Anja Blacha ist die erfolgreichste Höhenbergsteigerin Deutschlands. Die Fünfunddreißigjährige, geboren in Bielefeld, hat zwölf der 14 Achttausender erfolgreich ohne Flaschensauerstoff bestiegen. Zur Jahreswende 2019/2020 lief sie über gut 1300 Kilometer allein zum Südpol. In diesen Tagen ist sie auf dem Weg zum Gipfel des Lhotse, dem der Aufstieg zum 14. Achttausender, der Shishapangma, folgen soll. Ihre Berichte werden an dieser Stelle regelmäßig aktualisiert. Aufgezeichnet werden sie von Stephanie Geiger.
Teil 1: Die Beter beruhigen
Das Basislager ist erreicht. Eine Woche nach meiner Abreise aus Europa habe ich mein Zelt auf dem Khumbu-Gletscher bezogen. Vier Tage war ich dorthin zu Fuß unterwegs. Natürlich könnte man auch mit dem Hubschrauber ins Basislager fliegen, ich nähere mich, wenn es die Zeit erlaubt, dem Berg aber lieber zu Fuß. Das ist mein persönlicher Expeditionsstil. Wie schön sind die gewundenen Pfade, auf denen man so viel entdecken und noch dazu die Gastfreundschaft der Menschen erleben kann.
Ich hatte Glück mit meinem Flug von Kathmandu in die Everest-Region. Lukla, das Dorf mit dem Flugplatz, es heißt, es sei einer der gefährlichsten der Welt, ist der Ausgangspunkt der meisten Trekkings und Expeditionen in der Region. Zwei Tage lang war Lukla aufgrund des Wetters mit den kleinen Propellermaschinen kaum zu erreichen. Mein Flug war der erste, der von Kathmandu direkt nach Lukla flog. Mit mir an Bord war eine Gruppe betender Buddhisten. Angesichts der Turbulenzen hatte das etwas Beruhigendes.

In Lukla habe ich die Träger getroffen, die mein Expeditionsgepäck ins Basislager bringen sollten. Vom Teebeutel bis zum Baustahl wird ab Lukla alles auf dem Rücken von Menschen oder Tieren transportiert. Es gibt dort keine Straßen. Expeditionen nutzen heute oft Helikopter. Dagegen protestieren regelmäßig Yak- und Mulitreiber und auch die Trägergewerkschaft.
Ein Porter trägt heute 30 Kilogramm. Die älteren Träger machen sich zwar lustig, wenn Träger dieses Gewicht als schwer monieren. Früher war das Doppelte üblich. Ich finde die Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen trotzdem richtig.
Und nicht nur da konnte ich Veränderungen feststellen. Während der ersten Male, die ich in Nepal verbrachte, hat man überall indische Musik gehört. Im vergangenen Jahr dann ganz viel Nepali-Hip-Hop. Und jetzt mischt sich zunehmend internationaler Pop dazu. Auch die sozialen Medien setzen sich mehr und mehr durch. Mit meinen Portern habe ich über Whatsapp und Google Maps vereinbart, wo wir uns treffen.
Weil der Flieger erst so spät landete, blieb ich zunächst noch eine Nacht in Lukla. Erst am nächsten Tag begann ich mit dem Trekking. Weil in den Vortagen so wenige Touristen nach Lukla gekommen sind, waren nur wenige Leute auf dem Trek unterwegs. In Namche, dem Hauptort der Sherpa-Region, habe ich Adriana Brownlee und Gelje Sherpa getroffen, alte Bekannte von mir. Die Britin und der Nepali waren die Jüngsten auf den 14 Achttausendern und haben jetzt eine eigene Expeditionsagentur gegründet. Ihr Ziel: der Mount Everest.
Am nächsten Tag war dann zum ersten Mal das Ziel meiner Expedition zu sehen. In Namche geht es erst einmal eine lange Treppe hinauf zum Everest View Hotel (3880 Meter). Dort oben sieht man die Ama Dablam, einen wunderschönen Sechstausender, und links davon die Gipfel des Mount Everest, dem höchsten Berg der Welt, auf dem ich im vergangenen Jahr zum dritten Mal stand, und vom 8516 Meter hohen Lhotse, mein Ziel in diesem Jahr. Es ist ein Panorama wie gemalt.
Je näher ich dem Lhotse an den nächsten Tagen gekommen bin, desto surrealer wurde es, mir vorzustellen, dass man dort hinaufkommt. So ging es mir schon oft bei Expeditionen. Aber es hat bisher immer noch eine Route auf den Gipfel gegeben. Jetzt gönne ich mir aber erst ein paar Tage Ruhe, um mich zu erholen. Immerhin liegt das Basislager auf 5300 Meter Höhe.
