
Zusatzstoffe für Lebensmittel begegnen im Alltag fast jedem Verbraucher. Sie verstärken den Geschmack, färben, konservieren oder verändern die Konsistenz. Zu letzterer Produktgruppe gehören Stabilisatoren. Alleine in Europa ist dies ein Milliardenmarkt – und Private Equity steigt jetzt in einen der wesentlichen deutschen Anbieter an: Der Finanzinvestor Waterland übernimmt nach Informationen der F.A.Z. mehrheitlich den Stabilisatorenhersteller Condio. Seine Produkte machen beispielsweise Joghurt cremig-fest und geben dem veganen Schnitzel die Anmutung von Fleisch. Auf Basis von Marktdaten lässt sich abschätzen, dass das Unternehmen in der Größenordnung von 200 Millionen Euro bewertet wird. Die niederländische Waterland ist in Deutschland vor allem bekannt durch die Fitnessstudiokette Fitness First.
Im Bundesanzeiger nennt Condio als größte Konkurrenten den Großkonzern Dr. Oetker, der im Hauptgeschäft Endverbraucher mit verarbeiteten Lebensmitteln bedient, Rudolf Wild und die Stern-Wywiol Gruppe. Branchenkenner zählen zu den wichtigen Wettbewerbern außerdem das Unternehmen Katech aus Lübeck, das vor fünf Jahren im Zentrum einer anderen Übernahme stand: Es ist im börsennotierten US-Konzern Ingredion aufgegangen, einem Großanbieter der internationalen Zusatzstoffindustrie mit zuletzt mehr als sieben Milliarden Dollar Jahresumsatz. International sind Großkonzerne wie Kerry und Cargill bedeutsam.
Condio mit Sitz in Werder an der Havel erzielte im Jahr 2024 knapp 109 Millionen Euro Umsatz, wie aus dem Konzernabschluss hervorgeht, der seit kurzem im Bundesanzeiger hinterlegt ist. Das war trotz steigenden Absatzes weniger als im Vorjahr, weil die Preise sanken – in Deutschland im Schnitt um acht Prozent. Druck entsteht in der EU durch die Macht der Lebensmittelhändler: „Große Handelsketten diktieren die Preise, in denen die Produzenten und Rohstofflieferanten Lösungen finden müssen“, ist im Konzernabschluss zu lesen. Andererseits haben den Angaben zufolge neue Wettbewerber wenig Chancen, weil Lebensmittelhersteller verlässliche Lieferanten brauchten und keine Risiken eingehen wollten.
Pflanzenfasern, Algen, Johannisbrotkernmehl
Condio prognostizierte in dem jüngst veröffentlichten Bericht für das Jahr 2024 etwa 115 Millionen Euro Umsatz für 2025 – was dem Vernehmen nach aber leicht übertroffen worden ist. Bis 2027 sollen die Erlöse nach der jüngsten veröffentlichten Prognose auf etwa 135 Millionen Euro zulegen. Die Produkte kommen in Eis, anderen Milcherzeugnissen, Feinkost, Fleisch und veganen Lebensmitteln zum Einsatz. Condio verwendet nach eigenen Angaben ausschließlich Naturrohstoffe, beispielsweise aus Pflanzenfasern, Algen und Johannisbrotkernmehl. Das Unternehmen produziert in Werder und an einem Standort in Südafrika.
2024 fielen laut Konzernabschluss 15,3 Millionen Euro als Ergebnis vor Steuern an. Zwischen 15 und 20 Millionen Euro dürfte das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) gelegen haben – jene Kennziffer, die branchenübergreifend in Übernahmen üblicherweise als Grundlage für die Preisverhandlungen dient. 2014 erwarb der amerikanische Agrarkonzern Archer Daniels Midland (ADM) den Zusatzstoffhersteller Wild, an dem der amerikanische Finanzinvestor KKR einen Minderheitsanteil hielt.
ADM zahlte nach damaligen Angaben aus Finanzkreisen etwa das 17-fache jährliche Ebitda. Allerdings war das Produktportefeuille anders zusammengesetzt, und Wild expandierte in den Jahren mit der KKR-Beteiligung – was Condio unter Waterland-Ägide erst noch bevorstehen dürfte. Der Multiplikator für die jetzige Transaktion dürfte eher im niedrigen bis mittleren Zehnerbereich liegen – woraus sich eine Transaktion in geschätzter Größenordnung von 200 Millionen Euro ergibt.
Wie zu hören ist, wurde die Vereinbarung vor Ostern unterzeichnet. Mitarbeiter sind darüber schon informiert worden. Waterland bestätigte auf Anfrage den Plan für die Übernahme. Zu Details wie dem Unternehmenswert lehnte der Investor eine Stellungnahme ab. Er ließ aber wissen, Condio solle international expandieren und als Plattform für Zukäufe dienen. Die Transaktion werde voraussichtlich im zweiten Quartal abgeschlossen.
Knapp die Hälfte des Umsatzes erzielte Condio nach den jüngsten veröffentlichten Daten in Deutschland und vier Fünftel in der EU. Der für Condio relevante Markt an Stabilisatorenmischungen in Europa umfasst nach Unternehmensangaben 700 Millionen Euro. Daraus ergibt sich ein Marktanteil von etwa einem Zehntel. Den gesamten europäischen Markt für Stabilisatoren veranschlagen Kenner auf ein bis zwei Milliarden Euro. Laut Condios Konzernabschluss umfasste der Weltmarkt für Lebensmittelzusatzstoffe aller Art 80,4 Milliarden Dollar 2024; er wächst voraussichtlich auf 106,8 Milliarden Dollar bis Ende 2029.
Bekannt durch Fitness First und Hansefit
Das Unternehmen liegt zu 90 Prozent bei der Familie des Unternehmensgründers, zu zehn Prozent in der Hand von Geschäftsführerin Christa Sudenfeld. Die jetzigen Eigner sollen sich nach der Transaktion rückbeteiligen und eine bedeutende Minderheit behalten.
Der Finanzinvestor Waterland hat schon Erfahrung im Lebensmittelsektor, zum Beispiel über Beteiligungen am Nährstoffriegelhersteller EMPWR, den Großbäckereien Onoré und dem Backspezialisten Diversi Foods. Am bekanntesten ist aus dem Beteiligungsportfolio in Deutschland aber wohl ein Unternehmen aus einem anderen Sektor: die Fitnessgruppe LifeFit Group mit der Kette Fitness First als prominentester Marke. Außerdem betreibt Waterland – unter dem Dach der Gesellschaft Exercite – die Plattform Hansefit für Firmenkunden, die ihren Mitarbeitern wiederum Zugang zu Partnern wie Fitnessstudios und Schwimmbädern bieten. Der Finanzinvestor folgt der verbreiteten Private-Equity-Strategie des „Buy and Build“: Er übernimmt ein Unternehmen und nutzt es als Ausgangspunkt, um mit Zukäufen einen Großanbieter zu formen.
