
Ugur Sahin und Özlem Türeci haben in den vergangenen Jahren viele gute Entscheidungen getroffen. Eine war, mit viel Mut zum Risiko Biontech zu gründen, um gemeinsam an neuen Krebstherapien zu forschen und diese auch auf den Markt zu bringen. Eine zweite war im Jahr 2020, innerhalb weniger Tage beinahe das ganze Unternehmen auf etwas ganz Neues auszurichten, nämlich die Entwicklung eines mRNA-Wirkstoffs zur Bekämpfung des Covid-Virus. Gemeinsam mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer gelang es, mit Comirnaty den weltweit ersten Corona-Impfstoff auf den Markt zu bringen.
Mit diesen beiden Entscheidungen ist das Forscher-Ehepaar und mit ihm Biontech berühmt geworden. Sie haben es in vielen Ländern auf die Titelseiten von Zeitungen geschafft, bis auf den Nobelpreis nahezu alle bedeutenden Medizinpreise abgeräumt und mit ihrem Unternehmen viel Geld verdient.
Sahin und Türeci: Mut, Risikobereitschaft, Fleiß
Die jetzige Entscheidung, aus dem operativen Geschäft der Mainzer Impfstoff-Pioniere auszuscheiden, mutet vor diesem Hintergrund so an, als würde Biontech Herz und Hirn auf einmal verlieren. Dementsprechend brach der Aktienkurs des Unternehmens nach der Nachricht um fast ein Fünftel ein. Doch bei näherem Hinsehen ist der Abschied die vielleicht nächste kluge Entscheidung von Sahin und Türeci, die beide immer vor allem Wissenschaftler bleiben wollten und nur deshalb Unternehmer wurden, weil die professionelle Vermarktung eines Produkts für sie die logische Folge ihrer Forschung war.
Doch ist Biontech heute ein ganz anderes Unternehmen als vor der Pandemie – mit völlig anderen Herausforderungen. Den Gründern ist es gelungen, mithilfe von Mut, Risikobereitschaft, Fleiß, Selbsterkenntnis und sicherlich auch einer Portion Glück aus einer universitären Ausgründung ein Biotech-Unternehmen von Weltrang zu formen. Biontech ist für die Region und speziell für Mainz, wo derzeit im Windschatten des Erfolgs rund um die Impfstoffforschung ein Biotech-Cluster entsteht, ein Glücksfall, dessen Bedeutung man kaum überschätzen kann.
Doch nun steht Biontech vor neuen Herausforderungen: Das Unternehmen lässt sich in einer komplexen, stark umkämpften und regulierten Branche nicht mehr führen wie früher. Es braucht globale Vermarktungsstrategien und Produktionskapazitäten im industriellen Maßstab. Das ist nicht das, was die beiden Forscher machen wollen.
Viele gute Ideen und Geschäftsmodelle scheitern daran, dass die Gründer im Wachstum zu lange daran festhalten wollen und nicht bereit sind, sich und ihr Unternehmen neuen Anforderungen anzupassen. Sahin und Türeci sind überzeugt davon, dass Biontech jetzt neue Expertise braucht. Und dass ihre Kraft als Forscher in fokussierten Teams – also in ihrem neuen Unternehmen – besser eingesetzt werden kann. Bei Biontech werden sie sich als Großaktionäre weiterhin einbringen – und sich dafür einsetzen, dass bei den Mainzern weiter die richtigen Entscheidungen getroffen werden.
