
Auch wenn die Märkte heute teilweise ein anderes Bild vermitteln, Obst- und Gemüseregale nicht ordentlich bestückt und Bedientheken für Fleisch und Käse teilweise wieder verschwunden sind – das hessische Unternehmen Tegut war einmal Avantgarde. Der Erfolg der Bio-Bewegung in Deutschland wäre ohne das vor knapp 80 Jahren in Fulda gegründete Unternehmen, das deutlich früher als andere nicht konventionell produzierte Ware in seine Regale räumte, eine eigene Fleischverarbeitung unterhielt, Brot und Brötchen aus der eigenen Bio-Bäckerei verkaufte, nicht möglich gewesen.
Tegut ist angetreten mit dem Anspruch, verantwortungsvoll und nachhaltig zu wirtschaften. Fleisch bezieht das Unternehmen von regionalen Erzeugern, Eigenmarken sind frei von Geschmacksverstärkern, der Bio-Anteil liegt heute bei 30 Prozent. Auch deswegen ist das Scheitern des Fuldaer Unternehmens, mit dem viele Kunden aus Hessen aufgewachsen sind, zu bedauern.
Bio gibt es inzwischen an jeder Ecke
Doch inzwischen gibt es Bio-Lebensmittel an jeder Ecke, oft günstiger als bei Tegut, und selbst im Discounter nicht nur nach EU-Standard zertifiziert. Bei Aldi und Lidl findet der Kunde Bio-Lebensmittel auch von Verbänden wie Bioland und Naturland, die strengere Kriterien ansetzen als das EU-Siegel. Darüber hinaus bauen die Handelskonzerne das Angebot ihrer günstigen Eigenmarken in Bio-Qualität weiter aus.
Ohnehin gehört der deutsche Lebensmittelmarkt mit seiner Dichte an Supermärkten und Discountern zu einem der preisaggressivsten Märkte in Europa. Daran haben sich schon andere Anbieter aus dem Ausland (Walmart, Intermarché, Amazon Fresh) verhoben. Auch die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich, die Tegut 2012 übernommen und das notwendige Geld im Rücken hatte, um eine Expansion in andere Bundesländer und neue Formate anzustoßen, hat die Situation unterschätzt. Ein vergleichsweise kleines Unternehmen wie Tegut hat andere Einkaufskonditionen und kann preislich nicht mithalten.
So gesehen ist es betriebswirtschaftlich nur konsequent, dass die Migros das deutsche Abenteuer – es hat sie viel Geld gekostet, mehr als eine halbe Milliarde Euro müssen die Schweizer abschreiben – nun beendet. Trotz eines strammen Spar- und Sanierungsprogramms schreibt das deutsche Tochterunternehmen weiter Verluste, die Umsätze waren zuletzt rückläufig. Die Mehrzahl der 300 Filialen soll an Edeka verkauft werden, ein kleineres Paket soll Rewe bekommen, vorausgesetzt, das Kartellamt stimmt zu.
In jedem Fall wird der deutsche Lebensmittelmarkt durch den Tegut-Rückzug eintöniger. Für viele der 7400 Mitarbeiter ergibt sich hoffentlich die Chance, ihre Arbeit zu behalten.
