Folgen Sie mir in meine Kindheit. Nicht, weil es sich bei dem Buch, das ich heute vorstelle, um einen Kindercomic handelt. Oder sagen wir: nicht nur deswegen. Zumal Camille Jourdys „Pippin & Olivia“ zwar ein Kindercomic ist, aber Erwachsenen ähnlich viel Vergnügen bereiten dürfte. Mir zumindest.
Nein, in die Kinderzeit will ich deshalb zurück, weil es da eine prägende Lektüreerfahrung gab, die zugleich mein Gefühl für literarische Verfahren ausgebildet hat. Und das für zeichnerische Qualität. Wie wohl jedes Kind, das in der Bundesrepublik der Siebzigerjahre lebte, habe ich begeistert die „Lustigen Taschenbücher“ gelesen, die meist mit Disney-Comics italienischen Ursprungs bestrittenen 254 Seiten starken Bände, die bis heute fortgesetzt werden, mittlerweile monatlich (damals kamen sie nur alle zwei Monate oder womöglich gar vierteljährlich heraus).
Was das Besondere am Leseerlebnis der LTB, wie man sie gemeinhin abkürzt, war, muss erklärt werden, denn man kann diese Erfahrung heute nicht mehr machen. Ursprünglich waren die einzelnen Geschichten nämlich eingebettet in eine Rahmenhandlung, und deshalb stand auf jeder ersten Comicseite der LTB die Überschrift „Vorgeschichte“. Dadurch wurde aus dem willkürlich zusammengestellten Konvolut, bei dessen Auswahl die zuständige Redaktion schon beim Serienstart 1967 auf mehrere Jahrzehnte italienischer Disney-Produktion zurückgreifen konnte, eine einzige große Erzählung, die sich über den ganzen Band erstreckte. Wir kennen so etwas aus der Romantik, etwa in der Märchensammlung von Wilhelm Hauff.

Nun musste allerdings ein Element her, das die einzelnen Geschichten eines LTB miteinander verbindet. Und dann musste es auch eigens gezeichnet werden. Das besorgten minderbemittelte grafische Kräfte, was jedem Leser auffiel: Der Stil der Rahmenhandlung unterschied sich deutlich von dem der Geschichten, die auch wiederum meist von verschiedenen Zeichnern stammten. Und auch wenn die Rahmenhandlung meist am allerschlechtesten geriet (grafisch – inhaltlich war sie bisweilen gar nicht übel), gab es ebenso wenig gelungene Einzelgeschichten. Und natürlich sehr gelungene. Als Kind bildete man seinen Geschmack beim LTB-Lesen.
Der Weg zum Einkaufen als Erinnerungsauslöser
Warum erzähle ich das? Weil Camille Jourdy in „Pippin & Olivia“ auch eine Rahmenhandlung für zuvor einzeln entstandene Geschichten geschaffen hat. Dadurch erzählt der Band auf seinen 127 Seiten in einem einzigen großen Bogen, obwohl darin eigentlich zehn jeweils abgeschlossene Episoden stecken. Wobei sie alle von Camille Jourdy erdacht und gezeichnet wurden, sodass der Qualitätsunterschied hier nur graduell ist. Und die Rahmenhandlung aus ihrer Feder fällt natürlich demgegenüber auch nicht ab.

Für sie benutzt die 1979 geborene Französin einen simplen Kunstgriff, der auch in den LTB oft zum Zuge kam: Die Figuren der Rahmenhandlung erinnern sich an frühere Ereignisse, und schon ist man immer wieder aufs Neue in alten Geschichten. Hier sind es die Titelhelden selbst, das Mädchen Olivia und ihr kleiner Bruder Pippin, die in Vorbereitung eines Gartenfestes von der Mutter zum Einkaufen geschickt werden und auf dem Weg allerlei Begegnungen und Erlebnisse haben, die Erinnerungen auslösen. Bis zum Schluss die Rahmenhandlung die in ihr enthaltenen Geschichten einholt, denn die letzte Episode gilt dem Gartenfest selbst. Das ist „Die große Gar-Nichts-Feier“, die der Band als Untertitel trägt. Was es damit auf sich hat, sei hier nicht verraten.
Denn in Frankreich ist „Pippin & Olivia“ nicht nur in Form von in Zeitschriften abgedruckten Kurzgeschichten als Serie präsent, sondern es gibt dort auch schon zwei daraus zusammengestellte Sammelbände, deren erster nun ins Deutsche übersetzt worden ist, von Lilian Pithan für den Reprodukt-Verlag, der ja seit Jahren ein ambitioniertes Kindercomicprogramm hat und Jourdys Bücher schon von Beginn an publizierte. Obwohl „nun ins Deutsche übersetzt“ eigentlich frech gesagt ist, denn das Buch kam im vergangenen März heraus. Und ich wollte nicht so richtig heran an die Lektüre. Bis jetzt.
Freiheit ist das grafische Erzählprinzip
Das hatte seinen Grund darin, dass ich Camille Jourdys ersten hierzulande erschienenen Band, „Rosalie Blum“, sensationell fand, aber den Nachfolger, „Die Vunderwollen“ (ja, genau so geschrieben!), wenig reizvoll. Und das erste Buch war ein Erwachsenencomic, das zweite dagegen für Kinder gedacht. Also war ich skeptisch, als nun wieder ein Kindercomic anstand. Obwohl ich einige Episoden daraus übersetzt schon im schönen Kindercomicmagazin „Polle“ gelesen und gemocht hatte.
Und dann konnte ich feststellen: Das ganze Konvolut mag ich noch mehr. Auch wegen der Rahmenhandlung. Die ist nämlich ein Beweis für die Subtilität, mit der Camille Jourdy ihre Comics gestaltet. So hat die Rahmenhandlung keine Rahmenlinien, und das unterscheidet sie deutlich von den eingebetteten Episoden, die alle in klassisch gerahmten Panels erzählt werden. Der Wegfall der Rahmenlinien aber suggeriert erzählerische Freiheit, und die nimmt sich die Autorin ja auch. Zumal die verbindende Handlung in anderem Bildarrangement geboten wird: größere Panels als in den eigentlichen Geschichten. Mit einem Wort: freier.

Und das wird dem Erzählprinzip der „Pippin & Olivia“-Sammelbände (ob es mehr als den einen deutschen geben wird, ist unklar; als Nr. 1 gekennzeichnet ist er nicht, also dürfte die Fortsetzung vom Erfolg abhängen – kauft, Leute!) gerecht, denn Freiheit der kindlichen Phantasie ist deren zentrales Thema. Die beiden Titelfiguren kabbeln sich zwar dauernd, aber sie sind auch ein grandioses Team, das so manches an erwachsener Autorität infrage stellt. Wobei es sich dabei nicht um einen Generationenkonflikt handelt; das Schönste an „Pippin & Olivia“ ist, dass hier alle an einem Strang ziehen. Ernsthafte Konflikte gibt es nicht, alles ist liebenswert. Man nenne es Eskapismus, aber so herzerwärmende Geschichten über Kindheit habe ich noch nie gelesen. Na gut, vielleicht beim „kleinen Nick“ doch schon mal.
Das liegt daran, dass Camille Jourdy so genau hinsieht und dann die Sicht der Kinderfiguren zur Leitperspektive werden lässt. Und sie hört genau hin, wobei das der einzige Kritikpunkt ist, den ich an der deutschen Fassung habe: Die Jugendsprache klingt hier manchmal so, als wäre sie aus meiner Kindheit. Aber andererseits hat Jourdy auch alle nicht handlungsrelevanten Modernismen aus ihren Bildern entfernt. Mobiltelefone oder Computer? Fehlanzeige. Dafür ist ihr kleines Figurenensemble aber modern: Cousin und Cousine heißen Harun und Lulu und sind dunkelhäutig gezeichnet, obwohl sie bei Pippins und Olivias Großeltern mütterlicherseits leben. Ob sie adoptiert sind? Kein Thema für den Comic – für ihn ist Vielfalt selbstverständlich.
Dabei spielt sich das Geschehen in einer vertraut mitteleuropäischen Szenerie ab: eine eher kleine Stadt als Lebensmittelpunkt von Olivia und Pippin, dörfliche Umgebung für die genannten Großeltern, also gibt es Straßen und Wälder, Jahrmärkte (ja, so heißt das wirklich noch in diesem Buch) und Wochenmärkte. Es gibt hiesige Jahreszeiten und Festivitäten, und eine der Geschichten dreht sich um die Sehnsucht nach Schnee zu Weihnachten. Falsche diversitätspolitische Korrektheit jedenfalls ist nicht Jourdys Sache.

Stattdessen stellt sie durch kleine Modifikationen allzu herkömmliche Rollenbilder infrage, um das aber auch gleich wieder zu ironisieren. So ist der Vater von Pippin und Olivia ein leidenschaftlicher Koch. Leider aber auch ein grässlicher. So ist die Großmutter väterlicherseits ein Energiepaket, doch beim Waldspaziergang erweist sie sich als unbeholfen. Während der Nachbar der Familie, Herr Becker, eine Rolle wie in einer Komödie der Fünfzigerjahre spielt: erst grummelig, dann goldenes Herz. Lebenstüchtig muss all die kleinen Leser das nicht machen. Aber lebenszugewandt.
Ach ja, es wird konsequent verdeutscht in diesem Comic. Herr Becker eben. Ober Pippin statt „Pépin“ wie im Original. Das wirkt immer dann etwas komisch, wenn die Szenerie ganz typisch französisch ist (und das ist sie oft). Aber dadurch werden Kinder eine Welt kennenlernen, die wiederum bei viel Bekanntem (Sprache, Namen) auch etwas Neues bietet – so wie es mir als Kind mit Entenhausen ging.
