Was macht eigentlich Dietmar Woidke? Er regiert. Und regiert. Und regiert. Bald ist er der dienstälteste Ministerpräsident in Deutschland; dafür muss nur noch Winfried Kretschmann die Geschäfte an Cem Özdemir übergeben. Von den beiden hört man viel, von Woidke wenig. Macht er dann überhaupt was, oder hat nur irgendjemand vergessen, ihn abzuwählen?
Ein Teil der Antwort besteht darin, dass sich außerhalb von Brandenburg kaum jemand für Brandenburg interessiert. Das soll die Tourismuszahlen nicht schlechtreden, Hunderttausende reisen gern in die Uckermark, in den Spreewald oder bummeln durch Potsdam. Aber Interesse bedeutet: verstehen wollen. Und da hört es bei vielen auf.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das liegt auch daran, dass in Brandenburg nur zweieinhalb Millionen Menschen leben, und die sind auch noch Ostdeutsche, die nicht die AfD zur stärksten Kraft im Land wählen. Ausnahmezustand herrscht anderswo.
Es ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten der SPD
Das wiederum ist zu wesentlichen Teilen Woidkes Verdienst. Seit 2013 führt der Sozialdemokrat unterschiedliche Landesregierungen: erst ein Bündnis aus SPD und Linken, dann eines aus SPD, CDU und Grünen. Ende 2024 musste er es mit dem BSW probieren. Andere Mehrheiten gab es jenseits der AfD nicht. Die Koalition zerbrach ein Jahr später, weil die BSW-Fraktion sich zerlegte. Der Vizeministerpräsident verließ Partei und Fraktion und lief zur SPD über. Nun waren neue Mehrheiten entstanden. Woidke ging in Koalitionsverhandlungen mit der CDU. Seit dieser Woche steht die neue Regierung.
Es ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten, welche die SPD dieser Tage erzählen kann. Oder könnte, wenn sie wollte. Dafür müsste sie anerkennen, dass Woidke ein untypischer Sozialdemokrat ist. Manche würden vielleicht auch sagen: unmodern. Er hat zum Beispiel nur 5600 Follower auf Instagram. Zum Vergleich: Die Stadtverwaltung Eberswalde hat 6300, NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst 81.000.
Das besagt wenig, außer, dass Woidke nicht durch Social-Media-Interventionen und sich daraus oft ergebende Talkshow-Auftritte Wirkmacht erlangt. Sein Rezept ist relativ stille, aber ernsthafte Arbeit, die vielen anderen stillen, ernsthaften Arbeitern das Gefühl gibt, er sei wie sie.
Wer immer wieder gewählt wird, macht einiges richtig
Das kriegen sie nämlich auch ohne Instagram mit: dass es Brandenburg, gemessen daran, dass gerade überall Krise ist, vergleichsweise ordentlich geht. Trotzdem wählen viele AfD; aber deutlich mehr tun es eben nicht. Das liegt – Stichwort untypischer Sozialdemokrat – auch daran, dass Woidke sehr beliebt ist. Seine Partei wurde nur deshalb stärkste Kraft, weil er das zur Bedingung dafür gemacht hatte, weiterzumachen. Von Platz zwei aus nach dem Spitzenposten greifen – das wollte Woidke nicht.
Das passt nicht zu dem Bild, das viele Bürger von Politikern haben. Es überrascht sie, ebenso wie Woidkes Distanz zur Bundes-SPD. Müsste ein Parteisoldat nicht mit den anderen marschieren? Woidke jedenfalls nicht; erst diese Woche kritisierte er die Spitze seiner Partei dafür, dass sie sich nicht genug um die Arbeitnehmer kümmere. Denen kann man seiner Überzeugung nach durchaus was zumuten. Lieber klare Worte statt diffuser Subventionen.
Ja, Brandenburg ist nicht die Bundesrepublik. Aber regieren ist regieren. Wer immer wieder gewählt wird, macht einiges richtig. Der SPD könnte eine Prise Woidke mehr nicht schaden.
