Herr Brigadegeneral Willer, Sie sind Kommandeur der Offizierschule (OSH) des Heeres. Wie erleben Sie den Führungsnachwuchs der Bundeswehr?
Ich erlebe aufgeweckte, ernsthafte und motivierte Soldaten, die aber auch kritisch sind. Es sind junge Offiziere, die mit Blick auf das derzeitige Weltgeschehen eben auch in der Ausbildung überzeugt werden wollen.
Inwiefern prägen der russische Angriffskrieg und die Zeitenwende die Haltung der jungen Offiziere?
Grundsätzlich haben wir an der Offizierschule des Heeres schon immer für den Einsatz und das Gefecht ausgebildet. Gleichwohl blicken die Soldaten insbesondere seit dem Februar 2022 nochmals ernsthafter, ja existenzieller auf unseren Beruf und die Aufgabenvielfalt als Offizier.
Gibt es ein Bewusstsein dafür, dass sich diese junge Generation von Offizieren möglicherweise in einer Auseinandersetzung mit einem starken Gegner bewähren muss, nämlich Russland?
Absolut. Wir reden von Offizieren der „Generation Z“ – Z für Zeitenwende. Das ist die Generation unserer Landstreitkräfte, welche die Dreißigerjahre prägen wird. Und dessen sind sich die Anwärter und jungen Offiziere sehr wohl bewusst. Wir versuchen, dem im Rahmen einer sich stetig modernisierenden, umfassenden Ausbildung Rechnung zu tragen.
Welche Bedeutung haben demokratisch-freiheitliche Werte in der Ausbildung?
Die freiheitlich-demokratischen Werte in Ausbildung und Führung zu leben, ist Grundvoraussetzung unserer militärischen Professionalität. Das spiegelt auch der Leitspruch der Offizierschule des Heeres wider: „In Freiheit dienen“. Das betrifft einerseits die Verteidigung unserer freiheitlichen Demokratie. Es ist aber auch andererseits Aufgabe unserer Ausbilder, dies glaubhaft vorzuleben sowie unseren Lehrgangsteilnehmern den Raum zu geben, sich zu entfalten, um ihre Potentiale und Talente einbringen zu können. Unsere Lehrgangsteilnehmer müssen erkennen, wie wichtig es ist, diese Werte selbst zu leben. Und sie müssen in ihren Ausbilderinnen und Ausbildern Vorbilder guter Menschenführung erleben.
Die AfD war bei Wahlen zuletzt gerade bei jungen Wählern stark, macht sich das auch bei jungen Bundeswehroffizieren im Alltag bemerkbar?
Das nehme ich so nicht wahr. Weder im Rahmen der Dienstaufsicht noch im Pausengespräch habe ich den Eindruck, dass dies ein Thema ist. Ich empfehle aber immer, sich möglichst breit zu informieren und im besten Sinne eines Demokratieverstärkers Sachverhalte auch in der Gesellschaft einzuordnen. Dies kann etwa beim Bahnfahren in Uniform geschehen. Insbesondere als Offizier hat man die Aufgabe, unseren Auftrag im Kontakt mit der Gesellschaft zu erklären und einordnen zu können. Dies ist aus meiner Überzeugung eine Chance, für unsere Werte und für die Demokratie zu werben.

Manche Ältere beklagen einen Mangel an formaler Bildung und historischem Wissen bei den jüngeren Leuten. Nun ist ja auch die OSH ein Ort der Jugend – was sind Ihre Eindrücke?
Wir bilden natürlich sehr junge Offizieranwärter aus, aber auch erfahrene Kommandeure, die zu Lehrgängen bei uns sind. In der Summe mache ich mir mit Blick auf den Bildungsstand überhaupt keine Sorgen. Diejenigen, die im Rahmen ihrer Offizierausbildung zu uns kommen, haben nach meinem Eindruck ein breites und solides Bildungsfundament. Zum Offizierberuf gehört es, sich auch außerhalb des Dienstes umfassend weiterzubilden. Gerade im Kontext der multinationalen Zusammenarbeit mit unseren Alliierten ist es gewinnbringend, wenn man seine eigene Geschichte kennt und auch die Geschichte seines Gegenübers.
Wir sprechen an der Offizierschule von der Trias der Ausbildung: das taktische militärische Können, die körperliche Leistungsfähigkeit und die wertebasierte geistige Fitness. Das ist für mich das zentrale Thema. Und es treibt mich persönlich um, wenn ich so etwas höre oder lese. Und ich frage mich jedes Mal, wie diese Dinge geschehen können. Für mich ist klar: Schlechte Haltung ist auch ein Ergebnis von schlechter Erziehung. Und wir müssen uns fragen, wie wir das in Zukunft besser hinbekommen: die Werte, für die wir einstehen, besser zu vermitteln und vorzuleben. Und das gilt eben nicht nur für die grundlegende Ausbildung, sondern auch für den anschließenden Alltag in der Truppe. Das sind keine einzelnen Vorgänge, sondern es ist eine grundsätzliche Frage der Resilienz. Wenn wir so etwas tolerieren, ist es für unseren Gegner leichter, die Einsatzbereitschaft unserer Streitkräfte zu schwächen. Man muss daher Fehlverhalten frühzeitig erkennen und umgehend einschreiten. Das setzt Bildung und Persönlichkeitsbildung voraus, und damit beschäftigen wir uns intensiv an der Offizierschule des Heeres.
Zu den Vorkommnissen in Zweibrücken und anderswo gehören immer wieder geschmacklose, teils widerliche und rechtswidrige Aufnahmerituale. Nun hat der Wehrbeauftragte Henning Otte vorgeschlagen, solche Aufnahmerituale gänzlich abzuschaffen, und gesagt, Aufnahmerituale seien „Ausdruck eines grundlegend falschen Verständnisses. Unter ihrem Deckmantel würden betroffene Soldatinnen und Soldaten regelmäßig gedemütigt oder in ihrer körperlichen Integrität verletzt.“ Teilen Sie als Kommandeur der Offizierschule diese Auffassung?
Sofern Aufnahmerituale auf der Grundlage unserer demokratischen Werte und Überzeugungen den Zusammenhalt und den Korpsgeist auch der Kampfgemeinschaften stärken, darf man dieses Brauchtum meiner Meinung nach durchaus pflegen. Aber sobald es darum geht, Menschen vorzuführen, herabzuwürdigen oder körperlich zu misshandeln, bin ich absolut dagegen. Ich habe jedoch Vertrauen in die verantwortlichen Vorgesetzten, die hierfür notwendige Balance zu finden.
Die OSH ist in besonderer Weise dem Handeln des Grafen Stauffenberg verpflichtet – welches Vorbild verbindet sich heute mit ihm, und kann es heute noch prägend wirken für den Offiziernachwuchs?
Stauffenberg ist Namensgeber unserer Kaserne in Dresden, er wurde hier 1927/28 als Fahnenjunker ausgebildet. Sein späteres Handeln im Widerstand gegen die NS-Diktatur wird auch bei uns kontrovers diskutiert. Einerseits hat er erst im Laufe des Krieges das Unrecht des Nationalsozialismus erkannt, andererseits haben er und die anderen Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 dann auch gehandelt, um „die Majestät des Rechts“ wiederherzustellen. Selbst schwer kriegsverwundet hat er sein Leben dafür eingesetzt. Das macht ihn auch für mich persönlich zu einem Vorbild.
Erreicht das Vorbild Stauffenberg heute noch die jungen Offiziere? Kann einer wie er noch Inspiration sein?
Ja, absolut. Natürlich ordnen wir sein Wirken in den Kontext seiner Zeit ein. Er hat gleichwohl Vorbildfunktion für uns, und wir werben dafür, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Neben dem Vorbild im Bilderrahmen ist natürlich das Vorbild „im Türrahmen“ mindestens ebenso wichtig. Also der unmittelbare Vorgesetzte, der Zugführer, der Kompaniechef, der Bataillonskommandeur, der in Haltung, Auftreten, Sprache und Erscheinung nachahmenswert ist und begeistern kann. Auch mit Blick auf unsere eigene Bundeswehrgeschichte haben wir Beispiele, wo Soldaten mit Tapferkeit, Mut, Initiative und Entschlossenheit Vorbilder waren. Und das versuchen unsere Ausbilder, auch aus eigenem Erleben zu vermitteln.
Ihre Zeit an der Offizierschule endet nun. Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Wir haben den Anspruch, unsere Männer und Frauen jeden Tag ein Stück weit besser zu machen und ihnen zu ermöglichen, im Gefecht erfolgreich zu bestehen. Dies ist zweifellos eine anspruchsvolle Aufgabe. Dazu gehört, ich sagte es, auch das Wertefundament und die Resilienz unserer Offiziere zu stärken und damit die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte zu erhöhen. Zudem geht es darum, in der Ausbildung nicht stehen zu bleiben. Wir haben daher ein Projekt „In Zukunft Denken – Innovation und Landstreitkräfte“ gestartet, wo wir das Kriegsbild der Zukunft entwickeln sowie Ableitungen für das Offizierbild und die Ausbildung treffen wollen. Auch die Ausbildung muss schneller und wendiger werden. Das ist keine einfache Aufgabe, aber gerade bei unseren jungen Leuten gibt es da eine große Aufbruchstimmung. Ich bin fest davon überzeugt, dass mein Nachfolger, Brigadegeneral Ralf Peter Hammerstein, das aufgreifen wird.
