
Noch am Mittwoch war der aserbaidschanische Herrscher zu Gast in der iranischen Botschaft in Baku, im schwarzen Anzug und mit schwarzer Krawatte. Ilham Alijew trug sich dort ins Kondolenzbuch für den durch einen amerikanisch-israelischen Angriff getöteten Obersten Führer Irans ein und sagte dem Botschafter des Landes, er werde die Treffen mit Ali Khamenei in bester Erinnerung behalten. Schon tags darauf äußerte sich Alijew ganz anders über das südliche Nachbarland.
Oberflächlich waren die Beziehungen zuletzt gut
Alijew sagte auch, Teheran habe Baku um Hilfe bei der Evakuierung seiner Botschaft in Libanon gebeten, er habe sofort zugesagt – und dann der „gemeine und ehrlose“ Angriff. Am Donnerstag gab das aserbaidschanische Außenministerium auch bekannt, dass es vier iranische Diplomaten ausweisen werde.
An der Oberfläche waren die Beziehungen Aserbaidschans mit seinen zehn Millionen Einwohnern zu dem mit 92 Millionen Einwohnern viel größeren Nachbarn zuletzt wieder gut. Aseris stellen in Iran die größte ethnische Minderheit und bis zu ein Viertel der Bevölkerung, mehr Aseris leben in Iran als in Aserbaidschan selbst. Als im Mai 2024 Irans damaliger Präsident Ebrahim Raisi bei einem Hubschrauberabsturz in der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan ums Leben kam, war er auf dem Rückflug von einem Treffen mit Alijew. Die beiden hatten am Grenzfluss Aras zwei Wasserkraftwerke eröffnet. Irans derzeitiger Präsident Massud Peseschkian, selbst Aseri, besuchte Baku im April vorigen Jahres, schloss etliche Kooperationsabkommen ab.
Geraune über Geheimdienst-Zusammenarbeit mit Israel
Doch Spannungen gibt es immer. Alijew erinnerte nun an einen „Terrorangriff“ auf die aserbaidschanische Botschaft in Teheran Anfang 2023, bei dem deren Sicherheitschef getötet worden war; erst mehr als ein Jahr später machte die Botschaft an einem neuen Ort wieder auf. Seit Jahrzehnten pflegt Aserbaidschan beste Beziehungen zu Israel, verkauft dem nach iranischer Lesart „kleinen Satan“ viel Öl, erwirbt seinerseits israelische Waffen wie Drohnen, Flugabwehrsysteme und Raketen. Diese spielten eine wichtige Rolle dabei, die Region Bergkarabach 2020 und 2023 von den Armeniern zu erobern.
Seit Langem wird über eine intensive geheimdienstliche Zusammenarbeit Aserbaidschans und Israels geraunt, wobei Baku offiziell stets hervorhebt, sein Staatsgebiet keinem Staat für Aggressionen gegen ein Nachbarland zur Verfügung zu stellen. Die Beziehungen seien „wie ein Eisberg“, wurde Alijew 2009 in einem amerikanischen Diplomatenbericht zitiert, „neun Zehntel“ lägen „unter der Oberfläche“.
Diese Partnerschaft richtet sich gegen Iran, dessen islamistisches, sendungsbewusstes Klerikerregime Alijews säkularer, pragmatischer Clanherrschaft widerspricht. Oft haben Alijews Geheimdienste Leute unter Vorwürfen festgenommen, in iranischem Auftrag islamistische Anschläge im Land geplant zu haben. Ein Paradoxon besteht indes darin, dass Alijew zugleich daran gelegen sein müsse, dass Iran ein Pariastaat bleibe, „isoliert, theokratisch und schwach“, wie es nun in einem Bericht des Portals OC Media hieß. Ein säkularer, westlich orientierter Iran würde demnach westliche Märkte mit Öl und Gas fluten, Aserbaidschan die Transitrolle streitig machen und für Israel weit weniger wichtig sein. Hinzu kommt, dass ein demokratischer Iran eine Bedrohung für Alijews Herrschaft wäre.
Während der Generalstab der iranischen Streitkräfte zurückwies, Aserbaidschan mit Drohnen angegriffen zu haben, verbanden Bakus Medien die Attacke auf Nachitschewan mit Teherans Taktik, den Konflikt auf Staaten der Region auszuweiten. Alijew forderte Iran auf, sich zu entschuldigen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Nach dem Angriff auf die Botschaft in Teheran habe man Iran gezwungen, den Angreifer in Gegenwart aserbaidschanischer Vertreter hinzurichten, so werde man nun wieder verfahren. Aserbaidschans Armee werde Vergeltungsmaßnahmen ergreifen, sagte Alijew.
