
Der Name Tegut ist bald Geschichte. Wie der Eigentümer, die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich, am Mittwoch mitteilte, wird sie sich aus dem deutschen Markt zurückziehen und das Handelsunternehmen aus Fulda mit knapp 300 Supermärkten, Herzberger-Großbäckerei und Logistik zerschlagen. Wahrscheinlich bis Ende des Jahres wird die Marke verschwinden. Betroffen sind rund 7400 Mitarbeiter. Sie wurden erst am Mittwochmorgen über die Entscheidung, den Betrieb abzuwickeln, informiert.
Sofern das Kartellamt zustimmt, wird der Edeka-Konzern einen Großteil des Unternehmens übernehmen. Dazu gehört laut Migros die Übernahme eines „wesentlichen Teils“ des Filialportfolios – laut „Lebensmittel Zeitung“ gut die Hälfte der Filialen –, das neu errichtete Logistikzentrum in Michelsrombach, die Biobäckerei Herzberger und das Tegut-Schwesterunternehmen Smart Retail Solutions, das seit dem vergangenen Jahr die rund 40 autonomen Teo-Märkte in Deutschland betreibt.
Ein entsprechender Vertrag sei bereits unterzeichnet worden. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Zudem führe man Gespräche mit weiteren Marktteilnehmern. Laut „Lebensmittel Zeitung“ soll Rewe sich mit dem zweitgrößten Paket begnügen und eine hohe zweistellige Anzahl übernehmen. Rewe wollte sich dazu auf F.A.Z.-Anfrage nicht äußern.
Das Sorgenkind häufte immer mehr Schulden an
Die Migros Zürich, größte Genossenschaft im Verbund des Schweizer Migros-Konzerns, hatte das 1947 vom Kaufmann Theo Gutberlet gegründete Handelsunternehmen 2012 übernommen, in der Hoffnung, neue Absatzkanäle in Deutschland zu erschließen. Migros hatte Nachholbedarf beim Thema Biolebensmittel, die bei Tegut einen Anteil von 30 Prozent ausmachen. Tegut konnte umgekehrt einen finanzkräftigen Partner für Investitionen gebrauchen. Die Schweizer unterschätzten dabei allerdings offensichtlich die Härte des deutschen Lebensmittelmarktes, auf dem der Preiskampf aufgrund der Dominanz der Discounter besonders scharf ist.
Trotz Expansion und erheblicher Investitionen blieben das Umsatzwachstum und die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Der Blick in die Bilanzen zeigt, dass Tegut seit der Übernahme nur viermal schwarze Zahlen geschrieben hat. Stattdessen häufte das Sorgenkind der Schweizer Migros immer mehr Schulden an. Noch Ende 2023 hatte die Genossenschaft ein Darlehen in Höhe von 225 Millionen Euro in Eigenkapital umgewandelt.
Doch auch im Jahr danach schrieb das Unternehmen bei einem Nettoumsatz von 1,3 Milliarden Euro (plus 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr) Verluste in Höhe von 60 Millionen Euro. Daran dürfte auch die Übernahme von 19 Märkten der insolventen Biohandelskette Basic ihren Anteil gehabt haben. Zu teuer sind nach Ansicht von Handelsexperten die Standorte in München, zudem logistisch herausfordernd die Belieferung der Filialen in Süddeutschland von Fulda aus.
Ende 2024 zog die Muttergesellschaft die Reißleine und verordnete Tegut ein strenges Sparprogramm. Der Abbau von 120 Stellen in der Zentrale und die Trennung von unwirtschaftlichen Filialen sollten, so lautete die Hoffnung, das Unternehmen wieder auf Kurs bringen. Tegut-Chef Thomas Gutberlet, Enkel des Firmengründers, verließ das Unternehmen.
Patrik Pörtig, Chef der Migros Zürich, der Tegut noch bis Ende dieses Jahres eine Frist gesetzt hatte, äußerte sich zunächst noch optimistisch über die Entwicklung, sprach im Herbst sogar von einem Turnaround. Laut aktueller Mitteilung konnte Tegut die Verluste im vergangenen Jahr um mehr als die Hälfte reduzieren. Allerdings habe sich das Marktumfeld in Deutschland weiter verschärft und zu rückläufigen Umsätzen geführt. Die umfassende Analyse der Situation habe deutlich gemacht, dass Tegut „unter diesen Bedingungen mit der spezifischen Positionierung und der vergleichsweise kleinen Unternehmensgröße langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig ist“, heißt es. Der Verkauf biete unter den aktuellen Bedingungen „die beste langfristige Perspektive für alle Beteiligten“, sagt Pörtig.
