„Lassen Sie das auf sich wirken“, sagt Patrik Frisk und deutet auf die Kessel, Rohre, Kabel, Schmelz- und Filteranlagen, die sich über drei Ebenen erstrecken: „Diese komplizierte Anlage ist nötig, um ein einfaches T-Shirt zurück in den Rohstoffkreislauf zu bringen.“ Aber, und darauf will der Geschäftsführer von Reju hinaus, immerhin gibt es diesen Ort, an dem das möglich ist. Die kleine Chemiefabrik im Frankfurter Gewerbegebiet Seckbach soll das Muster für viel größere Werke sein, mit denen sich eines der großen weltweiten Müllprobleme lösen lassen soll: Altkleider, Hunderte Millionen weggeworfene Kunststofftextilien, können darin zu einem Rohstoff werden, aus dem sich Garne spinnen und neue Kleidung weben lassen.
Wieder und wieder, ohne Qualitätsverlust und mit weniger Einsatz von Arbeitskraft, Energie und Chemie als in allen bisherigen Verfahren zum Textilrecycling soll das gelingen. Das ist das Versprechen des erst zwei Jahre alten Unternehmens Reju, hinter dem etablierte Namen stehen: Reju ist ein Spin-off des französischen Konzerns Technip Energies, und in seinem „Regeneration Hub“ stecken das Know-how seines Tochter-Unternehmens T.EN Zimmer aus Frankfurt sowie der Forschungsabteilung des IT-Riesen IBM.
Die Ingenieure von T.EN Zimmer kennen die Prozesse in der Polyesterproduktion wie kaum jemand. Sie haben Verfahren der sogenannten Polymerisation immer weiter optimiert und den technischen Aufbau von weltweit etwa eintausend Kunststofffabriken in aller Welt geplant. Begründer des traditionsreichen Unternehmens, das seit zehn Jahren zu Technip gehört, ist übrigens der Ingenieur und Erfinder Hans Joachim Zimmer, Vater des Komponisten Hans Zimmer.

Diese Kombination aus technologischer Expertise und der Finanz- und Marktkraft eines Konzerns mit zuletzt fast sieben Milliarden Euro Jahresumsatz ist es, die nicht nur Patrik Frisk daran glauben lässt, dass Reju die Kreislaufwirtschaft in der Textilbranche tragen kann. Der Schwede selbst hat als Manager großer Modelabels das Problem mitgeschaffen, das er nun mitlösen will. Frisk hat für Marken wie The North Face und Timberland gearbeitet, war zuletzt Geschäftsführer der amerikanischen Sportmarke Under Armour. Auch sie ist an der Entwicklung von Reju beteiligt.
Abfallmengen haben sich mehr als verdoppelt
121 Millionen Tonnen Kleider, Hosen, Jacken, Blusen und Pullover landen jährlich auf dem Müll. Das Phänomen der Fast Fashion – billige Klamotten, schnell gekauft, selten getragen – hat die Menge zuletzt wachsen lassen. Im Jahr 2000 wurden weltweit 50 Millionen Tonnen Altkleider weggeworfen. Die Textilbranche gilt inzwischen als der viertgrößte Emittent von Treibhausgasen. Über die Hälfte des heutigen Müllbergs besteht aus Kunststofffasern, die aus Erdöl gewonnen und nach dem Tragen im besten Fall in Müllheizkraftwerken zu Energie verbrannt, häufiger aber irgendwo deponiert werden.

Es sei denn, sie landen in der außen bunt gestrichenen Testfabrik von Reju. Dafür muss der Textilmüll vorsortiert sein: Reine Naturmaterialien sollen nicht dabei sein, alles andere aber – Knöpfe, Reißverschlüsse, Farbstoffe, Mischgewebe – geht ohne weitere Vorbereitung in den Recyclingprozess. Dafür werden die Textilien geschreddert und geschmolzen, dann folgt der entscheidende Schritt: die Depolymerisation. Mithilfe eines Katalysators, dem auch als Scheibenenteiser bekannten Alkohol Monoethylenglykol, werden die Molekülketten der Stoffe aufgespalten: Die Kunststofffasern zerfallen binnen Sekunden in die Einzelteile, aus denen sie einst gemacht wurden.

Die Katalysatorflüssigkeit wird danach zurückgewonnen, und die Kunststoffmasse mittels chemischer Verfahren wie Kristallisation oder Filterung von Fremdstoffen wie Metallen und chemischen Zusätzen gereinigt. Am Ende des viele Meter langen, aber nur zwei Minuten dauernden Durchlaufs kommt sauberes Rohmaterial in Form eines weißen Pulvers heraus: BHET, wie es auch bei der erdölbasierten Kunststoffherstellung entsteht. Hier wie dort wird es zu Pellets verschmolzen, aus denen Textilhersteller Garne spinnen.
Den Kern des Verfahrens haben Forscher in den Laboren von IBM entwickelt. Diese hatte zunächst den hohen Plastikeinsatz in der Computer- und Chipindustrie im Blick, hat dann aber weltweit Partner gesucht, um das Verfahren in die Praxis zu bringen. In den Laboren von T.EN Zimmer in Frankfurt wurde es zwei Jahre lang optimiert, der Einsatz von Zeit, Chemie und Energie weiter gesenkt. In der Gesamtbilanz liege der CO₂‑Ausstoß bei der Herstellung des Recyclingmaterials 50 Prozent unter der Produktion aus Erdöl, sagt Reju. Die Geschwindigkeit des Prozesses, vor allem aber der Verzicht auf eine sortenreine Sortierung sollen es praktikabler als andere Recyclingverfahren machen.

Mit der Fabrik in Seckbach, in der im November das erste recycelte BHET extrahiert wurde, steht der Beweis: Die Technologie funktioniert. Und das Produkt ist gefragt, sagt Frisk. Um die hundert potentielle Abnehmer gebe es schon. Dass der Recyclingkunststoff etwas teurer wird als sogenanntes Virgin Plastic, stört laut Frisk niemanden: In der Wertschöpfungskette von Textilien sei der Materialpreis eine minimale Größe.
Die nächsten Schritte will Reju dort machen, wo der meiste Abfall anfällt. In den Niederlanden, Frankreich und den USA sollen erste kommerzielle Großanlagen entstehen, in denen bis zu 50.000 Tonnen Textilien im Jahr recycelt werden können. 50-mal mehr als im Frankfurter Vorbild. Frisk beschreibt Standorte, an denen der „Regeneration Hub“ in direkter Nachbarschaft zu der Sortieranlage für Altkleider steht.
Deren Betreiber wären ein Teil der angestrebten Kooperation von Investoren, Textilherstellern, Modemarken und Dienstleistern, mit der es möglich werden soll, den riesigen textilen Müllberg grundsätzlich zu verkleinern und den unvermeidbaren Kunststoffanteil in einen Ressourcenkreislauf zu bringen. Dieser Auf- und Umbau ist eine viel schwierigere Aufgabe als die Entwicklung der Technologie, weiß auch Reju-Geschäftsführer Frisk: Es habe zwei Generationen gedauert, das lineare Wegwerfsystem in der Textilindustrie zu etablieren, viel schneller werde es wohl nicht zu beseitigen sein, schätzte er schon vor Monaten in einem Gespräch mit der F.A.Z.
