Der Empfang ist formvollendet. Schon auf dem Parkplatz erscheint Büroleiterin Maxi Kühnel. Ob man gut hergefunden habe? Danke der Nachfrage, hat man. Geradewegs ins malerische niederländische Städtchen Simpelveld, 20 Autominuten von Aachen entfernt. Dort liegt inmitten von Wiesen des südlimburgischen Hügellandes ein Kloster von 1886. Hier residiert die International Butler Academy, laut dem britischen Magazin „Capital Finance International“ die beste Butlerschule der Welt.
Zurzeit lernen zwölf Frauen und Männer, was ein guter Privatbutler zu tun hat, um seine anspruchsvollen Auftraggeber zufriedenzustellen. Unter den Schülern sind mehrere Nationalitäten vertreten, von Frankreich, Bahrain und Simbabwe bis zu den USA. Die Nachfrage ist groß, es gibt immer mehr reiche Menschen auf der Welt, die sich den Luxus dieser Dienstboten leisten.
Wer genau? Managing Director Niels Deijkers lächelt Nachfragen routiniert weg. Diskretion ist oberstes Gebot. Das verstehe sich von selbst.Nur so viel: Zur Einweihung nach dem Umzug 2015 – gegründet wurde die Schule 1999 – reiste die Prinzessin von Jordanien an. Selbstredend seien Milliardäre, Adelsfamilien, Königshäuser, Botschaften und Luxushotels unter den Arbeitgebern.

Inzwischen sind unter den Absolventen 33 Prozent Frauen, ihr Anteil steigt. Sie haben gute Chancen auf ein Engagement in muslimischen Ländern, aber auch bei traditionellen Familien in England, die sich in Gegenwart eines weiblichen Butlers wohler fühlten. „Frauen haben manchmal mehr Fingerspitzengefühl“, erklärt Deijkers, der kerzengrade auf den tiefen Sofapolstern im Salon sitzt.
Dreimal im Jahr wird diese Butler-Ausbildung angeboten, meist sind zehn, zwölf Schüler in einem Kurs. Sie zahlen 12.750 Euro, um zwischen Bügelzimmer und Ballsaal treppauf und treppab zu eilen. Und ebenfalls dreimal im Jahr gibt es Ausbildungen für Mitarbeiter von Luxushotels oder andere Interessenten, die vier Wochen dauern und 6500 Euro kosten. Hinzu kommen externe Trainings.

Uniform, Logis und gute Kost werden gestellt. Das scheint auch nötig, denn die Schultage sind lang, beginnen morgens vor acht Uhr mit einer Inspektion, ob formeller, frackähnlicher Morning Coat und Frisur sitzen, und enden meist nach 20 Uhr. Acht Wochen lang wird theoretisch und vor allem praktisch gelernt. Vom Treppenwienern und klassischem Housekeeping bis zur Organisation von Festen und wie man standesgemäß einen Gast unterm Regenschirm bis zum Chauffeur begleitet. Das Haus bietet mit seinen 135 Räumen und seinem 5000 Quadratmeter großen Gelände beste Voraussetzungen dafür und entpuppt sich als eine Art Wunderkammer.

Lektionen im Champagnerraum
Maxi Kühnel führt über Terrazzoböden in die entweihte Kirche. Inmitten reich geschnitzter Eichenbänke und Stühlen mit hellen Hussen werden die Diplome überreicht. Kühnel hat lange im Modemanagement gearbeitet und ist zwei Monate allein mit einem Van durch Marokko gereist. Die weltoffene Dreißigjährige pickt einige repräsentative Räume heraus. Zum Beispiel das „private“ Wohnzimmer: knirschende Eichendielen, Stilmöbel, reich bestückte Vitrinen – hier wird unter anderem eingeübt, wie Tee gereicht wird. Chinesische Teesitzungen nach festem Ablauf finden im chinesischen Salon statt, in dem Mahagonimöbel und antike Vasen prunken.
Bevor Kühnel die Türen öffnet, klopft sie zweimal, um sich zu vergewissern, nicht zu stören. „Unsere Hausregel.“ Das Thema Getränk steht auch im Champagnerraum im Mittelpunkt. Hier gibt es gigantische Flaschen Veuve Clicquot und Lektionen, wie ein solcher Empfang abzulaufen hat. Schüler James McMurry grüßt freundlich. Mit zweifacher Verbeugung fragt der Amerikaner an, ob es dem Gast genehm sei, zum Lunch zu bleiben. Den richten die Schüler aus und nutzen das Mahl zum Üben. Wird kein Fischmesser zum Lachs gereicht, fehlt die Kuchengabel zum Dessert, sind das schwer verzeihliche Kardinalfehler und es droht Punktabzug, auch wenn sich die Schüler stets bemühen, jeden Fauxpas wegzulächeln.

Damit überhaupt stilvoll getafelt werden kann, gibt es einen Porzellanraum. Mit seinen wandhohen Regalen, bestückt mit Goldrand-Geschirr und Stapeln an Platztellern, wirkt er wie ein akkurat aufgeräumter, nobler Haushaltswarenladen. „Alles an seinem Platz“, sagt Maxi Kühnel. Die Teilnehmer brauchen schnellen Zugriff. Das zeigt sich im Speisesaal, dort wird gerade für 38 Personen eingedeckt, absolut symmetrisch.
Dazu abkommandiert sind sechs Schüler, drei Frauen, drei Männer, alle tragen weiße Handschuhe. Geschirr und Besteck, vom Suppenlöffel bis zum Sherryglas, werden millimetergenau platziert, die Hausdame misst nach, den Zollstock stets griffbereit. Kerzen sind übrigens nur erwünscht, wenn die Sonne untergegangen ist. Zu jedem Essen gibt es eine neue Tischdekoration, diesmal wurde diese Aufgabe Miss Granera übertragen. Die zierliche Spanierin verteilt Glitzersteine auf weißem Tuch. Ihr Lächeln kann ihre Anspannung kaum verbergen, die Zeit rennt. Elf Jahre hat sie auf Yachten im Service gearbeitet, seit drei Jahren ist sie in Palma auf Mallorca in einem Privathaushalt. Warum sie die teure Ausbildung berappt? „Ich will besser werden und High Standards lernen.“ Um künftig mehr zu verdienen? Sie schweigt vielsagend.
Im irrsten Raum des ganzen Trakts
Gefunden hat die Spanierin die dezenten Glitzersteinchen im vielleicht irrsten Raum des Trakts: Im Ausstattungsraum gibt es von hölzernen Möwen über pinkfarbene Plüschlöwen und Papiersterne nichts, was Dekofreunde nicht entzücken würde. Das Haus scheint für jedes Event gerüstet, für den Willkommenstag mit traditionellem Niederlande-Motto, für das chinesische Neujahrsfest und güldene Weihnacht. Damit niemand zu kurz kommt, ist ein Zimmer dem Afternoon-Tea gewidmet, es beherbergt Etageren ohne Ende und Teegeschirr für jeden Geschmack und Anlass. Allerspätestens jetzt wähnt sich der Gast am Filmset von „Downton Abbey“. Mr. Carson, Mrs. Hughes – bitte übernehmen Sie.

Dem Besucher wird schwindlig ob der Opulenz, der Prägetapeten, Kronleuchter, Meißner Vasen, der endlosen Gänge mit roten Teppichen und knirschenden Holzdielen. Die Krönung ist ein riesiger Saal mit Repliken niederländischer Meister. Youtuber lieben ihn und die Szenen, die sich dort abspielen: Im Ballsaal fliegen tatsächlich Bälle. Die wirft nämlich der Managing Director höchstpersönlich, wenn sich die Schüler darin ertüchtigen, Tabletts voller Gläser zu tragen, dazu mitunter noch ein Buch auf dem Kopf balancierend. Auf Kommando wechseln sie die Richtung und die Höhe des Tabletts. Deijkers agiert wie auf dem Kasernenhof, fordert ein flottes Tempo und hat seine Augen überall. Bloß nicht stolpern und falls Gläser zu Bruch gehen, Zähne zusammenbeißen – „Stiff Upper Lip“ ist erklärtes Lernziel. An diesem Vormittag ist der Saal verwaist, weil gerade das Tischdecken ansteht. Aber regelmäßig geht es hier hoch her.

Der Kasernenhofton beeindruckt
Die Kulisse beeindruckt, der Kasernenhofton ebenfalls. Was sind das für Menschen, die das Dienen zu ihrem Beruf machen? „Sie müssen große Neugier haben, ihre aktive Position begreifen und vorausschauend handeln. Höflich sein, sich um Menschen sorgen, ohne sich selbst zu verlieren – das ist wirklich ein aufregender und befriedigender Job auch für junge Leute“, betont Deijkers im Brustton der Überzeugung. Auch wenn der Privat-Butler absurde Aufgaben erfüllen soll und Widerspruch nicht toleriert wird? Bietet die Welt der Siegelringe nicht eine Steilvorlage für Selbstverleugnung jeglicher Art? Deijkers lässt sich nicht aus der Reserve locken und bekundet diplomatisch: „Vielleicht ist er nicht in der richtigen Familie.“ Das komme selten vor.
Der studierte Ingenieur ist nahe der Insel Texel aufgewachsen und hat selbst die Akademie absolviert. Butler wollte er nicht werden, er ist aber überzeugt: „Ein Gentleman zu sein, ist immer gut.“ Alles eine Frage der äußeren und auch inneren Haltung. Es komme auf Ehrlichkeit, Flexibilität und Loyalität an. Die Kandidaten seien in der Regel willensstarke Menschen, denen es um persönliches Wachstum gehe. „Wo ein Wille ist, ist ein Weg“, bekräftigt der Siebenunddreißigjährige. „Hat man den Ehrgeiz und die Motivation, sich in Dinge hineinzufinden, ist vieles möglich. Man lernt viel über sich selbst.“
Das Alter sei zweitrangig. Der jüngste Schüler war 18 Jahre alt, kam aus der Gastronomie, motiviert, „weil er die Welt sehen will“. Ein dreiundsiebzigjähriger pensionierter Hotelmitarbeiter wurde von seiner Frau entsandt: Entweder er sucht sich eine Stelle, oder sie lässt sich scheiden. „Soweit wir wissen, ist er noch verheiratet und arbeitet wieder in einem Hotel in New York.“
Eigene Lehrer für Whiskyverkostung
Fünf fest angestellte Lehrer gibt es und zehn freie, die spezialisiert sind, etwa auf Whiskyverkostung oder Blumenarrangements. Viel, was an Spezialwissen in den Wochen über die Kandidaten flutet. Für alle Abläufe gibt es eine Choreographie, wer wann wie begrüßt wird, was wann wem von welcher Seite aus gereicht wird, Zeitung bügeln und Schuhe putzen gehören selbstverständlich dazu, um sich bei wohlhabenden Arbeitgebern in Stellung zu bringen.
Das Schwierigste, sagt Deijkers, seien die einfachen Dinge: „Den Cappuccino pünktlich um 15 Uhr mit einem Stück Zucker zu servieren. Tag für Tag.“ Doch es zahlt sich aus. Ein Butler verdient zwischen 50.000 und 100.000 Dollar jährlich, manchmal werden Auto und Wohnung gestellt. Es gibt Fünftagewochen bei Großfamilien und lukrative 24-Stunden-Bereitschaft. Ein, zwei Schüler je Kurs brechen die Ausbildung ab. Die anderen finden mühelos eine Anstellung, meist binnen weniger Wochen, smart vermittelt von einschlägigen Agenturen.
Filmreif ist auch der Abschied. Der Direktor erscheint wieder, trägt die Tasche zum Auto. Ob er sie im Kofferraum verstauen dürfe? Oh je, darin wurde ein Heuballen transportiert, die Halme haften hartnäckig an der Auslegeware. Der Mann im Maßanzug verzieht keine Miene.
