
Nicht nur menschliche Beziehungen brechen über Streit auseinander. Eine Gruppe Schimpansen in Ngogo, einem Ort im ugandischen Kibale-Nationalpark, ist gewaltvoll auseinandergegangen, berichten Forscher des Ngogo Chimpanzee Projects. Aaron Sandel und seine Kollegen beobachteten, wie sich die Gemeinschaft entzweite und ein blutiger Krieg begann. Die Schimpansen der einen Gruppe töteten nach der Trennung mindestens sieben Erwachsene und 17 Kleinkinder der verfeindeten Gruppe, heißt es in „Science“. Solch eine gewaltsame Aufspaltung findet nach genetischen Schätzungen nur alle 500 Jahre statt.
Ein Maximum an Männchen
Die Spaltung der Gruppe in Ngogo führen die Wissenschaftler vor allem auf die ungewöhnliche Größe zurück. Auf ihrem Höhepunkt bestand die Gruppe aus über 200 Mitgliedern, darunter 40 Männchen. Die Anzahl der Männchen nahm im Gegensatz zu den Weibchen über die Jahre kaum zu. Während männliche Schimpansen ein Leben lang in derselben Gruppe bleiben, wechseln weibliche im Erwachsenenalter oft in eine fremde Gruppe.
Gewöhnlich leben Schimpansen in einer Gemeinschaft mit ungefähr 50 Angehörigen. Im Alltag bilden sie kleine Gruppen in wechselnder Zusammensetzung zum Jagen, um Kinder großzuziehen oder für Patrouillen an den Grenzen ihres Reviers. Sie sind untereinander gut vernetzt. Nur zum Schlafen kommt die gesamte Gruppe zusammen. Daher wird ihre Sozialstruktur auch „Fission-Fusion-Organisation“ genannt, Trennen und Zusammengehen. Dass sich eine Gruppe aber langfristig trennt, ist ungewöhnlich.
Aus Freunden wurden Feinde
In Ngogo kam es ab 2015 zu einer Polarisierung innerhalb der Gemeinschaft. Aus vormals eng verbundenen Individuen entwickelten sich zwei Lager: die westliche Gruppe, wie die Forscher sie nannten, und die abgrenzende zentrale Gruppe. Statt abends wieder zusammenzukommen, jagten Letztere die westlichen Schimpansen fort und mieden sie fortan sechs Wochen. Der Kontakt zwischen den Mitgliedern der unterschiedlichen Gruppen wurde immer weniger, bis 2018 keine Überschneidungen mehr aufgezeichnet wurden. Es entstanden zwei nahezu gleich große Gruppen mit unterschiedlichen Territorien, das ehemalige Zentrum der Gemeinschaft wurde die Grenze.
An ihr patrouillierten Männchen der westlichen und zentralen Schimpansen – ein Verhalten, das sonst nur gegenüber Fremden gezeigt wird. Das Gleiche gilt für die gezielten Angriffe, welche die westliche Gruppe bei Patrouillen auf die zentrale Gruppe verübte. Zwischen 2018 und 2024 wurden jährlich im Durchschnitt ein ausgewachsener männlicher Affe und zwei Säuglinge getötet. Die westliche Gruppe tötete sogar Schimpansen, mit denen sie vor der Trennung enge Verbindungen pflegten. Durch die einseitigen Angriffe schrumpfte die Population der zentralen Schimpansen bis 2024 auf nur noch 80 Individuen, darunter zwölf Männchen.
Warum sich die Schimpansen entzweit haben, ist nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen. Möglicherweise habe die außergewöhnliche Gruppengröße zum Wettbewerb um Nahrung geführt, schreiben die Wissenschaftler. Außerdem gab es kurz vor der Polarisierung einen Wechsel der Alphamännchen, einige gut vernetze Individuen starben kurz davor vermutlich an Krankheiten und weitere 25 an einer Epidemie. Alle drei Faktoren begünstigten die Trennung.
Der erste Schimpansenkrieg
Den ersten von Menschen beobachteten Schimpansenkrieg dokumentierte die Primatenforscherin Jane Goodall zwischen 1974 und 1978. Im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania teilte sich ebenfalls eine zu große Gruppe Schimpansen auf, und ehemalige Mitglieder bekämpften sich. Bei Angriffen wurden alle Affen der kleinen, abtrünnigen Gruppe getötet. Begünstigt wurde der Krieg vermutlich dadurch, dass Goodall die Schimpansen mit Nahrung versorgte, wodurch die Population ungewöhnlich groß werden konnte. Die Spaltung der Ngogo-Gemeinschaft ist die erste und einzig weitere, die ohne menschliche Einflüsse dokumentiert wurde.
Dreißig Jahre lang beobachteten die Wissenschaftler die ugandische Gruppe in regelmäßigen Abständen. Wie Menschen haben Schimpansen charakteristische Merkmale, sodass man die Individuen wiedererkennen und aus den Beobachtungen Netzwerke rekonstruieren kann. So war es möglich, die soziale Struktur bei der Trennung zu untersuchen. Alle Angriffe der Schimpansen wurden entweder beobachtet oder durch Hinweise wie Blutspuren und verschwundene Individuen vermutet.
Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass, wenn sich Schimpansen durch soziale Dynamiken trennen und bekämpfen, diese Faktoren bei Menschen, ihren engen Verwandten, eine größere Rolle spielen als gedacht. Polarisierung könne man nicht allein der Politik, Religion oder Kultur zuschreiben, sondern man müsse soziale Prozesse stärker einbeziehen.
