
Zwei Kinder wurden in Dänemark entführt – darüber verhandelt das Landgericht Hamburg seit Mitte Juli. Augenscheinlich soll eine Nacht aufgeklärt werden, in der Unrecht geschah. Doch das greift zu kurz. Vor Gericht geht es seit dem ersten Tag um die Werte von Familie, um die Bedeutung von Reichtum und Öffentlichkeit, die Grenzüberschreitung zur Selbstjustiz – und um ganz persönliche Rache. Die Verhandlung gegen die Unternehmerin Christina Block, die gleich mehrere Medien mit detailversessenen Livetickern begleiten und die nun nach längeren Unterbrechungen wieder fortgesetzt werden soll, ist beispiellos.
Im Kern steht der Vorwurf der Entführung zweier Kinder Blocks in der Silvesternacht 2023. Die Tochter des Hamburger Steakhausgründers Eugen Block soll sie selbst in Auftrag gegeben haben, die Kinder nach einem jahrelangen Sorgerechtsstreit aus der Obhut ihres früheren Manns Stephan Hensel gerissen haben. Christina Block bestreitet das.
Nur wenige Sorgerechtsfälle landen vor einem deutschen Strafgericht und erhalten große Aufmerksamkeit. Noch seltener stehen die Beteiligten schon vorher in der Öffentlichkeit. Mitangeklagt ist Blocks Partner, der frühere Moderator Gerhard Delling. Der Block-Familie gehört ein Hamburger Luxushotel, in vielen Großstädten finden sich ihre Restaurants.
Beide, Mutter und Vater, könnten den Kindern Unrecht angetan haben
Nun zeigt sich, wie schmutzig Streitigkeiten über Kinder ausgetragen werden können – insbesondere, wenn sich die Frage nach Ressourcen nicht stellt. Nach allem, was bekannt ist, hat Block das Haus in Dänemark, in dem Hensel mit den Kindern lebte, vor der Entführung immer wieder von privaten Sicherheitsleuten beschatten lassen. Im Garten wurden versteckte Kameras entdeckt. Block brachte wenige Wochen vor der Entführung Material zur Polizei, das Hensel mit Kinderpornographie in Verbindung brachte. Es stellte sich als gefälscht heraus.
Das moralische Dilemma: Beide, Mutter und Vater, könnten den Kindern Unrecht angetan haben. Aus Sicht der Hamburger Staatsanwaltschaft hat sich auch Hensel schuldig gemacht, weil er die zwei Kinder 2021 nach einem Wochenende nicht wie vereinbart zu Block zurückbrachte, sie lebten seitdem bei ihm. Er ist in einem anderen, noch anhängigen Verfahren angeklagt.
Der laufende Prozess verdeutlicht, mit welcher Ich-Bezogenheit Elternteile ihre Sicht als die angeblich wahre verteidigen. Blendet man eine Seite aus, fällt es leicht, für die andere uneingeschränkt Partei zu ergreifen. Das tun etwa die Block-Unterstützer, die nach den Verhandlungstagen vor dem Gericht vereinzelt Plakate hochhalten und der Justiz Versagen vorwerfen.
In diesem Kampf haben schon jetzt alle verloren
Das tut auch Eugen Block, der im Prozess nicht aussagen will, aber über seinen Anwalt immer wieder fragwürdige Statements abgibt, in denen er das Gericht angreift. Nebenkläger Hensel und sein Anwalt geben sich nüchterner, teilen aber auch gerne aus, im und außerhalb des Prozesses: gegen „Frau Block“, wie Hensel seine frühere Frau nur nennt, die Block-Familie, Zeugen, deren Sachverstand sie bezweifeln. Unversöhnlichkeit nährt Unversöhnlichkeit. In diesem Kampf haben schon jetzt alle verloren.
Noch dazu klingt der Fortgang des Prozesses häufig mehr nach Film als nach Realität. Mehrere mit internationalem Haftbefehl gesuchte Israelis – wohl ehemalige Geheimagenten, Polizisten und Kampfsportler – sollen die Kinder im Auftrag von Block entführt haben. Nachdem Block diesen Männern die Schuld an der angeblich eigenständig durchgeführten Entführung gegeben hatte, wehrten sie sich. Ihre Vernehmungen durch die Staatsanwaltschaft wurden schon öffentlich breitgetreten, bevor sie in der Verhandlung thematisiert wurden. Diese Tatsache war ein gefundenes, aber bislang unergiebiges Fressen für die Verteidigung, und der Inhalt der Protokolle belastet Block schwer.
Werden jene Kreise zu vorschnell verdächtigt?
Die möglichen Verstrickungen reichen noch weiter. Ermittelt wird etwa gegen August Hanning, einst Präsident des Bundesnachrichtendienstes, wegen der gefälschten Kinderpornographievorwürfe und eines früheren mutmaßlichen Entführungsversuchs. Er und ein früherer Beamter des Hamburger Landeskriminalamts sollen als Verantwortliche einer privaten Sicherheitsfirma gehandelt haben. Mit Block angeklagt ist ein weiterer früherer LKA-Beamter, der inzwischen ein Sicherheitsunternehmen führt.
Hinter den Anschuldigungen gegen ehemalige Staatsdiener steht auch die Frage, wo private Dienstleistungen aufhören und Selbstjustiz beginnt. Braucht es nur genügend Geld, um rechtliche Grenzen nicht mehr ernst zu nehmen? Oder werden gerade jene Kreise zu vorschnell verdächtigt?
Zwei Kinder wurden in Dänemark entführt, aber uneingeschränkte Verantwortung will dafür niemand übernehmen. Das Gericht muss aufklären, die Verfahrensbeteiligten kämpfen um die Deutungshoheit jedes Details. Das Schicksal der Kinder aber und das Ausmaß der gegen sie verübten Gewalt mit allen verheerenden Folgen kommt im Getöse viel zu kurz.
