
Die vier Astronauten an Bord von Artemis 2 sind nun endgültig auf dem Weg zum Mond. Nachdem das Quartett am Mittwochnachmittag von Cape Canaveral in Florida gestartet war, verbrachten die Raumfahrer den ersten Tag ihrer für die Dauer von zehn Tagen geplanten Mission in einer Erdumlaufbahn, um alle Systeme ihrer Orion-Raumkapsel zu testen und einige Flugmanöver auszuprobieren.
Am Donnerstagabend schließlich gab das Kontrollzentrum der amerikanischen Raumfahrtbehörde (NASA) in Houston grünes Licht, das interne Triebwerk von Orion zu zünden. Innerhalb von fast sechs Minuten versorgte es die Kapsel mit genügend Schub, um sich völlig aus dem Schwerefeld der Erde zu lösen und auf eine Flugbahn zum Erdtrabanten zu gelangen. Zum ersten Mal seit dem 7. Dezember 1972 haben sich damit nun wieder Menschen aus den Fesseln der irdischen Gravitation befreit und sind im freien Weltraum unterwegs.
Damals waren es die drei Astronauten von Apollo 17, die zum letzten Mondflug als Teil des Apollo-Programms abhoben. Eugene Cernan und Harrison Schmitt sollten als letzte Menschen den Mond betreten, während ihr Kollege Ronald Evans unterdessen als Pilot die Apollo-Kapsel in einer Mondumlaufbahn steuerte. Nach der erfolgreichen Rückkehr zur Erde kurz vor Weihnachten 1972 sind zwar mehr als 700 weitere Menschen aus 47 Ländern ins All geflogen, aber alle hielten sich dabei im niedrigen Erdorbit auf, hauptsächlich auf der Internationalen Raumstation (ISS) oder auf deren chinesischem Pendant Tiangong.
Wie lässt sich die Erdgravitation überwinden?
Außer den Apollo-Astronauten erreichte aber keiner der bisherigen Raumfahrer die zweite kosmische Geschwindigkeit, jene Fluchtgeschwindigkeit, die notwendig ist, um die Erdanziehung zu verlassen. Nach den Gesetzen der Himmelsmechanik kann die Erdgravitation nur überwunden werden, wenn ein Objekt schneller als 11,2 Kilometer pro Sekunde (etwa 40.000 Kilometer pro Stunde) fliegt. So schnell muss man mindestens sein, um sich im interplanetaren Raum zu bewegen und den Mond zu erreichen. Der Schub des internen Triebwerks von Orion beschleunigte in der Nacht zum Karfreitag die Kapsel auf genau jene Geschwindigkeit.
Während dieses Manöver im Erdorbit stattfand und der Extraschub nur von den vier Astronauten an Bord von Orion gespürt wurde, erlebte Floridas Atlantikküste zum Start von Artemis-2 einen so großen Besucheransturm wie lange nicht mehr. Mehr als 400.000 Personen säumten nach offiziellen Schätzungen die Strände, Parks und Parkplätze in jener Gegend um Cape Canaveral, die sich selbst gern die amerikanische Space Coast (Weltraumküste) nennt. Die Besucher wollten den Beginn des ersten Mondflugs seit fast 54 Jahren erleben.
Der Jubel unter den Besuchern war groß
Als Artemis 2 endlich am späten Nachmittag abhob, war der Jubel unter den Besuchern groß. Viele hatten Tränen der Rührung in den Augen, als sie den Feuerschweif der röhrenden Rakete über dem Startgelände sahen. Der von den vier Triebwerken der ersten Raketenstufe und ihren zwei Zusatzraketen hinterlassene Kondensstreifen war bis nach Sonnenuntergang in dem fast wolkenlosen Himmel über Florida zu sehen.
Diese lang gestreckte, von Höhenwinden zerzauste Wolke bestand aus Wasserdampf, in den vier Haupttriebwerken der für das Artemis-Programm entwickelten Rakete wurde Wasserstoff mit Sauerstoff in einer kontrollierten Knallgasexplosion verbrannt. Es entstand genügend Schub, um das 26.000 Tonnen schwere Gefährt von der Startrampe abheben zu lassen und in eine Erdumlaufbahn zu befördern. Allerdings machten Tausende von Tonnen Treibstoff für die Rakete den allergrößten Teil des Startgewichts aus, während die Orion-Raumkapsel samt Triebwerk und Sicherheitssystemen nur 33 Tonnen wog.
Das Space Launch System (SLS) wurde von drei Unternehmen entwickelt
Dieses von einem Konsortium der drei amerikanischen Unternehmen Boeing, Northrop Grumman und Aerojet Rocketdyne entwickelte Space Launch System (SLS) ist etwa so leistungsfähig wie die vor mehr als 60 Jahren von einem Team um den deutschen Raketenpionier Wernher von Braun für das Apollo-Programm entwickelte Saturn-V-Rakete. Beide Gefährte sind etwa 100 Meter hoch. Die vier vom amerikanischen Space-Shuttle-Programm übernommenen SLS-Haupttriebwerke vom Typ RS-25 sorgen zusammen mit den zwei Zusatzraketen für eine Schubkraft von knapp vier Millionen Kilogramm, knapp 15 Prozent mehr als die Saturn V.
Allerdings nehmen sich diese beiden Raketensysteme zwergenhaft aus gegenüber dem Starship, der Superrakete des Elon Musk gehörenden privaten Raumfahrtunternehmen SpaceX. Sein Starship kann einen Schub von mehr als sieben Millionen Kilogramm erzeugen und ist damit fast doppelt so leistungsfähig wie die Saturn V.
Die vier Artemis-Astronauten, Kommandant Reid Wiseman, Pilot Victor Glover und die Missionsspezialisten Christina Koch und der Kanadier Jeremy Hansen, werden dem Mond schon am Ostermontag sehr nahe kommen. Am Dienstag werden sie dann die von der Erde aus nicht sichtbare Rückseite des Mondes in einer Höhe von etwa 7500 Kilometern umfliegen. Sie kommen der Mondoberfläche aber längst nicht so nahe wie die Apollo-Astronauten vor mehr als fünf Jahrzehnten. Sie umrundeten damals den Mond in jeweils nur etwa 100 Kilometer Höhe.
Wegen ihrer wesentlich höheren Flugbahn werden die Artemis-Astronauten einen viel besseren Überblick über die Mondrückseite haben als die Apollo-Raumfahrer. Das Artemis-Quartett soll deshalb bei ihrem Vorbeiflug auch nach möglichen Landeplätzen auf der Südhälfte des Mondes Ausschau halten. Dort sollen Raumfahrer künftiger Mondmissionen nach Wasser suchen, einer absoluten Notwendigkeit für eine geplante permanente Mondstation.
Wenn die Orionkapsel am Dienstag gegen Ende ihres Vorbeiflugs aus dem Mondschatten auftaucht, wird sich den Astronauten ein Bild bieten, das nur die wenigsten Erdbewohner je selbst sehen werden. Vor dem schwarzen Hintergrund des Universums wird die Erde als Blauer Planet über der grauen Mondoberfläche aufgehen. Der amerikanische Astronaut William Anders machte am Heiligabend 1968 durch ein Bullauge von Apollo 8 als erster Mensch ein Foto dieses „Erdaufgangs“. Auch heute noch ist dieses Foto ein fest mit dem Apollo-Programm verbundenes, inzwischen zur optischen Ikone gewordenes Motiv.
