
Die Ergebnisse der repräsentativen Befragung zum Deutschen Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung sind ernüchternd: Sie belegen erstmals nach der Pandemie eine stärkere psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen. Jedes vierte Kind ist davon betroffen. Es sind vor allem diejenigen, die ohnehin unter erschwerten Bedingungen aufwachsen. Kinder aus einkommensschwachen Familien sind überdurchschnittlich oft davon betroffen (31 Prozent), sie fühlen sich in der Schule nicht wirklich wohl und berichten insgesamt von einer niedrigen Lebensqualität (36 Prozent).
Für das Schulbarometer, das seit 2019 im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung regelmäßig die Ergebnisse repräsentativer Befragungen zur Situation der Schulen berichtet, waren von Mai bis Juni 2025 insgesamt 1507 Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren, sowie einen Elternteil befragt worden.
Das Schulbarometer belegt einen engen Zusammenhang zwischen der psychischen Gesundheit und der Unterrichtsqualität. Sobald Schüler den Unterricht als klar strukturiert und unterstützend, interessant und nicht überfordernd erleben, geht es ihnen besser. „Guter Unterricht fördert also nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt ganz direkt das Wohlbefinden der Kinder“, stellt die Bosch-Stiftung fest. Sowohl zu geringe als auch zu hohe Anforderungen führen zu einem geringeren Wohlbefinden der Schüler. Eine gute Klassenführung führe dazu, dass die verfügbare Unterrichtszeit sinnvoll genutzt werde, weil Schüler zuhörten und der Unterricht seltener gestört werde, heißt es im Schulbarometer.
Große Versorgungslücke bei Sozialarbeit und Psychologie
Eine große Rolle spielt aber auch das Klassenklima. Wenn Schüler ein gutes Miteinander in der Klasse erlebten und ihrer eigenen Leistungsfähigkeit vertrauen, also ein „positives akademisches Selbstkonzept haben“, gehen sie lieber zur Schule und fühlen sich wohler. Einerseits Lernleistung zu fordern und andererseits das schulische Wohlbefinden zu fördern, sind also laut Schulbarometer keine widerstreitenden Ziele, sondern bedingen sich gegenseitig. Das ist für Lehrer eine wichtige Botschaft, weil sie dazu auffordert, Unterstützung und Rückmeldung zu verstärken, an den Ansprüchen aber keine Abstriche zu machen.
Alarmierend ist die Versorgungslücke in den Bereichen Schulsozialarbeit und Schulpsychologie, die nur in einem Viertel der Schulen angeboten werden. Wenn 15 Prozent der Befragten psychische Auffälligkeiten aufweisen und 10 Prozent im Grenzbereich liegen, müsste es dringend mehr Psychologen auch in der Schule geben, wenngleich sie nicht alles auffangen können, was eine regelmäßige Therapie leisten könnte, heißt es in der Studie. Doch bei niedergelassenen Psychologen müssen Kinder und Jugendliche oft mehrere Monate bis Jahre auf einen Therapieplatz warten.
Der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie hat deshalb die vom Bundesgesundheitsministerium geplante Senkung der Honorare für Psychotherapie zum 1. April dieses Jahres scharf kritisiert. „Die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist seit der Pandemie so schlecht wie nie, die psychotherapeutische Versorgung ist nicht ausreichend, die Praxen sind überlastet“, heißt es in einer Erklärung. In dieser Zeit die Honorare zu kürzen, sei unverantwortlich, weil sich durch frühe Interventionen chronische Verläufe psychischer Erkrankungen verhindern ließen.
Die große Mehrheit der Schüler wünscht sich mehr Einfluss auf den Unterricht und fühlt sich bislang kaum gehört. Während sich drei Viertel der Schüler mehr Einfluss auf Unterrichtsthemen und Prüfungsformate wünschen, geben vier Fünftel an, kaum mitreden zu können. Selbst Gremien wie die Schülervertretung werden von 43 Prozent der Befragten als wirkungslos eingeschätzt. Die Bosch-Stiftung sieht einen Zusammenhang zwischen mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten und besserem Wohlbefinden in der Schule.
„Echte Partizipation ist die Grundlage für Wohlbefinden“
Die Lehrer indessen beurteilten die Mitwirkungsmöglichkeiten der Schüler im Schulbarometer 2025 als ausreichend, schätzen aber die Möglichkeiten, Unterricht mitzugestalten, ebenfalls als gering ein. „Echte Partizipation ist kein Beiwerk, sondern die Grundlage für Wohlbefinden und gelebte Demokratie in der Schule“, schlussfolgert die Bosch-Stiftung. Wer Regeln für junge Menschen aufstelle, ohne sie zu hören, untergrabe das Vertrauen in Institutionen, das demokratische Gesellschaften dringend bräuchten. „Nur wer gehört wird, vertraut und nur wer Vertrauen hat, nimmt konstruktiv teil und gestaltet mit“, heißt es im Schulbarometer.
Ein Drittel der Jugendlichen erlebt der Befragung zufolge regelmäßig Schikanen durch Mitschüler. Mobbing durch Beschimpfungen, Auslachen, Bedrohungen und die Verbreitung gemeiner Gerüchte steht laut Schulbarometer in einem deutlichen Zusammenhang zu den psychischen Auffälligkeiten. Meist sind die Betroffenen von verschiedenen Formen des Mobbings betroffen. Sogenanntes Cybermobbing im Internet haben etwa 3 Prozent der Befragten täglich erlebt, 7 Prozent sagen, dass sie es ein bis zwei Mal pro Woche mitbekommen haben. 6 Prozent geben an, selbst mitgemacht zu haben, wenn ein Mitschüler im Internet gemobbt wurde.
Der Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig und Leiter der dortigen psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche Julian Schmitz warnte bei der Vorstellung des Schulbarometers davor, psychische Auffälligkeiten monokausal auf verstärkte Nutzung von Social Media zurückzuführen. Die Nutzung von Social Media sei allenfalls ein Faktor. Einen viel stärkeren Einfluss übe das Aufwachsen in Armut aus.
