
Die laufende Generalsanierung der Bahnstrecke Hamburg – Berlin wird eineinhalb Monate länger dauern als ursprünglich geplant und damit die Geduld von Fahrgästen und Güterverkehrsunternehmen bis in den Juni hinein strapazieren. Die für das Netz zuständige Deutsche-Bahn-Tochtergesellschaft DB InfraGO stellte am Mittwoch ein zweistufiges Konzept vor, um den Zugverkehr auf der von einer Komplettsperrung betroffenen Verbindung wieder anlaufen zu lassen.
Demnach können Züge über einen fertiggestellten kürzeren Abschnitt im Norden, zwischen Hamburg und Hagenow-Land, vom 15. Mai an wieder fahren. Erst zum 14. Juni wird die gesamte 280 Kilometer lange Schienenstrecke zwischen den beiden größten deutschen Städten wieder komplett in Betrieb genommen. Ursprünglich sollte das schon Ende April der Fall sein. Die Bahn musste jedoch vor Kurzem einräumen, den mit neun Monaten angesetzten Zeitplan wegen des Winterwetters nicht einhalten zu können. Die Zugstrecke führt durch fünf Bundesländer und ist eine der wichtigsten Pendlerverbindungen in Deutschland mit täglich rund 30.000 Fahrgästen im Fernverkehr und insgesamt 470 Zügen je Tag.
Der für Infrastrukturplanung und -projekte zuständige InfraGO-Vorstand Gerd-Dietrich Bolte wies in einem Pressegespräch abermals auf die Gründe für die Terminverschiebung hin. „Der außergewöhnlich starke und langwierige Wintereinbruch in Norddeutschland hat unsere eingeplanten Zeitpuffer aufgebraucht.“ Das jetzt angekündigte Eröffnungskonzept ermögliche die ebenfalls weiterhin dringend notwendigen Baumaßnahmen angrenzender Strecken. Von den Verzögerungen sind auch die geplanten Arbeiten zwischen Hamburg und Hannover betroffen. Sie sollen nun wie geplant zum 1. Mai beginnen, aber ebenfalls stufenweise.
Bolte und sein Kollege Wolfgang Weinhold äußerten sich ausführlich zum Bus-Ersatzverkehr auf der Strecke, der zuletzt für erhebliche Aufregung gesorgt hatte. Das beauftragte Unternehmen Ecovista habe bis zum 1. März „nahezu tadellose“ Verkehrsleistungen geliefert. Seitdem gebe es jedoch einen „vertragsbrechenden“ Einsatz von Fahrzeugen. Ecovista sei schon zweimal abgemahnt worden, aber man suche im Moment gemeinsam nach einer Lösung.
Ein Bus wie ein Schrottplatz
Die Qualität des Busverkehrs hatte sich in den vergangenen Tagen deutlich verschlechtert. Die Rede ist von maroden Fahrzeugen, Ausfällen und fehlenden digitalen Fahrgastinformationen. Ecovista betreibt seit August im Auftrag der DB den Ersatzverkehr zwischen Hamburg und Berlin und hat dafür bisher rund 200 neue geleaste Busse eingesetzt. Wegen angeblich zu hoher Leasingraten tauschte das Unternehmen die neuen Fahrzeuge durch Gebrauchtbusse aus. Ecovista-Chef Michael Bader erzürnte damit Fahrgäste und auch Politiker. „Die Situation beim Schienenersatzverkehr ist für die Fahrgäste in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen unzumutbar“, klagte die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen im Schweriner Landtag, Jutta Wegner. „Wenn Busse in einem Zustand unterwegs sind, der eher an Schrottplätze als an den öffentlichen Nahverkehr erinnert, dann ist das ein massives Versagen des Auftragnehmers.“
Die zweigeteilte Eröffnung der Sanierungsstrecke kommt vor allem den Fahrgästen in Mecklenburg-Vorpommern zugute. Im Abschnitt Hamburg – Hagenow können Züge schon vom 15. Mai an in Richtung der Landeshauptstadt Schwerin wieder im gewohnten Fahrplan fahren. Im Fernverkehr verkehren die Züge zwischen Hamburg und Berlin weiterhin auf der Umleitungsstrecke über Uelzen und Stendal mit einer um rund 45 Minuten längeren Fahrzeit. Nach der Komplett-Inbetriebnahme des Korridors sei das Zugangebot für Fahrgäste größer als früher, hieß es.
Die erste richtige Bewährungsprobe
In den kommenden Wochen stehen der DB zufolge im Rahmen des Sanierungsprojektes noch die Endmontage der Leit- und Sicherungstechnik sowie der Oberleitungen bevor. Dazu kommen ein Software-Update im Stellwerk Schwerin sowie umfangreiche Arbeiten an den Bahnhöfen. Mit der erneuerten Infrastruktur verspricht die DB einen verlässlicheren Bahnbetrieb, pünktlichere Züge und mindestens fünf Jahre Baufreiheit. Neben der Erneuerung von 165 Kilometern Gleisen und fast 250 Weichen wurden sechs neue sogenannte Überleitstellen geschaffen sowie sechs neue Stellwerke gebaut und 19 weitere modernisiert. Zudem wurden 28 Bahnhöfe modernisiert.
Die Sanierung der Strecke Hamburg – Berlin ist Teil einer großangelegten Modernisierung wichtiger Schienenkorridore. Bis zum Jahr 2036 sollen mehr als 40 viel befahrene und überalterte Strecken grundlegend saniert werden. Den Start machte 2024 die Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim. Die längere und kompliziertere Strecke Hamburg – Berlin galt als erste richtige Bewährungsprobe für das Sanierungskonzept.
