
Im Stadion in Leverkusen ist es zwischen der 28. und der 29. Spielminute zu einem Ereignis gekommen, das im deutschen Fußball etwa so wahrscheinlich ist wie ein Sechser im Lotto. Wer die Entwicklung der Nationalmannschaft in diesem Jahrzehnt verfolgt hat, könnte anmerken, dass diese nicht zuletzt wegen ihrer Sechser keinen Jackpot knacken konnte, aber das nur nebenbei. Als am Samstagabend in Leverkusen das Spitzenspiel der Bundesliga stattfand, standen dort zwei Außenverteidiger des VfB Stuttgart im Mittelpunkt. Und mit ihnen die nächste Problemstelle der Nationalmannschaft, die bereits mehrere Bundestrainer bei ihren Lösungsversuchen wie Lottospieler wirken ließ.
In der 28. Minute stürmte der Rechtsverteidiger Josha Vagnoman mit dem Ball in den Strafraum, wo er so eindeutig gefoult wurde, dass sich der Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt danach den Ball auf den Elfmeterpunkt legen durfte und ihn in der 29. Minute ins Tor schoss. Da im Fall eines Tores per Strafstoß der Spieler die Torvorlage erhält, der den Strafstoß herausgeholt hat, kam es zu dem Ereignis, das auch Bundestrainer Julian Nagelsmann so wohl noch nicht erlebt hat: dass ein Linksverteidiger, der für die Nationalelf spielen könnte, auf Vorlage eines Rechtsverteidigers getroffen hat, der auch für die Nationalelf spielen könnte.
Für dieses Spiel in Leverkusen dürfte sich Nagelsmann mit Blick auf die Weltmeisterschaft aber nicht nur wegen der Außenverteidiger interessieren. In der Startelf der Stuttgarter, die 4:1 siegten, standen acht Spieler, die für seinen WM-Kader infrage kommen. Doch vielleicht ist es fünf Monate vor dem ersten WM-Spiel gar keine so gute Nachricht für Nagelsmann, dass er sich so sehr dafür interessieren muss, was in Stuttgart entsteht.
Der Flow der anderen
Das führt zur Frage, wie man eine Mannschaft entwickelt, die ein großes Turnier gewinnen soll. Man kann das so wie Lionel Scaloni und Luis de la Fuente machen, die Nationaltrainer von Argentinien und Spanien, die schon in den Sommern vor ihrem WM- und EM-Sieg (2022 und 2024) sehr konkret wussten, wie ihre Startelf für das Auftaktspiel des Turniers aussehen soll. Man kann das aber auch so wie Nagelsmann machen, der vor der EM erkannte, dass er das, was die Vereinstrainer Xabi Alonso (Leverkusen) und Sebastian Hoeneß (Stuttgart) mit ihren Mannschaften geschaffen hatten, für sich nutzen muss. Es war keine Schwäche, sondern eine Stärke von Nagelsmann, dass er dem Flow der anderen folgte. Doch am Anfang dieses WM-Jahres scheint seine Position nicht mehr so stark. Weil er es nach dem Ende der EM nicht geschafft hat, in der Nationalmannschaft eine eigene Struktur zu entwickeln. Weil es auf wichtige Fragen (wer spielt in der Mittelfeldmitte?) keine Antworten gibt.
Als Bundestrainer braucht man auch etwas Glück. Vielleicht hat Julian Nagelsmann dieses Glück, weil der FC Bayern in dieser Saison mit so viel Flow spielt wie seit Jahren nicht mehr. Aber das, was in München Woche für Woche aufgebaut worden ist, lässt sich vor einer WM nicht in wenigen Wochen nachbauen. Und doch scheint Nagelsmanns Nationalelf mehr als üblich auf Impulse von außen angewiesen. So ist für den Moment der Eindruck entstanden, dass er in eine Situation geraten ist, in der er es schwer haben wird, seines eigenen Glückes Schmied zu sein.
