Das hat sich der Kollege anders vorgestellt. Deutlich milder, nicht so gnadenlos trocken und wuchtig. Da hätte er bei der Bestellung ein bisschen besser aufpassen müssen und nicht einfach „Für mich auch einen“ sagen sollen, als sein Gegenüber zum Auftakt des Abends einen Dry Martini orderte.
Jetzt muss er mit diesem Cocktailklassiker vorliebnehmen, der im Grunde aus nichts weiter als eiskaltem Gin, ein wenig trockenem Wermut und einer dekorativen Zitronenzeste besteht. Nichts anderes bleibt ihm übrig, als sich tapfer an diesen kantigen Aperitif heranzutrinken – und sich sagen zu lassen, dass er da tatsächlich einen perfekten Drink im Glas hat, souverän gemixt von einem erfahrenen Barteam, das zu den besten in der Stadt gehört.
Bis vor gut einem Jahr hat Dominik Falger mit seiner Mannschaft in seiner „Embury Bar“ mitten im Bankenviertel erstklassige Cocktails und Drinks unter die Frankfurter gebracht. Zehn Jahre lang, bis die Kündigung vom Vermieter kam. Falger wechselte mit seinem gesamten Team ins neue Kimpton-Hotel im Hochhausquartier „Four“ und ist dort nun als Barmanager nicht nur für die Rooftop-Bar und das Restaurant „Lazuli“ im fünften Stock des Hauses zuständig, sondern auch für die Lobbybar und die Drinks in der „Anni Brasserie“. So ist es im Grunde denn auch kein Wunder, dass der flüssige Auftakt des Abends so tadellos gelingt.
Auf der Karte stehen viele Brasserie-Standards
Für die Küchen des Hauses ist Jörg Ludwig zuständig, der lange die „Gerbermühle“ in Frankfurt geführt und auch einmal das Grüne-Soße-Festival gewonnen hat. Jetzt geht es bei ihm allerdings nicht mehr besonders frankfurterisch zu. Während er im „Lazuli“ eine schwer zu definierende internationale Sharing-Mischung vom Sauerteigbrot mit aufgeschlagener Butter über Jahrgangssardinen, Trüffelpommes und Soft-Shell-Crab bis zu Wildgarnelen servieren lässt, geht es im „Anni“ klassisch französisch zu. Das Vorbild sind die „europäischen Grand Cafés“ mit Traditionsgerichten wie Zwiebelsuppe, Beef Tatar, Wiener Schnitzel und Moules Frites.

Das Lokal im Erdgeschoss des Hotels, mit Zugang zum großen Hof des Quartiers, trägt den Beinamen „Neighbourhood Brasserie“. Von Nachbarschaft ist im „Four“ mit seinen vier Hochhäusern allerdings noch nicht viel zu spüren. Zum einen ist das Großprojekt im Herzen der Stadt noch immer nicht ganz fertig und bezogen, zum anderen kann man sich schon fragen, ob sich in diesem hyperurbanen, hochpreisigen Umfeld überhaupt jemals so etwas wie eine richtige Nachbarschaft entwickelt – oder ob die Anonymität der Büros und Hotels am Ende alles dominiert.
Das Publikum im „Anni“ rekrutiert sich derzeit jedenfalls in erster Linie aus den Gästen des Kimpton-Hotels und der umliegenden Business-Community: Man trifft sich zum Lunch oder zum frühen Dinner, mancher kommt auch für ein späteres Abendessen nach einem langen Tag mit Meetings. Die Atmosphäre ist entspannt, aber in gewisser Weise eben auch reserviert, so wie es in einem großen internationalen Hotel mit ständig wechselnder Kundschaft nun einmal der Fall ist.
Die Karte ist am typischen Bistro- und Brasserie-Standard orientiert, der sich – mit kleinen lokalen Ergänzungen – praktisch überall auf dem Globus in den großen Hotels etabliert hat, weil er für so gut wie jeden Gast etwas bereithält, ob es nun der Salat Niçoise mit Bohnen, Kartoffeln, Ei, Sardellen und frisch gebratenem Thunfisch (21 Euro), das Entrecôte mit grünen Bohnen, Pommes und Café-de-Paris-Sauce (49 Euro) oder der Steinbutt mit Couscous, Blattspinat und Safranschaum (39 Euro) ist. Nicht ganz so massentauglich dürften die gebratene Blutwurst mit Kartoffelpüree (22 Euro), die Nierchen in Dijon-Senf-Soße (28 Euro) oder der gute alte Sauerbraten sein, der hier „Rôti de bœuf mariné“ heißt und für 32 Euro mit Rotkohl, Kartoffelknödeln und einer den ganzen Teller bedeckenden, sämigen Rotweinsoße auf den Tisch kommt.
Die Preise, vor allem für die Hauptgerichte, sind nicht gerade zurückhaltend kalkuliert und ganz offensichtlich am zahlungskräftigen Hotel- und Businesspublikum ausgerichtet. Die Qualität der Teller, die ganz klassisch ohne viel Schnickschnack angerichtet auf die Tische kommen und die Handschrift eines sehr erfahrenen Küchenchefs zeigen, stimmt dabei aber durchweg. Ob das reicht, um am Ende auch die Nachbarschaft für das „Anni“ zu gewinnen, steht auf einem anderen Blatt.
