
Geboren wurde Christian Schwarz-Schilling am 19. November 1930 in Innsbruck, aufgewachsen ist er in Berlin, als Sohn eines Komponisten und einer Pianistin. Aber seine Heimat wurden die Wetterau und Büdingen, wohin er 1957 seinen Wohnsitz verlegte. In Büdingen übernahm er nach dem Tod seines Schwiegervaters zusammen mit seiner Frau Marie-Luise Schwarz-Schilling die Geschäftsführung der Accumulatorenfabrik Sonnenschein GmbH, eines mittelständischen Unternehmens mit Werken in Büdingen und Berlin.
Erst spät im Leben erfuhr Schwarz-Schilling, dass seine Mutter Jüdin war und nur durch Namensänderung und Verschleierung ihrer wahren Identität vor der schlimmsten NS-Verfolgung bewahrt werden konnte. Aber Auftrittsverbote für die Mutter und Gestapobefragungen der Eltern prägten seine Kindheitserinnerungen während der NS-Zeit.
Konkurrent von Alfred Dregger
1960 wurde Schwarz-Schilling Mitglied der CDU, bald darauf Stadtverordneter in Büdingen, Landesvorstandsmitglied, Landtagsabgeordneter und Konkurrent von Alfred Dregger im Kampf um die Kandidatur für das Amt des hessischen Ministerpräsidenten. Von 1966 bis 1976 gehörte der versierte Orgel- und Klavierspieler dem Landtag an, wo er sich als „liberales“ Gegengewicht zum von Alfred Dregger geführten national-konservativen Flügel der Union profilierte. Von 1967 bis 1996 war Schwarz-Schilling stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Hessen, 1967 bis 1980 zudem Generalsekretär und von 1970 bis 1976 stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion.
1976 zog der streitbare Hesse in den Bundestag ein, und unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) avancierte er 1982 zum Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen. Als „Christian von der Post“ brachte er von 1982 an das Kabelfernsehen auf den Weg und teilte die mehr als 500.000 Bedienstete zählende Deutsche Bundespost in drei öffentliche Unternehmen auf: Postbank, Postdienst und Telekom. 1994 wurden diese Geschäftsbereiche unter seinem Nachfolger, Wolfgang Bötsch, privatisiert.
Rücktritt wegen Bosnienkrieges
Im Dezember 1992 erklärte Schwarz-Schilling aus Protest gegen die zögerliche Haltung der Bundesregierung im damaligen Bosnienkrieg seinen Rücktritt als Minister. Aus seiner Sicht spielte sich auf dem Balkan kein Bürgerkrieg, sondern ein Völkermord ab. Er schäme sich, „diesem Kabinett anzugehören, wenn es beim Nichtstun bleibt“, äußerte er zur Begründung für seinen überraschenden Rückzug. Als Ex-Minister gehörte der Wetterauer noch bis zum Jahr 2002 dem Bundestag an.
Bereits im April 1995 hatte Schwarz-Schilling die Aufgabe eines „Internationalen Streitschlichters für die Föderation Bosnien-Hercegowina“ übernommen, eine Funktion, die er bis 2004 bekleidete. Dank der Reputation, die er sich in diesem Amt erarbeitet hatte, wurde der Hesse Anfang 2006 als Nachfolger des Briten Paddy Ashdown zum Hohen Repräsentanten und Sonderbeauftragten der Europäischen Union für Bosnien-Hercegowina ernannt.
2020 zog Schwarz-Schilling in seinem Buch „Der verspielte Frieden in Bosnien“ eine Bilanz seines bis Mitte 2007 währenden Engagements als Hoher Repräsentant in Sarajevo und konstatierte ein Versagen des Westens. Den Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien blieb der Unionspolitiker weiter verbunden, unter anderem engagierte er sich in der Flüchtlingshilfe und war von 2007 bis 2020 Professor für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Sarajevo School of Science and Technology.
Christian Schwarz-Schilling war Träger des Bundesverdienstkreuzes, der Wilhelm-Leuschner-Medaille der Hessischen Landesregierung und des Hessischen Friedenspreises sowie Ehrenbürger von Büdingen und Sarajevo. Erst vor vier Wochen wurde er von der CDU in Büdingen für 65 Jahre Mitgliedschaft in der Partei ausgezeichnet. Am Ostermontag ist der Unternehmer, Politiker, Diplomat und streitbare Geist im Alter von 95 Jahren in seiner Heimatstadt gestorben.
