Claus Hagenbeck sieht
sich in einer ehrwürdigen Tradition stehend. Lange Jahre leitete der 84-Jährige
den Tierpark Hagenbeck; er ist ein Patriarch, der ein Erbe verwaltet, das weit
über die materiellen Umfänge der Firma hinausgeht. Der Tierpark gehört schließlich zu Hamburg, wie der Hafen, die Speicherstadt und die
Reeperbahn. Zugänge im Tierbestand, etwa durch Geburten kleiner Eisbären oder
Löwinnen, schaffen es regelmäßig in die Hamburger Presse und ins Fernsehen.
Hagenbeck ist zweifellos eine Hamburger Instanz.
Aus der
herausgehobenen Position ergibt sich aber auch Verantwortung. Und hier fangen
die Probleme an. Wer ein – auch immaterielles – Erbe verwaltet, ist zur
Offenheit und Transparenz verpflichtet. Er oder sie muss auch über die kolonialen Aspekte der eigenen Geschichte aufklären, zumal wenn diese Bedeutung für die
allgemeine Geschichte besitzen.
Denn Hamburgs Tierpark war
nicht nur eine Heimstatt wilder Tierbabys. Die weltweite Bekanntheit von Hagenbeck
gründet sich historisch nicht unerheblich auf der rassistischen Ausstellung von
Menschen. Diese “Völkerschau” genannten Menschenzoos machten Hagenbeck bereits
im Deutschen Kaiserreich zur globalen Marke und spülten wohl auch viel Geld in
die Firmen- und Familienkasse. Zwischen 1875 und 1931 zeigte Hagenbeck etwa 100 Völkerschauen und schickte sie auf Tour durch ganz Deutschland und auch ins
Ausland, wo “Hagenbeck” fast zum Synonym für “Völkerschau” wurde.
Hagenbecks Völkerschauen dienten auch der Rechtfertigung kolonialer Ausbeutung
Millionen Menschen
pilgerten zu diesen Völkerschauen, um Menschen zu begaffen. Diese wurden
reduziert auf Nacktheit, Rückständigkeit und Primitivität. Komplexe
Gesellschaften mit ihren Traditionen und Geschichten wurden so zu “Wilden”.
Neben dem Grusel des vermeintlich Unzivilisierten holten sich die Besucherinnen
und Besucher zugleich die Bestätigung der eigenen zivilisatorischen
Überlegenheit.
Hagenbeck fügte sich damit aufs Beste in die deutsche
Kolonialmetropole Hamburg ein: Im Zeitalter des Kolonialismus rechtfertigte die
vermeintlich eigene Überlegenheit die Invasion fremder Weltregionen, den Raub der
Rohstoffe und die Unterjochung und Ausbeutung der dortigen Bevölkerung. Völkerschauen
wie etwa auch die Völkerkundemuseen befanden sich deshalb in einem
symbiotischen Verhältnis zum Kolonialismus. Es geht also nicht allein um
Hagenbeck, es geht nicht bloß um ein untergeordnetes Kapitel in der Geschichte
eines Tierparks.
Während Museen und
Universitäten inzwischen Schritte zur Aufarbeitung ihrer Geschichte leisten,
scheint bei Hagenbeck das Prinzip vorzuherrschen, dass eine dunkle Geschichte
schon vorbeigeht, wenn man die Augen nur fest genug zudrückt. Der entscheidende
Unterschied liegt darin, dass Museen und Universitäten öffentliche
Einrichtungen sind, während sich der Tierpark und damit auch sein Archiv in
Privatbesitz befinden. Der Zugang zu diesem Archiv und damit die Möglichkeit
der Forschung über ein zentrales Kapitel des deutschen Rassismus und Kolonialismus
werden von dem Patriarchen Claus Hagenbeck nach Gutdünken gewährt – oder eben
verwehrt.
Als Leiter der Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe versuchte ich, für meine
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Zugang zum Archiv der Hagenbecks zu bekommen.
Wir wollten die Geschichte der Menschenzoos europäisch vergleichend in einer
Ausstellung aufarbeiten. Leider ohne Erfolg. Da auch die Stadt nicht bereit
war, einen Zuschuss zum Ausstellungsmaterial zu leisten, mussten wir die Idee begraben. Mittlerweile wurde der Forschungsstelle insgesamt die
Finanzierung gestrichen.
Ein Interview mit
Claus Hagenbeck in der ZEIT vom 29. Januar 2026 bringt nun etwas Licht ins
Dunkel über die Art und Weise, wie in Hamburg historische Aufarbeitung
betrieben wird. Mir gegenüber wurde
die Absage eines Zugangs zum Archiv jahrelang mit dessen Umbau oder Renovierung
begründet. Diese Gründe waren jedoch offenbar nur vorgeschoben, denn auf die Frage der
ZEIT, “Sie haben keine Probleme damit, Ihre Archive zu öffnen, nur Herrn
Zimmerer wollen Sie nicht reinlassen?”, erklärte Claus Hagenbeck nun ganz
unverblümt: “Ja, ich bin offen für wissenschaftliche Wahrheit, und jeder, der
in mein Archiv will, kann das gerne tun. Nur nicht Herr Zimmerer.”
