Manchmal beginnt eine große Erfolgsgeschichte ziemlich unspektakulär. So wie jene von Biontech, davon zeugt auch ein Blick ins Archiv dieser Zeitung. Die ersten größeren Berichte über das damals noch aufstrebende Unternehmen erschienen vor ziemlich genau zehn Jahren, und einer von ihnen begann mit dem Mountainbike von Uğur Şahin. Nein, keines mit Motor, Carbonrahmen oder extraschickem Design. Es war eher das Modell Baumarkt, mit dem sonst vielleicht Studenten der Mainzer Uni auf den Campus pendeln, wohl wissend, dass die alte Möhre schon keiner klauen wird. Uğur Şahin war damals, als Biontech außerhalb von Rheinland-Pfalz oder der Biotech-Bubble noch fast niemand kannte, der Einzige, der sein Rad hier anschließen durfte, direkt vor dem Haupteingang von Biontech.
Die Geschichte ist deshalb so besonders, weil sie etwas über Uğur Şahin erzählt. In seinem Handeln war der Biontech-Gründer und Impfstoffpionier nie primär getrieben vom großen Geld, das er mit dem Unternehmen zweifellos verdient hat. Die Vermarktung des Produkts war, so versichern es auch Wegbegleiter, für ihn eher Mittel zum Zweck. Denn wer forscht, der möchte am liebsten, dass das Ergebnis auch einen konkreten Nutzen am Markt bringt. Und den erreicht man am besten im eigenen Unternehmen.
Forscherpaar will neues Unternehmen gründen
Mit dieser Strategie, die wissenschaftliche Exzellenz mit unternehmerischem Geschick paart, haben es Uğur Şahin und seine Ehefrau Özlem Türeci zu Weltruhm gebracht. Dass sie am Dienstag bekannt gegeben haben, sich aus der Führung von Biontech zurückzuziehen, mag für viele Beobachter, Mitarbeiter und offenbar auch für die Märkte ein Schock gewesen sein: Der Aktienkurs des an der amerikanischen Nasdaq notierten Titels fiel nach dem Bekanntwerden des Abschieds der beiden Wissenschaftler um mehr als ein Fünftel. Doch für die, die sie schon länger kennen, ist die Entscheidung eher eine logische Folge.
Weder werden die Impfstoffpioniere Biontech ganz den Rücken kehren – sie bleiben Großaktionäre – noch verabschieden sie sich von ihrer hoffnungsvollen Forschung. Stattdessen kündigten sie an, ein neues Unternehmen gründen zu wollen, um im Kampf gegen den Krebs die nächste Generation von mRNA-Therapien mithilfe von Künstlicher Intelligenz zu entwickeln. Schließlich, so sagte es Şahin am Dienstag dem „Handelsblatt“, sei es in fokussierten Teams, die nichts anderes machten, als zu forschen, einfacher, disruptive Innovationen voranzubringen, als in großen Unternehmen.

Ein solches ist Biontech inzwischen zweifellos. Vom Mainzer Hauptsitz aus, der sich ausgerechnet an der Adresse „An der Goldgrube“ befindet, gelang Şahin und Türeci etwas, das kaum jemand für möglich gehalten hätte. Innerhalb weniger Monate erhielten sie die Zulassung für einen Impfstoff gegen das Coronavirus, den sie gemeinsam mit dem US-Pharmariesen Pfizer auf den Markt brachten und der in der Folge mehrere Milliarden Mal gespritzt wurde. Mit den beiden Unternehmern gelangte auch Mainz in dieser Zeit zu globaler Bekanntheit – neben dem Imagegewinn brachte das der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Steuereinnahmen in Milliardenhöhe ein.
Şahin und Türeci: Schon früh mit der Krebsforschung befasst
Die Mediziner und Krebsforscher Uğur Şahin und Özlem Türeci beschäftigten sich früh mit der Frage, wie sich das Immunsystem gezielt gegen Krebs aktivieren lässt. Beide arbeiteten viele Jahre in der Krebsforschung, gründeten gemeinsam das Biotech-Unternehmen Ganymed Pharmaceuticals und sammelten dort erste unternehmerische Erfahrungen.
2008 folgte der nächste Schritt. Als Ausgründung aus der Universitätsmedizin, in der Şahin und Türeci jahrelang tätig waren, gründeten sie Biontech – zunächst als kleines, forschungsgetriebenes Unternehmen mit einer großen Vision: mithilfe von mRNA personalisierte Therapien zu entwickeln, insbesondere gegen Krebs. Mehr als ein Jahrzehnt arbeitete das Team an dieser Technologie, lange ohne ein marktreifes Produkt und weitgehend außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit. Erst mit der Corona-Pandemie wurde Biontech weltweit bekannt.

Doch mit der Pandemie ging auch ein enormes Wachstum einher. Als das Virus eingedämmt war, folgte die Rückkehr in einen Alltag, der zwar einerseits aufgrund der neuen Bekanntheit und Größe des Unternehmens enorme Chancen auf dem Feld der Krebsforschung versprach, aber eben auch gemanagt werden musste. Der Rückzug hier und die Neugründung dort waren nun eine Konsequenz daraus – und sie treffen auch deshalb auf so viel Aufmerksamkeit, weil exzellente Forschung in Deutschland zwar immer noch häufig, aber meist im Verborgenen stattfindet. Herausragender unternehmerischer Erfolg jedoch ist seltener geworden. Dieser Erfolg gibt genug Stoff her, um daraus ein Lehrbuch für Unternehmertum zu schreiben.
Biontech-Erfolg: ein Marathon, kein Sprint
Ein Kapitel würde etwa von Mut, Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen handeln. Als Biontech gegründet wurde, galt die mRNA-Technologie als hochriskant. Viele Experten hielten sie für zu instabil, zu komplex oder schlicht für nicht marktfähig. Für Investoren war das Geschäftsmodell deshalb zunächst schwer greifbar. Trotzdem entschieden sich Şahin und Türeci bewusst für diesen Weg. Sie setzten auf eine Technologie, deren Durchbruch ungewiss war und deren Entwicklung viele Jahre dauern würde.
Dass die beiden Forscher diesen Schritt wagten und anerkannten, dass er eher Marathon als Sprint ist, ist das eine. Das andere ist der Entschluss, das Wagnis einzugehen, einen Impfstoff im Kampf gegen Covid-19 zu entwickeln. Man muss sich das vorstellen: Weltweit liefen 2020 laut Weltgesundheitsorganisation parallel 226 Projekte zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen ein Virus, von dem ein Jahr zuvor noch niemand wusste. Dafür, dass Biontech sich auf dieses Wettrennen einließ, zumal es eigentlich seit Jahren an hoffnungsvollen Immuntherapien gegen Krebs forschte, war eine gehörige Portion Mut nötig. Denn Şahin und Türeci entschieden von heute auf morgen, den gesamten Betrieb umzukrempeln. Um schnell lieferfähig zu sein, wurde das Medikament auf Halde vorproduziert – wohl wissend, dass bei schlecht verlaufenden Studien mit durchwachsenen Ergebnissen oder starken Nebenwirkungen diese Stoffe auf dem Müll hätten landen können. Oder wenn andere schlichtweg schneller oder besser gewesen wären. Zudem investierte Biontech in Produktionsanlagen, zum Beispiel im hessischen Marburg.
Beispiel Biontech: Wie aus Forschung Innovationen werden
In Deutschland herrscht zudem häufig das Problem, dass ausgezeichnete Forschungsergebnisse oft nicht erfolgreich in den Markt transferiert werden. Im Fall von Biontech war es anders. Zwei Wissenschaftler, denen ihre Forschung über alles geht, haben die Ausgründung von Beginn an mitgedacht. Diese Fähigkeit, die unternehmerische Verwertung in der Forschung von Beginn an im Blick zu haben, darf gerne als Vorbild dienen.
Zur Wahrheit gehört aber auch: In Deutschland scheitern viele gute Ideen aus dem Labor an fehlendem Kapital. Gerade in der Pharmabranche sind Investoren wichtig, weil die Entwicklung von Medikamenten und Therapien extrem kostspielig ist. Deshalb ist Biontech auch die Geschichte erfolgreicher Finanzierung. An der Mainzer Universitätsmedizin hätten die beiden Spitzenforscher kaum die Mittel erhalten, um ihre Forschung an Immuntherapien im nötigen Maßstab voranzutreiben. Mit der Gründung von Biontech erhielt Şahin 2008 von dem Brüderpaar Andreas und Thomas Strüngmann, die durch den Verkauf von Hexal zu Milliardären geworden waren, rund 150 Millionen Euro – und dadurch die Chance, in Ruhe zu forschen.
2018 und 2019 sammelte das Unternehmen noch einmal eine halbe Milliarde Euro ein, durch den Börsengang an der New Yorker Nasdaq erlöste Biontech 2019 weitere 150 Millionen Dollar. So hatten die Mainzer stets genügend Mittel, um ihre Produkt-Pipeline zu füllen, um gute Leute aus aller Welt anzuwerben – und um in das riskante Rennen um den Corona-Impfstoff einzusteigen.
Dass Şahin und Türeci nun noch einmal neu anfangen wollen, ist mehr als eine Personalie. Es ist auch ein Verweis auf das Wesen von Innovation: Sie braucht Freiräume, sie braucht Tempo, sie braucht kleine, agile Teams und schnelle Entscheidungen. Insofern ist der Rückzug ebenfalls lehrbuchhaft, weil die Gründer, die bis dato Herz und Hirn des Unternehmens waren, für sich erkannt haben, dass sie für die nächsten Schritte von Biontech nicht mehr die richtigen sein könnten und ihre Fähigkeiten an anderer Stelle besser eingesetzt werden können. Sich von dem zu lösen, was man über Jahre hinweg aufgebaut hat, fällt vielen Gründern schwer.
Dass sich zwei der sichtbarsten Wissenschaftsunternehmer Europas aus ihrem Lebenswerk herauslösen, um wieder näher an die Forschung zu rücken, ist damit keine Flucht – sondern eine Rückkehr zum Ursprung. Für Biontech beginnt eine neue Phase, in der Strukturen tragen müssen, was bislang von Personen zusammengehalten wurde. Es ist seit der Pandemie die größte Herausforderung.
