Am Tag zuvor hat Malakeh Jazmati noch für
den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa gekocht. Bei seinem Staatsbesuch
in Deutschland konnte sie sogar kurz unter vier Augen mit ihm sprechen. Jetzt
sitzt die 39-Jährige mit fünf anderen Frauen und zwei Kindern um einen
Holztisch in ihrem Restaurant, das sie kurz nach ihrer Flucht aus Syrien in
Berlin-Schöneberg eröffnete. In der Küche zischt Öl in der Pfanne, die Frauen
reden über Politik.
Sona,
eine 35 Jahre alte Ingenieurin mit rot gemustertem Kopftuch, sagt: “Wir sind
hart arbeitende Menschen und mittlerweile Teil dieser Gesellschaft.” Ihre Kinder seien Syrer und Deutsche, viele könnten mittlerweile besser Deutsch als Arabisch.
Restaurantchefin Jazmati sagt, dass nun Al-Scharaa in Syrien regiere, biete “neue Freiheiten”. Zumindest gilt das für
sie. Jetzt, wo der Bürgerkrieg vorbei ist: Ist es Zeit, zurückkehren?
Ja,
glaubt der Bundeskanzler. Auch wenn es ganz sicher nicht geplant war, was
Friedrich Merz da am Montagnachmittag bei der Pressekonferenz mit dem syrischen
Übergangspräsidenten verkündet hatte. Eher, so hörte man es am Tag darauf aus
Kreisen von Bundesbehörden, “ein Merz-Moment”, ein spontaner Satz wie am Anfang
der Stadtbild-Debatte, eine Aussage mit Sprengkraft.
In “der längeren Perspektive der nächsten drei Jahre”, so sagte es Merz im
Wortlaut, “das ist auch der Wunsch von Präsident Al-Scharaa gewesen”, sollten “rund 80 Prozent der
Syrerinnen und Syrer” in ihre Heimat zurückkehren. “Auch” war das entscheidende
Wort, denn man musste das so verstehen, als sei Merz sich mit Al-Scharaa da
absolut einig, wolle ihm diesen Wunsch also erfüllen.
Sollen 700.000 Menschen ihre Koffer packen?
Aber was würde das konkret bedeuten? Etwas mehr als eine Million
Syrerinnen und Syrer sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland
eingewandert. Rund 250.000 von ihnen haben sich einbürgern lassen, können also
nicht mehr gezwungen werden, das Land zu verlassen. Sollen also 700.000 von den verbleibenden 900.000
syrischen Staatsbürgern im Land ihre Koffer packen? Auch viele von ihnen haben inzwischen
eine unbefristete Niederlassungserlaubnis, also eine langfristige
Bleibeperspektive. Als die Kritik an Merz nicht nur aus der eigenen Partei kam,
sondern auch von der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Anke Rehlinger, die es
als “keine kluge Idee” bezeichnete, Zahlen festzulegen, versuchten Merz’ Leute,
die Sache wieder einzufangen. Man verfolge keine Zielmarken.
An mehrere Medien, auch an die ZEIT, wurde noch ein zusätzliches Zitat von Friedrich Merz verschickt: “Wir haben diese Zahl”, gemeint sind
die 80 Prozent von Al-Scharaa, “zur Kenntnis genommen, sind uns aber der
Dimension der Aufgabe bewusst”, hieß es nun. Das wiederum
klang immer noch, als wolle Merz sehr, sehr viele Syrer loswerden. Als wisse er
nur noch nicht, wie viele genau. Ist es realistisch, was der Bundeskanzler da
anstrebt, trotz aller Kritik? Und wie sähe dieses Land danach aus?
In der Runde am Tisch von Restaurantinhaberin Malakeh Jazmati scheinen die Aussagen von Merz und Al-Scharaa nicht für Empörung zu sorgen. Vielleicht, weil die Frauen schon
eingebürgert sind und von sich aus überlegen, zurückzukehren. Und auch, weil
sie den syrischen Übergangspräsidenten voll unterstützen. “Für unseren
Präsidenten ist diese Forderung Teil des Wiederaufbaus und der
Wiederherstellung der Stabilität nach Jahren des Konflikts”, sagt Sona. Er sei
der richtige Mann, um das zu tun.
5.000 freiwillige Ausreisen bisher – das ist nicht viel
Im Dezember 2024 war in Syrien das Regime von Diktator Baschar al-Assad gestürzt worden und Al-Scharaa wurde Übergangspräsident. Schon seit
dem 13. Januar 2025 werden wieder freiwillige Ausreisen nach Syrien gefördert.
Unterstützt werden Rückkehrwillige mit Geld, etwa mit Reise- und Starthilfen in
Höhe von 1.000 Euro pro Erwachsenem. Bis Ende 2025 wurden demnach für 5.965
Personen Anträge gestellt, 3.678 von ihnen reisten aus; in den ersten beiden
Monaten des Jahres 2026 kamen 1.297 Anträge und 831 Ausreisen hinzu, teilt das
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf Anfrage der ZEIT mit.
Das sind nicht viele, verglichen mit der
Gesamtzahl der Syrer. Weil viele Männer und Frauen, die vor Baschar al-Assad
flohen, auch Al-Scharaa misstrauen. Von Übergriffen gegen Drusen, Kurden und
andere Minderheiten in dem Land angsterfüllt sind. Wohl ist es schon der erste
Fehler in der Debatte, überhaupt von “den Syrern” in Deutschland zu sprechen.
