
Die Ukraine wird auf kurze und mittlere Sicht nicht in der Lage sein, substanzielle Beiträge zur Versorgung Deutschlands mit grünem Gas zu liefern. Das machte der Vorsitzende des Verbandes der ukrainischen Bioenergieproduzenten (UABIO), Georgij Geletukha, im Gespräch mit der F.A.Z. deutlich. Er dämpfte damit die unlängst von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) geäußerte Erwartung auf „signifikante Biomethanimporte“ aus dem kriegszerstörten Land. Grünes Gas, das Erdgas ersetzt, soll helfen, die Klimaschutzziele der Bundesregierung auch ohne ein Verbot von Gasheizungen zu erreichen.
Aktuell produziere die Ukraine jährlich 100 Millionen Kubikmeter des gereinigten und in Erdgasqualität aufbereiteten Rohstoffs. Das meiste gehe in den Export. Bis zum Jahr 2030 werde man „vielleicht noch einmal so viel produzieren“, sagt Geletukha, also 200 Millionen Kubikmeter im Jahr.
Gerade einmal 0,25 Prozent des deutschen Verbrauchs
Gemessen am letztjährigen deutschen Gasverbrauch, den die Bundesnetzagentur auf umgerechnet etwa 80 Milliarden Kubikmeter beziffert, wäre das ein Viertelprozent – und kein Anschub für die Energiewende.
Selbst wenn die wegen des russischen Überfalls von Vizeenergieminister Anatolij Kutsevol auf 500 Millionen Kubikmeter halbierte amtliche Zielmarke für 2030 erreicht und komplett nach Deutschland exportiert würde, wäre das kein wesentlicher Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen im deutschen Gasverbrauch. Geletukha sagt, wegen des Krieges entwickele sich die Branche viel schleppender als erwartet.
In diesem Jahr keine Ausbaupläne
In der neuen Heizungsstrategie der Bundesregierung spielt Biomethan eine wichtige Rolle. Das sogenannte grüne Gas soll zusammen mit ebenfalls klimafreundlich erzeugten synthetischen Kraftstoffen zunehmend fossile Heizenergien wie Erdgas oder Erdöl ersetzen. Energieversorger sollen es in großen Mengen beimischen. Auf dem Papier spricht dabei viel für die Ukraine als Lieferant.
Aktuell gibt es dort aber nur sechs Biomethananlagen – die letzte und mit 56 Millionen Kubikmetern größte wurde Anfang März in Betrieb genommen. Dieses Jahr sollen keine weiteren hinzukommen. Allerdings gebe es Ausbaupläne für die kommenden Jahre.
Das Hauptzollamt Frankfurt an der Oder steht auf der Bremse
Im vergangenen Jahr hatten ukrainische Betriebe laut UABIO 5900 Tonnen verflüssigtes Biomethan per Lastwagen sowie elf Millionen Kubikmeter Pipelinegas exportiert. Das kam allerdings nie in Deutschland an, sondern wurde lediglich von deutschen Händlern gekauft und weiterveräußert. Denn die deutschen Grenzen sind faktisch für das CO2-freie Biomethan aus der Ukraine gesperrt. „Es ist nicht einfach, Biomethan nach Deutschland zu verkaufen“, seufzt der Chef des Biogasverbands in Kiew.
Das irritiert, denn der Import ist für energieintensiv produzierende Betriebe oder Transportunternehmen interessant, weil sie das Grüngas auf ihre Treibhausgasminderungsquote (THG-Quote) anrechnen lassen können. Warum das dennoch nicht funktioniert, liegt an den auch von Ministerin Reiche erwähnten „regulatorischen Herausforderungen“ im EU-Rechtsgeflecht. Konkret gehe es um eine Anweisung des Hauptzollamtes Frankfurt an der Oder, wie der Energierechtsanwalt und Osteuropafachmann Dirk Buschle von der Kanzlei Becker, Büttner, Held den bürokratischen Hindernislauf erklärt.
Vorgeschriebene EU-Datenbank ist nicht verfügbar
Das verweigere derzeit pauschal die Anerkennung der Grüngaslieferungen aus der Ukraine auf die THG-Quote – wie aus anderen Nicht-EU-Staaten. Eine derzeit im Bundestag beratene Reform „soll diesen bürokratischen Engpass beheben“, sagt er. Doch setzte das voraus, dass ukrainische Biomethanexporte zum Nachweis ihrer nachhaltigen Erzeugung in einer speziellen Datenbank der EU registriert würden. Was die ukrainischen Biomethanerzeuger erst recht auf die Palme bringt, ist, dass die Datenbank nicht funktioniert. Kein Wunder, dass die Branche dieser Tage bei einem Empfang in der altehrwürdigen Parlamentarischen Gesellschaft im Berliner Regierungsviertel versuchte, den Gang der Dinge zu beschleunigen.
Aktuell gehe man von einer „Inbetriebnahme der Datenbank Ende 2026 oder erst 2027“ aus, sagt Buschle. So lange bliebe die Anrechenbarkeit der Importe blockiert. Es bedürfte also einer Übergangsregelung auf Basis nationaler Datenbanken, um Verzögerungen zu vermeiden. Die EU-Kommission zögert ihrerseits noch, nicht zuletzt aus Sorge, dass der die Netzbetreiber kontrollierende Staatskonzern Naftogaz selbst ins Biomethangeschäft einsteigt – was allen EU-Regeln widersprechen würde.
„Deutschland sollte die Importbedingungen verbessern“
„Deutschland sollte ein hohes Interesse daran haben, die Importbedingungen zu verbessern“, sagt Reiner Perau, Vorsitzender der deutsch-ukrainischen Industrie- und Handelskammer in Kiew. Biomethan sei eines der Standbeine für eine prosperierende Nachkriegsukraine. Sie habe auch „ein riesiges Potential als Lieferant von Biomethan“. Langfristig sind die Hoffnungen für die Erzeugung von Biomethan in der Ukraine sehr groß.
Bis zum Jahr 2050 – dann wollen Deutschland und die EU klimaneutral produzieren – könnte die Ukraine 20 Milliarden Kubikmeter erzeugen. Davon werde man wohl die Hälfte im Land benötigen, die andere Hälfte könnte exportiert werden, sagte der Vorsitzende des ukrainischen Bioverbands. Das wären in der Modellrechnung zehn Milliarden Kubikmeter – aber immer noch nur ein Fünftel der Biomethanmenge, die die EU im Jahr 2050 für nötig halte.
Ukraine hat das größte Biomethan-Potential in Europa
Mit Investitionen von 40 Milliarden Euro könnten 250.000 Arbeitsplätze entstehen. Dennoch seien die Kapazitäten für die Biomethanerzeugung aus den Resten landwirtschaftlicher Produktion, Tierhaltung sowie dazu angebauten Nutzpflanzen noch lange nicht erschöpft. Die Berechnung unterstelle, dass ein Fünftel der Ackerfläche für Energienutzpflanzen eingesetzt werde. Man könne den Flächeneinsatz und damit den Ertrag verdoppeln, ohne die Ernährungssicherheit zu gefährden, sagt Geletukha.
Nirgendwo sonst in Europa sind die Voraussetzungen für die Produktion von Grüngas besser als dort: Das Land, einer der größten Agrarexporteure der Welt, verfügt über große und fruchtbare Ackerflächen, eine starke Agrarbranche mit auf wirtschaftliche Effizienz getrimmten Großbetrieben. Zudem sind die technischen Voraussetzungen für den Gastransport gegeben.
Das aus Sowjetzeiten stammende Erdgasleitungsnetz ist engmaschig, was eine wirtschaftliche Einspeisung wie auch den Verkauf ins Ausland möglich macht. „Die Ukraine hat das größte Potential an Biomethan unter allen EU-Mitgliedern“, sagt Geletukha. Diverse Studien untermauern das. Kein Wunder, dass die Ukraine in den Modellrechnungen deutscher Energiewendebefürworter schon lange eine herausgehobene Rolle spielt.
„Grüner“ Zucker statt Biomethan als Exportschlager für die EU?
Seitdem dort die Fördersätze für Strom aus Biogas gesenkt wurden, wenden sich große Agrarbetriebe der Produktion von Biomethan zu. Vor allem im Frühjahr und Sommer, wenn der Strompreis wegen der Solarstromeinspeisung sinke, sei es lukrativer, Biomethan als Biostrom zu erzeugen. Der Emissionshandel, der den Einsatz fossiler Energien in der EU verteuert, stützt zudem die Einnahmerechnung der Investoren, die wegen des Krieges bisher nur aus der Ukraine stammen.
Die Schwierigkeiten beim Export fördern aber auch den Unternehmergeist, das Biogas dort selbst zu nutzen. So hat der Landwirtschaftskonzern Hals-Agro in Tschernihiw nördlich von Kiew kürzlich mit Biomethan erstmals zertifizierten und umweltfreundlichen „grünen“ Zucker erzeugt.
Vorstandschef Serhij Krawtschuk sagte, viele Zuckerproduzenten in Europa nutzten nach wie vor viel Erdgas statt erneuerbarer Alternativen: „Wir sind die Ersten, die Biomethan für die Zuckerproduktion einsetzen.“ In der EU sieht er einen guten Absatzmarkt für seinen klimapolitisch korrekten „grünen Zucker“.
