
Irgendeinem Journalisten hat der bedauernswerte Buckelwal auf seinem Irrzug durch die Ostsee es zu verdanken, dass man ihn für alle Ewigkeit als Timmy erinnern wird. Timmy, weil die erste Sandbank, die ihn bremste, vor der Gemeinde Timmendorfer Strand lag.
Der Name Moby Dick brachte einst das Moppelige der Spezies auf den Punkt, wohingegen Timmy eigentlich zu leichtgewichtig, zu hundewelpenhaft wirkt für einen Wal; der Gegenvorschlag Hope freilich trug schwer an der Erlösungssehnsucht, die er transportieren sollte, und musste schließlich kentern unter dem Dauerfeuer aus dem Liveticker der „Bild“- Zeitung.
„Timmy bläst wieder!“, „Der Mond leuchtet für Timmy“, „Timmy muss entscheiden“: So lauten Schlagzeilen des tagelangen „Krimi um Timmy“. Warum ein Volk mit einem Tier litt, das dem Normalbürger im Alltag nur selten über den Weg schwimmt, ist in den Feuilletons hinreichend analysiert worden.
Dem verzweifelten Umweltminister Till Backhaus war schließlich nicht einmal der Vergleich mit der Passion Christi zu hoch: Ostern, sagte er, sei man „in Gottes Hand. Und was mit Jesus passiert ist, wissen wir auch.“ Am Ende wird man auf des Wales Wiederauferstehung hoffen müssen.
Auf den Wolf blickt man ganz anders
Ganz anders blickt man auf den Wolf, der in Hamburg ebenfalls einen Leidensweg hinter sich hat, der ihn von verschiedenen Stadtteilen über eine Einkaufspassage und die Binnenalster in ein Wildtiergehege führte, wo er seines weiteren Schicksals harrt, das schlimmstenfalls hieße: Einschläfern.
Auch ihm hatte eine Frau helfen wollen, allerdings biss das panische Tier sie und bewies, dass nicht nur der Mensch, sondern auch der Wolf dem Menschen ein Wolf sein kann. Doch die geringe Empathie in seinem Fall dürfte noch auf etwas anderes zurückzuführen sein: In den Medien taucht er nur auf als „der Wolf“, auch als „der böse Wolf“ oder gar „der Beiß-Wolf“ („Bild“); er trägt keinen Namen, ein Los, das er mit dem gleichsam bissigen Wels des vergangenen Sommers teilt.
(Wal, Wels, Wolf oder das Berliner Wildschwein, das einen Löwen mimte: Warum fangen eigentlich alle Medientiere mit W an? Laufen sich schon Wachtel, Wombat und Weberknecht warm?)
Wer für den Wolf das Schlimmste verhindern will, der gibt ihm daher schleunigst einen Namen, der ihn aus der Anonymität erlöst und ihm eine Persönlichkeit verleiht. Aber welchen? Isegrim, wie der Wolf bei „Reineke Fuchs“ heißt, klingt unsympathisch, Wolfi zu niedlich. Hamburger Lokalkolorit hätten Michel, Hans, Pauli oder Altona, welches an den „Dschungelbuch“-Wolf Akela erinnert.
Unser Vorschlag aber wäre einer, der sowohl an den alten Isegrim als auch an die Brüder Grimm und sogar an Wal Timmy erinnert: Grimmy. Mit einem Namen wie diesem – und einem Peilsender – hätte der Wolf eine größere Chance, noch einmal die Freiheit zu erlangen. Und damit wäre der Krimi um Grimmy hoffentlich auch zu Ende erzählt.
