
Neulich wurde Jackson Irvine mal wieder so richtig durch den Kakao gezogen. Von sich selbst. „Was ich gespielt habe, war kompletter Müll. Ich war schrecklich.“ Seine Passquote im Spiel gegen Eintracht Frankfurt (0:0) lag bei kümmerlichen 31 Prozent. Insofern hatte der Kapitän des FC St. Pauli Recht.
In weniger sichtbaren Wertungen liegt er aber stets vorn, und darin sind Lakonie, Musikgeschmack und Selbstkritik noch nicht einmal enthalten. „Er ist mein verlängerter Arm, unser Taktgeber“, sagt sein Trainer Alexander Blessin nach dem Spiel, das aus Irvines Sicht „complete rubbish“ gewesen war.
Blessin gerät ins Schwärmen, wenn er von seinem 33 Jahre alten Anführer spricht. Ein „Fixpunkt“ sei dieser, und zwar auch in jedem Training: „Seine Präsenz ist extrem wichtig, jeden Tag.“ Im Spiel beruhige Irvine seine Kollegen, wenn es hektisch werde.
Blessin ist normalerweise sparsam mit Lob. Er ist ein distanzierter Trainer, einer, der sich vor allem um Fußball kümmert – und damit vor dem nächsten Spiel bei Borussia Mönchengladbach an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) genug zu tun hat: Verletzte, Gesperrte, welche Aufstellung, welche Taktik? Solche Sachen eben, Alltag am Millerntor.
Irvine ist der Dauerläufer im Mittelfeld
Und doch steht hinter dem Namen Jackson Irvine mehr als nur ein Mittelfeldspieler aus Australien. Erstens hat er einen großen Anteil an dem, was Blessin in der für ihn typischen Art eine „gute Phase“ nennt – der FC St. Pauli ist mit zehn Punkten aus den vergangenen fünf Partien das viertbeste Team dieser Miniwertung.
Danach hatte es vor Wochen nicht ausgesehen. Und zwar auch, weil der unverzichtbare Irvine wegen fortwährender Schmerzen am operierten linken Fuß pausieren musste. Zum Glück währte der Ausfall Anfang Januar nur zwei Spiele, seitdem ignoriert er die Beeinträchtigung der „knöchernen Stressreaktion“. Ohne „painkiller“, wie er behauptet. Anfangs für Minuten, nun wieder von Anfang bis Ende: Irvine ist der Dauerläufer im Mittelfeld.
Wenn er 90 Minuten mitspielt, hat der FC St. Pauli noch nie verloren, schlechte Pässe hin oder her. Jetzt könnte man so tun, als sei das normal, bringt er doch Leistung, seit er im Sommer 2021 nach Hamburg kam. Aber da war doch etwas.
Ein Aktivist im St.-Pauli-Trikot
Beim FC St. Pauli behandelt man dieses Thema inzwischen wie einen geruchssicher verpackten Harzer: Bloß nicht öffnen! „Ich war und bin mit Jacko im Austausch“, sagt Blessin mit verkniffener Mine, „ich habe auch damals eine klare Haltung gehabt. Mehr will ich dazu nicht sagen.“
Dabei schien ein versöhnlicher Ausgang vor sechs Monaten noch undenkbar. Nicht wenige dachten, der damals verletzte Irvine habe alle Chancen am Millerntor verspielt – und würde im Winter gehen, oder gehen gelassen werden. Brauchte man ihn überhaupt noch, nach einem guten Start mit sieben Punkten aus drei Spielen? Auch war die Rede davon, Irvine würde sich aus eigenen Stücken einen neuen Klub suchen, um die WM-Chancen mit Australien zu wahren.
St. Pauli stolperte dann ohne ihn in eine Serie von neun Niederlagen hintereinander. Der Applaus war groß, als sich Irvine nach überstandener Verletzung im Oktober und November warmlief. Als er im Dezember in Köln erstmals über 90 Minuten auf den Rasen durchhielt, stand der tosende Beifall auch für die Sehnsucht der Menschen, die es mit St. Pauli halten. Schließlich ist Irvine – trotz der zwischenzeitlichen Entfremdung vom vergangenen Sommer – weltweit das Gesicht des Vereins: neugierig, weltoffen, meinungsstark. Ein Aktivist im St.-Pauli-Trikot.
Argumente akzeptieren, nicht abbügeln
Mit seinen Tätowierungen, den lackierten Fingernägeln und gefärbten Haaren, seinem Musikgeschmack, dem Wohnort St. Pauli und der Angewohnheit, mit der U-Bahn zum Training zu fahren, ist dieser Mann anders als so mancher Fußballer. Er bespielt seine eigene Kategorie.
Von einer „zweiten Chance“ für Irvine will am Millerntor niemand sprechen. Weil er als Spieler seiner Qualität eine solche gar nicht benötigt?
Es spricht für St. Pauli, seinem Kapitän im Herbst letztlich dann doch zur Seite gestanden zu haben. Gerade Präsident Oke Göttlich suchte die Diskussion mit ihm, um seine Argumente zu verstehen. Problemlösung kann bedeuten, Argumente der anderen Seite zu hören und zu akzeptieren, und nicht abzubügeln.
Andererseits taugt eine Fußballkabine kaum als Debatten-Standort. Zwischen diesen Polen bewegten sich der FC St. Pauli und Jackson Irvine: Göttlich und Co. mussten ihm die Vereinslinie verdeutlichen, doch sollte er nicht wie ein degradierter Schüler dastehen. Es ist ihnen gelungen, den Fußballspieler zurückzubekommen, ohne den Aktivisten zu zerstören. Das ist keine kleine Leistung.
