
Nicht wenige Beobachter sahen in dem amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran auch einen Angriff gegen China. Schließlich nahm der US-Präsident nach Venezuela damit gleich den zweiten wichtigen Öllieferanten der Volksrepublik ins Visier. Dafür schlagen sich Chinas Aktienmärkte seit Ausbruch des Krieges bemerkenswert wacker.
Der Hang-Seng-Index in Hongkong liegt seit dem letzten Handelstag vor Kriegsausbruch Ende Februar knapp zwei Prozent im Minus. Der Hang-Seng-China-Enterprises-Index, in dem die wichtigsten in Hongkong notierten Unternehmen vom Festland gebündelt sind, liegt seitdem sogar leicht im Plus. Die Indizes zeigen sich damit deutlich robuster als die Börsen in mit den USA verbündeten Ländern wie Südkorea, Japan oder auch Deutschland. Während vor allem in Ostasien die Börsen zeitweise Kapriolen schlugen – auch der MSCI World ist seit Kriegsausbruch gut vier Prozent im Minus –, bewegten sich die Märkte in Hongkong kaum mal mehr als drei Prozent je Handelstag.
Ähnlich ist das Bild auf dem chinesischen Festland. Der Shanghai Composite notiert gegenüber Ende Februar mit gut einem Prozent im Minus. Der CSI 300, der die wichtigsten Titel in Shenzhen und Shanghai bündelt, lag am Dienstag im Vergleich zu Ende Februar aber sogar leicht im Plus. Von einem Börsenschock kann also keine Rede sein.
Der Grund dafür ist zum einen, dass Chinas Energieversorgung als vergleichsweise robust gilt. Die Ölreserven, die bisher noch nicht angezapft wurden, reichen Schätzungen zufolge für vier Monate. China ist zwar der größte Öl- und Gasimporteur der Welt. Weil das Land aber auch selbst fördert, bezieht es laut der Internationalen Energieagentur insgesamt nur rund ein Viertel seiner Energieversorgung aus dem Ausland, Japan und Südkorea dagegen mehr als vier Fünftel.
Kurs von CATL legt mehr als ein Drittel zu
Wie in anderen Regionen auch profitieren Öl-, Kohle- und Rohstoff-Titel, Rüstungsaktien, die Produzenten von Düngemitteln, landwirtschaftliche Unternehmen oder Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien. So hat der Aktienkurs von CATL, dem mit großem Abstand größten Batteriehersteller der Welt, seit Kriegsausbruch mehr als ein Drittel zugelegt. Dieser starke Anstieg wurde neben der Überlegung, dass der Krieg der Energiewende Rückenwind gibt, auch von starken Zahlen getrieben. Der Nettogewinn war im vergangenen Jahr um 42 Prozent gestiegen, und vor allem das Geschäft mit der Energiespeicherung, weniger vom Elektroautosegment, trieb die Phantasie der Anleger. Auch andere Unternehmen aus der Batteriebranche legten deutlich zu.
In Hongkong gibt es stattdessen sogar Hoffnungen, zu einer Art Krisengewinner zu werden. Hongkonger Banker und Anwälte berichten von einem Anstieg der Anfragen reicher Klienten aus Dubai und anderen Städten im Nahen Osten. Bis vor Kurzem galten diese noch als sicherer Hafen, jetzt wollen viele reiche Investoren ihr Vermögen und sich selbst vor den Angriffen Irans in Sicherheit bringen.
Das sei eine „goldene Gelegenheit für Hongkong“, schreibt George Chen, in Hongkong ansässiger Berater im Analysehaus The Asia Group, in einem Newsletter. Investoren könnten Hongkong, das angesichts des immer stärkeren Durchgriffs Pekings und der Einschränkungen politischer Freiheiten bis vor Kurzem als unsicher galt, nun als stabiler ansehen als die bombardierten Städte im Nahen Osten. „Es wird nicht leicht sein für die Vereinigten Arabischen Emirate, das Vertrauen wieder herzustellen“, schreibt Chen.
