Herr Giovanoli, als Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie führen Sie das Zentrum für Schwerbrandverletzte am Universitätsspital Zürich und behandeln Patienten, die bei dem Brand in Crans-Montana verletzt wurden. Wie und wann erfuhren Sie von der Katastrophe?
Am Neujahrsmorgen um 2.30 Uhr wurden wir informiert, dass in der Schweiz eine Explosion stattgefunden hat und dass man brandverletzte Patienten erwartet. Die ersten waren dann knapp zwei Stunden später bei uns.
War Ihr Team da schon voll einsatzbereit?
Ungefähr die Hälfte des Teams war sofort verfügbar. Ich war im Ausland und kam am zweiten Tag zurück, andere Mitarbeiter, darunter etliche leitende Ärzte, brachen ihren Urlaub ab und waren am nächsten Tag an Bord. Die Solidarität im gesamten Klinikum war riesengroß.
Wie viele der mehr als 100 Verletzten haben Sie bisher in Zürich behandelt?
Wir hatten zunächst 17 Patienten und haben dann entschieden, die sechs Schwerstverletzten bei uns zu behalten. Die anderen wurden in in- und ausländische Kliniken verlegt. Für die langfristige Versorgung haben wir bei uns Kapazitäten für acht Schwerstverbrannte.

Was ist das Besondere an diesem Fall?
Dass auf einen Schlag so viele Patienten zu versorgen waren. Es war wichtig, dass sie in Brandverletztenzentren erstbehandelt wurden. Später sind sie nicht mehr transportfähig, weil sich ihr Kreislauf rapide destabilisiert.
Von welchem Punkt an spricht man von Schwerstverbrannten?
Wenn mehr als 20 Prozent der Haut verbrannt sind. Bei unseren Patienten aus Crans-Montana liegt der Anteil zwischen 35 und 80 Prozent.
Macht es für Sie und Ihre Kollegen einen Unterschied, dass die Brandgeschädigten allesamt sehr jung sind?
Das hat eine tragische Komponente. Die jungen Leute könnten Familienmitglieder oder, für mich gesprochen, meine Kinder sein. Was die Heilungschancen betrifft, gilt indes: je jünger, umso besser, weil die Widerstandskraft dann größer ist. Da gibt es eine einfache Faustformel, mit der man Alter und verbrannte Hautoberfläche zusammenzählt. Wenn Sie 20 Jahre alt und zu 80 Prozent verbrannt sind, sind Sie bei 100. Das kann man überleben. Bei 110 hört das Leben in der Regel auf.
Ihre sechs Patienten haben also gute Chancen zu überleben?
Ja, unsere Patienten werden hoffentlich alle überleben. Und ich bin zuversichtlich, dass sie später auch ein lebenswertes Dasein haben werden. Aber es kann immer auch unerwartete Komplikationen geben.
Gibt es ein Muster in der Art der Brandverletzungen?
Ja. Der Feuerball hat freiliegende Körperteile wie Gesicht und Hände tief verbrannt und dann vor allem die Rücken. Ich nehme an als Folge der Flucht, als die Hitze kam.
Sind die Lungen besonders geschädigt wegen der giftigen Dämpfe aus verbranntem Schaumstoff?
Fast alle haben ein schweres Inhalationstrauma, allein schon wegen der Hitze und des Rußes. Die Gase verursachten dann noch einen zusätzlichen Schaden.
Wie sieht die aktuelle Behandlung aus?
Wir versuchen, die verbrannte Hautoberfläche wegzunehmen und noch vorhandene minimale Hautreste mit Eigenhaut zu decken. Dabei achten wir darauf, wie viel für die Patienten operativ zumutbar ist. Wenn man alles auf einmal wegnimmt, verbluten sie. Für diese Arbeit ist stets ein Team von drei oder vier Fachärzten, ein oder zwei Assistenten sowie zwei Studenten erforderlich.
Setzen Sie auch Spenderhaut ein?
Ja, für die temporäre Deckung setzen wir Spenderhaut oder Kunsthaut ein.
Inzwischen züchten Sie sogar Eigenhaut?
Das ist richtig. Wenn mehr als 50 Prozent der Körperoberfläche verbrannt sind, haben wir zu wenig unversehrte Eigenhaut, die wir transplantieren können. Dann entnehmen wir briefmarkengroße Hautstückchen und schicken sie an ein spezialisiertes Labor des Universitätsklinikums Lausanne, das daraus binnen drei Wochen 30 bis 50 Hautteile züchtet.
Wie reagieren Patienten, wenn sie aus dem Koma erwachen?
Das ist unterschiedlich. Die einen haben Flashbacks, sehen Feuer, haben Angstzustände. Andere wachen ganz langsam auf. Die Pfleger sind darin geübt, mit diesen Situationen umzugehen. Zudem gibt es eine psychologische Betreuung durch Trauma-Spezialisten, damit es für die Patienten so leicht wie möglich wird.
Wie gehen Sie mit den Sorgen und Ängsten der Angehörigen um?
Dafür haben wir spezielle Care-Teams, die sowohl die Angehörigen als auch unser eigenes Personal betreuen können.
Mussten Sie „normale“ Operationen verschieben wegen des Sondereinsatzes?
Ja, wir haben die eine oder andere geplante, aber nicht sofort zwingend notwendige Operation verschoben. Grundsätzlich versuchen wir, den Gesamtbetrieb unseres Klinikums nicht zu stören, der muss ja weiter funktionieren. Wir behandeln ja nicht nur Brandverletzte.
Es gibt in der Schweiz nur zwei Kliniken für Schwerstbrandverletzte. Daher ist man in dieser Brandkatastrophe auf die Unterstützung ausländischer Spezialkliniken angewiesen. Spart die Schweiz am falschen Ende?
Nein, das glaube ich nicht. Wir haben selten so viele Brandverletzte auf einen Schlag. Das sind Ereignisse, die alle 20 oder 40 Jahre vorkommen. Auch dank der Vernetzung im europäischen Raum reichen die Kapazitäten, die wir jetzt haben.
Die Solidarität in der EU ist groß, wie die Aufnahmebereitschaft von Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien zeigt. Könnte das die weit verbreitete EU-Skepsis in der Schweiz mindern?
Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich bin Arzt und nicht Politiker.
