten Freistoß hatte Thordarson in der 56. Minute freie Bahn, um zunächst per Kopf am famos haltenden Lilien-Schlussmann Marcel Schuhen zu scheitern, im zweiten Versuch aber doch zu treffen. Der Rest war Kampfsport. Hüben wie drüben.
Angriffswucht der „Lilien“ bleibt ohne Torerfolg
Hannover konnte sich seiner Sache bei Weitem nicht sicher sein. „Darmstadt ist eine der schwierigst zu bespielenden Mannschaften in der Liga“, sagte der Hannoveraner Trainer Christian Titz. „Es war klar, dass es am Ende noch gefährlich wird, wenn sie alles nach vorne werfen.“ Und so war es. Je länger das Spiel dauerte, desto größer wurde die Wucht, mit der die Darmstädter auf den Anschlusstreffer drängten. Das „Bölle“ wird dann zum Druckkessel, zur Energieladestation für die eigene Mannschaft.
Sieben Minuten vor Schluss wechselte Kohfeldt noch einmal drei Spieler ein: Vukotic und Bialek als weitere hünenhafte Angreifer neben Hornby und Lakenmacher, dazu den Japaner Furukawa. Hätte Hornby einmal per Kopf nicht nur die Latte getroffen und ein anderes Mal nicht aus drei Metern über das Tor geköpft, wäre das Spiel womöglich noch gekippt. Ein Lichtblick: Furukawa, 22 Jahre alt, brachte Witz, Dribblings und Esprit ins bis dahin berechenbare Spiel der Lilien – eine nicht zu übersehende Bewerbung für mehr Spielzeit in den kommenden Wochen.
Die Schlussphase zeigte: Die Darmstädter haben sich nicht aufgegeben. Und dabei soll es bleiben. Noch fünf Spiele. Nächste Woche in Fürth wieder mit Klefisch und Lidberg. „Wir müssen jetzt enger zusammenstehen denn je“, sagte Kapitän Schuhen. „Und das werden wir tun.“
