Es ist nicht bekannt, ob Jürgen Habermas Fußballfan war. Aber er war einer der größten Denker der Stadt Frankfurt. In den 1990er Jahren gab es die These: So autoritätslos, wie er und seine Kollegen auf die Gesellschaft blicken, so spielt auch der Fußballklub der Stadt von Adorno, Habermas und Co. Das waren die Zeiten von Fußball 2000 bei der Eintracht. 30 Jahre später ist Jürgen Habermas gestorben.
Und die Eintracht zeigte an seinem Todestag ein Spiel, das wenig mit der Frankfurter Schule gemein hatte. Sie schob den Ball von links nach rechts, von rechts nach links. Das genügte nicht für ein vernünftiges Fußballspiel. Es genügte aber, um den Tabellenletzten Heidenheim 1:0 zu besiegen.
Die Eintracht-Spieler hatten offenbar beim Ballbesitzseminar ihres Trainers Albert Riera nicht aufgepasst. Oder sie hatten den Mitspieler gebeten, auf dem Anwesenheitszettel zu unterschreiben, und waren lieber in den Kraftraum gegangen. Wie auch immer: Sie spielten ohne Idee. Riera war einmal am Seitenrand zu sehen, wie er einen werfenden Bowlingspieler imitierte. Seine Spieler sollten flache, schnelle Pässe nach vorne spielen, nicht zur Seite, schien er sagen zu wollen.
Er sah genau jenes mutlose Offensivspiel, das seinen Vorgänger Dino Toppmöller den Job gekostet hatte. Zehn Sekunden vor der Halbzeit pfiff der Schiedsrichter einen Einwurf an, das halbe Stadion dachte, das wäre der Halbzeitpfiff. Zwölf Sekunden später war es dann so weit. Das passiert in der Bundesliga nur noch sehr selten. „Auch wir hatten uns das ein bisschen anders vorgestellt“, sagte Verteidiger Nnamdi Collins später. „Wir haben zu langsam gespielt. Wir brauchen zu viele Ballkontakte“, urteilte Sportvorstand Markus Krösche.
Zuletzt hieß es (wie in jedem Frankfurter Frühling), Krösche überlege, die Eintracht im Sommer zu verlassen. Stimmt das? „Bleiben wir bei den Fakten: Ich habe einen Vertrag bis 2028. Gerade ändert sich nichts“, sagte der Manager. Spekulationen, die gibt es immer.
Damit zurück aufs Feld: Riera wechselte nicht. Dafür kam er mit einem Wintermantel aus den Katakomben. Die Eintracht griff aggressiver an, Jean-Mattéo Bahoya passte auf Ritsu Doan, der deutlich drüberschoss. Sie merkte: Robin Koch laufen die Schwaben nicht an, er hat den nötigen Platz, um das Eintracht-Spiel aufzuziehen. So griffen die Frankfurter koordinierter an. Dann landete ein Kopfball vor den Füßen von Arnaud Kalimuendo. Der Franzose nahm den Ball volley und schoss ihn ins rechte Eck (53. Minute). Nicht jeder Bundesligastürmer macht aus einer solchen Situation einen Treffer.

Die meisten aber hätten wohl in der 68. Minute getroffen: Da duellierten sich Eintracht-Angreifer Ayoube Amaimouni-Echghouyab und FCH-Mittelfeldspieler Mikkel Kaufmann. Viele, um genau zu sein knapp 59.000 Menschen, erkannten ein Foul. Schiedsrichter Harm Osmers zeigte auf den Ball und beobachtete den schwäbischen Gegenangriff. Der lief schnell und gut: Ein Pass auf den flinken Sirlord Conteh, zwei Sekunden Zeit für den Angreifer, Lupfer, 1:1.
Es folgten die aufregendsten zwei Minuten an diesem kalten Fußballmittag im Waldstadion. War es ein Foul? Abseits? Oder doch ein Tor? Schiedsrichter Harm Osmers fasste sich ans Ohr, hob den Arm und rief: Abseits. Conteh hatte sich einen Bizeps zu weit in die Frankfurter Hälfte gelehnt. Die Zuschauer jubelten. Fünf Minuten später aber hatten die Heidenheimer die nächste Chance, diesmal schoss Eren Dinkci drüber. Dann foulte Eintracht-Kapitän Robin Koch, Osmers zeigte Gelb-Rot (74. Minute).
Die Eintracht dreimal ohne Gegentor
Die Heidenheimer trauten sich nun kurz mehr zu, Omar Traoré zielte nur knapp am Eintracht-Tor vorbei. Das war es dann aber auch, der FCH steht kurz vor dem Abstieg in die zweite Liga. Die Eintracht hingegen gewinnt das dritte Heimspiel in Folge: einmal 3:0, einmal 2:0, einmal 1:0. Dreimal ohne Gegentor also. Sonst aber schien die Eintracht, wie schon in der vergangenen Woche, nicht wie ein Team, das noch sieben Punkte Rückstand auf Leverkusen aufholt, um in der Europa League anzutreten. Er könne sich gut vorstellen, dass es für dieses Spiel Kritik gebe, sagte Collins noch. „Aber das prallt an uns ab, wir sind eine Einheit.“
Diese Einheit hat zwar keine 96 Jahre Zeit, um wie Habermas über das Leben nachzudenken. Aber acht Wochen, um schönes Fußballspiel zu üben: So lange läuft die Frankfurter Saison noch, und der Rückstand nach oben ist kleiner geworden.
