In Ruhe ein Stechen um knapp eine Million Euro Preisegeld beim prestigeträchtigsten Springturnier der Welt zu reiten, verträgt sich normalerweise nicht. Dieser finale von drei Umläufen am Ende eines langen Wochenendes muss schließlich so schnell wie möglich und vor allem fehlerfrei absolviert werden, um die Chance auf den Sieg zu wahren.
Richard Vogel und seinem Hengst United Touch liegt ebendiese Situation eigentlich. Das Pferd galoppiert mit riesigen Sprüngen durch den Parcours, sein Springvermögen sucht seinesgleichen. Der Reiter ist bekannt für seinen Mut und seine Nervenstärke. Die Konkurrenz weiß: Wenn Richard Vogel ein Stechen reitet, hat man kaum eine Chance. Selbst dann nicht, wenn er sich selbst aus dem Konzept bringt.
Als Vogel am Sonntagnachmittag als zweiter von drei Reitern den Rasen des Springstadions für das Stechen um den Großen Preis von Aachen betrat, wirkte er verwirrt. Er deutete auf ein Hindernis und schien mit dem Parcours-Team zu diskutieren. Suchte er eine Abkürzung?
„Ich kam leider zu spät, um den Parcours für den zweiten Umlauf abzugehen“, erklärte er später, „deshalb hatte ich nicht viel Zeit, um mir den Kurs für das Stechen einzuprägen.“ Plötzlich stand da also ein Hindernis, das er nicht auf dem Plan hatte. „Ich wollte mich nur rückversichern, ob ich darüber springen muss oder nicht.“ Er fand letztlich den richtigen Weg, ohne jeden Abwurf, in 45,57 Sekunden. Sechs Sekunden schneller als seine Vorreiterin Sophie Hinners mit dem Wallach Singclair (51,62).
Ein Argentinier drängt sich dazwischen
Vergangenes Jahr gewannen die beiden bei der Europameisterschaft in Spanien gemeinsam mit dem deutschen Team Bronze, Richard Vogel und United Touch wurden zudem Einzel-Europameister. Ihr nächstes Ziel ist die Weltmeisterschaft in Aachen im August. An jenem Ort, an dem Vogel nun erstmals den Großen Preis gewann und Hinners Dritte wurde, denn der Argentinier José Maria Larocca vereitelte mit seinem Pferd Finn Lente den deutschen Doppelsieg. Bei 47,36 Sekunden stoppte die Uhr für den Argentinier – und bei Richard Vogel flossen die Tränen.
„Ich heule wirklich selten“, sagte er, „aber heute hatte ich einen guten Grund für Tränen.“ Der 29-Jährige entschied nicht nur den Wettbewerb für sich, den jeder deutsche Springreiter in seiner Karriere mindestens einmal gewinnen möchte, sondern erhielt auch knapp eine Million Euro Preisgeld – 450.000 Euro für den Sieg und eine Prämie von 500.000 Euro, weil er zum zweiten Mal in Folge ein Springen des Rolex Grand Slam gewonnen hat.
Weiterer Millionen-Bonus möglich
Sollte er auch im September in Calgary gewinnen, bekäme er einen weiteren Millionenbonus. Das ist bisher nur dem Briten Scott Brash gelungen. „In jedem anderen Grand Prix wäre es okay gewesen zu wissen, dass man im schlechtesten Fall Dritter wird“, erklärte Vogel nach der Siegerehrung, „aber hier gab es nur ein Ziel, auf das wir lange hingearbeitet haben: den Rolex Grand Prix zu gewinnen. Wir haben alles auf eine Karte gesetzt.“
Sophie Hinners hingegen musste auf Fehler ihrer Konkurrenten setzen. Sie sagte schon nach den ersten beiden Umläufen, die sie fehlerfrei absolviert hatte, dass ihr Stechen weniger liegen würden. „Mein Plan war, dass die Null vorne steht, so schnell wie möglich zu sein, aber nicht volles Risiko zu gehen“, beschrieb sie ihren Plan für die entscheidende Runde. Denn: Ihr Pferd werde „immer super ehrgeizig, wenn ich auf eine schnelle Runde gehe, da können wir sicherlich beide noch etwas lernen.“ Nach drei fehlerfreien Runden Dritte im Großen Preis von Aachen zu werden, sei für sie dennoch ein großer Erfolg.
„United Touch kann alles springen“
Wo Richard Vogel die Zeit gut gemacht hat? Hektik brach während seines Ritts jedenfalls nicht aus, die Unruhe vor dem Start war schnell abgeschüttelt, und auch die Spannung, die sich bis zum Start aufgebaut hatte. „Wenn du aufwachst und weißt, es wird ein Tag, an dem du Geschichte schreiben kannst, spürt man natürlich einen gewissen Druck“, sagte er.
Der Schlüssel, um sich davon nicht erdrücken zu lassen, sei eine gute Vorbereitung. „United Touch kann alles springen, das gibt mir viel Ruhe und Sicherheit. Und ich habe das beste Team um mich herum, das sich zu Hause perfekt um ihn kümmert.“ Über die Verwendung des 500.000-Euro-Bonus musste er deshalb nicht lange nachdenken und antwortete nicht ganz im Ernst: „Damit wird die Haferkasse aufgebessert.“
Nicht nur Vogels Sieg war ein Fingerzeig in Richtung der WM im Sommer. Auch Sophie Hinners bestätigte abermals, selbst ohne das letzte Risiko, dass sie und ihr Pferd in dieser Form unverzichtbar für das deutsche Team sind. André Thiemes sechster Platz mit Chakaria rundete den Erfolg beim Heimturnier ab. Erst Ende Juli will Bundestrainer Otto Becker sein WM-Quartett benennen. Für ihn war das Aachener Turnier am Pfingstwochenende die erste große Standortbestimmung vor dem Championat. Zum ersten Mal in diesem Jahr kamen alle sieben Mitglieder des Olympiakaders mit ihren Spitzenpferden an einem Ort zusammen, ebenso die besten internationalen Reiter der Weltrangliste.
Und während sich Richard Vogel mit seinem Sieg „einen Lebenstraum“ erfüllte, wie er sagte, hat Sophie Hinners ihren noch vor Augen: Sollte sie für die WM nominiert werden, würde für sie „ein Traum wahr werden“, sagte die 28-Jährige. „So eine Weltmeisterschaft im eigenen Land ist sicher etwas, was man nur einmal im Leben mitmachen kann.“
