Auf erholsamen Schlaf soll in Dubai auch in Kriegszeiten niemand verzichten. Endlich sei „Schluss mit der Panik bei Nacht“, meldet der Social-Media-Kanal „Dubai Secret“ inmitten des Dauerbeschusses aus Iran. Das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate hat gerade einen neuen Beschluss verkündet: Der Raketenalarm auf dem Handy, der die Bevölkerung seit Beginn der iranischen Angriffe vor akuter Gefahr warnt, wird nachts stummgeschaltet.
Von halb elf Uhr abends bis neun Uhr morgens ertönt nun kein schriller Signalton mehr, stattdessen vibrieren die Geräte nur noch kurz auf. An der Strandpromenade wird die Neuerung mit Freude kommentiert. „Ist auch Zeit, mal wieder runterzukommen“, heißt es da etwa. Die ständigen Alarme hätten ja geradezu Herzinfarkte ausgelöst.
Was so manchen zu beruhigen scheint, hat mit einer tatsächlichen Entspannung der Lage nur wenig zu tun. Unermüdlich feuert Iran seit dem israelisch-amerikanischen Großangriff Drohnen und Raketen auf die Vereinigten Arabischen Emirate ab – und die Drohungen des Teheraner Regimes werden zunehmend schärfer. Hatte es zu Beginn noch geheißen, man greife nur amerikanische Militärstellungen an, hat sich der Radius der offiziellen Ziele wenig später längst ausgeweitet. Mitte März kündigte Iran an, auch Finanzeinrichtungen gezielt anzugreifen. Kurz darauf folgte eine ähnliche Erklärung für sämtliche Häfen.
Ein ganzes Geschäftsmodell steht auf dem Spiel
Die Emirate, die stellenweise keine 70 Kilometer von ihrem Angreifer trennen, werden von den iranischen Attacken massiver getroffen als jeder andere Golfstaat. Selbst das kriegführende Israel muss weniger Vergeltungsschläge erleiden. Dass Städte wie Dubai nicht längst in Schutt und Asche liegen, ist vor allem auf die gut ausgestattete Luftabwehr des Landes zurückzuführen. Doch fast 2000 Drohnen und Hunderte Raketen, mit denen Iran seinen arabischen Nachbarn bislang überzogen hat, haben schon jetzt tiefe Spuren hinterlassen.
Acht Tote hat das Land bislang zu verzeichnen, darüber hinaus mehr als 150 Verletzte. Die Flughäfen in Dubai und Abu Dhabi stellen wieder und wieder den Betrieb ein, Hotels müssen evakuiert werden, Ölfelder gehen in Flammen auf. Die Regierung verurteilte den „kriegerischen Angriff“ des Teheraner Regimes von Beginn an mit klaren Worten. Wenig später legte Staatschef Muhammad bin Zayed Al Nahyan noch einmal nach. Die Emirate hätten eine „dicke Haut und bitteres Fleisch“, sagte er in einem Interview. Das Land sei zwar „attraktiv, wunderschön und ein Vorbild“. Doch „wir sind keine leichte Beute“.
Die Botschaft der Stärke war dabei nicht nur nach außen gerichtet – sondern auch an die eigene Bevölkerung, in der man Panik tunlichst verhindern will. Schon jetzt haben die Bilder brennender Hochhäuser und feststeckender Kreuzfahrtschiffe das Image des Golfstaates als sonniges Urlaubsparadies und stabiler Hort für Investoren zum Bröckeln gebracht.
Für die Emirate steht damit ein ganzes Geschäftsmodell auf dem Spiel: Neun von zehn Bewohnern des Landes sind Ausländer, auf deren Finanz- und Arbeitskraft man nur schwer verzichten kann. Der boomende Tourismussektor ist in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Pfeiler der Wirtschaft geworden. Vermittelt werden soll deshalb vor allem eines: Das Land ist sicher, das geregelte Leben geht weiter. Und die schützende Führung hat alles im Griff.
Vertrauen in die Luftabwehr
In Teilen der Dubaier Glitzerwelt scheint das tatsächlich zu funktionieren. In der gigantischen „Dubai Mall“ etwa ist in diesen Tagen von Krisenstimmung nur wenig zu spüren. Mit großen Einkaufstüten bepackt schieben sich Auswandererpaare und emiratische Familien durch die Gänge. An einem Stand mit Lockenstäben lassen sich kichernde Teenagerinnen Frisuren für den Abend stylen. Im Restaurant nebenan ist man noch immer beseelt vom hohen Besuch, den man hier kürzlich empfangen hat.
Staatschef Zayed Al Nahyan persönlich war kurz nach Kriegsbeginn auf einen Kaffee und ein paar venezianische Teilchen in dem kleinen Lokal vorbeigekommen – natürlich nicht, ohne sich dabei filmen zu lassen. Der Auftritt scheint Wirkung gezeigt zu haben: „Das war schon ein gutes Zeichen“, befindet einer der Kellner. „Wenn unsere Führung sich sicher fühlt, dann sollten wir das erst recht.“
Die vermeintliche Sicherheit, in der sich die Bevölkerung wägt, zeigt sich auch an anderer Stelle. Die Frage danach, was bei Raketenalarm zu tun sei, stößt weitgehend auf Unverständnis. Von Schutzräumen oder gar Bunkern will hier keiner etwas wissen. Selbst in Innenräume zu gehen halten die meisten für übertrieben. „Keine Sorge“, heißt es dann oft, die Geschosse würden schon alle abgefangen. In einem Hotel im Dubaier Zentrum wird den Gästen immerhin empfohlen, während der Angriffe „für das eigene Gefühl“ in der Lobby zusammenzukommen. Der Sammelpunkt befindet sich direkt vor einer meterhohen Glasfassade.
Gähnende Leere in den Hotels der Stadt
An anderen Stellen lassen sich die Auswirkungen des Krieges schwieriger verbergen. Kaum ein Morgen vergeht ohne Meldungen über neue nächtliche Angriffe, die schwarzen Rauchsäulen sind meist noch Stunden später über den von Drohnen oder herabfallenden Trümmerteilen getroffenen Gebäuden zu sehen. Auch die Geräuschkulisse hat sich verändert. Immer wieder hört man das Rauschen von Kampfflugzeugen am Himmel, hinzu kommen einzelne Explosionen und die dumpfen Schläge der Luftabwehr. Mitunter kommt der Krieg sogar noch näher. An einem Strand in Dubai taucht mitten am Tag eine iranische Schahed-Drohne im Tiefflug auf, die wenig später von einem Kampfflugzeug abgeschossen wird. Die Badegäste beobachten die Verfolgungsjagd von ihren Handtüchern aus.

Hunderttausende Urlauber, die zu dieser Jahreszeit für gewöhnlich die Sonne am Golf genießen, haben deshalb längst das Weite gesucht. Die meisten Touristen, die Anfang März von den Angriffen überrascht wurden, haben die Emirate verlassen. Auf dem Souk Madinat, einem arabischen Basar in Dubai, stehen die Händler ratlos vor ihren Ständen mit Gewürzmischungen. Andere versuchen, Schlüsselanhänger und Kühlschrankmagneten zu „Extra-Sonderpreisen“ zu verkaufen. Doch die wenigen Besucher, die überhaupt noch da sind, haben kaum Interesse an den bunten Mitbringseln. Zwei philippinische Masseurinnen, die verloren durch die gepflasterten Gassen des Marktes spazieren, halten selbst Ausschau nach Kunden. Ein indischer Essenslieferant ist nur gekommen, um sich die verlängerte Mittagspause um die Ohren zu schlagen.
Auch in den vielen Hotels der Stadt, die ansonsten oft restlos ausgebucht sind, herrscht gähnende Leere. Auf den Dachterrassen funkeln verwaiste Poollandschaften in der Sonne, die Frühstücksbüfetts werden teils gar nicht mehr aufgebaut. Wer eine Flasche Wasser aufs Zimmer bestellt, kann innerhalb von Sekunden mit einem Klopfen an der Tür rechnen. Mitunter kommen die Mitarbeiter dafür dann zu dritt.
Im Burj-Al-Arab, dem wohl bekanntesten Luxushotel und Postkartenmotiv Dubais, ist der Ausnahmezustand besonders deutlich zu spüren. Kurz nach Beginn des Krieges wurde das ikonische Gebäude in Form eines Segels von Trümmerteilen einer abgefangenen Drohne getroffen. Die Bilder des Brandes gingen um die Welt. Nach einer kurzzeitigen Evakuierung wurde der Betrieb wiederaufgenommen. Doch von Gästen ist auch Wochen später nicht viel zu sehen.
Über „den Vorfall“ will keiner reden
Auf dem Gelände der künstlichen Insel, die eigens für das Hotel vor der Küste Dubais aufgeschüttet wurde, steht ein einsamer roter Porsche, die restlichen Parkplätze sind leer. Die Golfcart-Fahrer, die für gewöhnlich Gäste von Pools zu Restaurants und zurück kutschieren, drehen rastlose Runden. In einem der Luxusgeschäfte im Inneren schwingt ein Verkäufer schnell die Füße vom Ladentisch, bevor er routiniert ein paar Sätze zu seinen Designertaschen aus Kohlenstofffasern und Titanium abspult. Im Café nebenan ist kein einziger Tisch besetzt.
Über „den Vorfall“, wie sie den Absturz der Drohnenteile auf das Gebäude hier nennen, will keiner so wirklich reden. „Überhaupt kein Problem“ sei das gewesen, wiegelt einer der Rezeptionisten ab, das Hotel habe ja schließlich wieder geöffnet. Dass neben der „Skyline-Bar“ auch zahlreiche weitere Restaurants, ein Pool und der Außenbereich auf der Seite des Einschlags geschlossen sind, habe mit der aktuellen Lage nichts zu tun. „Renovierungsarbeiten“, beteuert der Mann, dann ist das Gespräch beendet. Einer Kellnerin sind selbst das zu viele Worte. „Aus Sicherheitsgründen“ sei es verboten, über den Vorfall zu sprechen, sagt sie. Dann bittet sie darum, sich wieder der Speisekarte zuzuwenden.

Ein paar Stockwerke höher findet sich doch noch ein Mitarbeiter, der ein paar Sätze über den Angriff Anfang März verliert. „Beängstigend“ sei der plötzliche Einschlag der Trümmerteile gewesen, einige Gäste hätten sich nach dem lauten Krachen kaum beruhigen lassen. Das Feuer an der Fassade sei zwar schnell gelöscht worden, doch außer ein paar gut betuchten Dauermietern sei nach der Evakuierung fast keiner in das Hotel zurückgekehrt. „Mal sehen, ob sie die Belegschaft bald in den Urlaub schicken“, sagt der Mitarbeiter und blickt auf die leeren Flure. Die anstehenden Buchungen seien jedenfalls fast alle storniert.
Wer fotografiert, droht verhaftet zu werden
Um solchen Befürchtungen entgegenzuhalten, setzt die Regierung in Abu Dhabi viel daran, ihre eigene Darstellung der Dinge zu verbreiten. Das Außenministerium veröffentlicht Mitte März eine Mitteilung, in der es heißt, der Tourismus laufe weiter wie gewohnt. 1260 Hotels seien in Betrieb, darüber hinaus seien mehr als 40.000 Unternehmen im Tourismussektor tätig. Der Flugverkehr habe im März „hohe Auslastungen“ mit Millionen von Passagieren verzeichnet, heißt es darin weiter. Dass es sich dabei in großen Teilen um gestrandete Reisende handelte, die schnellstmöglich zurück nach Hause kehren wollten, wird nicht erwähnt.
Neben solchen eher harmlosen Vorgehensweisen greifen die emiratischen Herrscher aber längst auch auf drastischere Mittel zurück, um das Gefühl von Normalität aufrechtzuerhalten. Das Fotografieren oder Filmen von Drohnen und Raketen ist streng verboten, Gleiches gilt für Orte von Einschlägen. Wer dagegen verstößt, muss mit Ausweisung, teuren Geldstrafen und bis zu zwei Jahren Gefängnis rechnen.
Wie ernst solche Drohungen gemeint sind, zeigt die Verhaftung von mehr als 100 Menschen seit Anfang März, denen Aufstachelung, die Verbreitung von Desinformation und Propaganda zur Last gelegt werden. Unter den Festgenommenen findet sich auch ein 60 Jahre alter Tourist aus Großbritannien, der einen Raketenangriff in Dubai gefilmt hatte. Berichten zufolge soll er die Aufnahmen nach Aufforderungen der Behörden sofort gelöscht haben. Doch da war es offenbar schon zu spät.
Drei Fahrgäste in fünf Tagen
Kritik an der Regierung, den Behörden und ihrer Arbeit sind in den Emiraten generell verboten. Auch hier drohen empfindliche Geld- und Haftstrafen. Entsprechend schwierig gestalten sich nahezu alle Gespräche, die auch nur im Entferntesten mit politischen Themen zu tun haben könnten. Über Sorgen reden in der Öffentlichkeit nur die allerwenigsten. Diejenigen, die es doch wagen, lassen sich teils mehrfach versichern, dass ihr Name bloß nirgendwo auftaucht.

Ein pakistanischer Taxifahrer etwa erzählt, er habe seit Tagen nicht geschlafen, weil ihm die Raketenangriffe solche Angst bereiteten. Seitdem ein Kollege von ihm, ebenfalls ein Pakistaner, durch herabstürzende Raketenteile getötet wurde, sei sein Vertrauen in die Luftabwehr dahin. „Es kann einen jederzeit treffen“, sagt der Mann, „und wer weiß, was da noch kommt.“ Zurück in sein Heimatland könne er aber schon allein deshalb nicht, weil sein Arbeitsvertrag erst in einem Jahr auslaufe. Seinen Pass bekomme er bis dahin nicht von den Behörden zurück.
Beunruhigt ist der Mann, der seit elf Jahren in den Emiraten lebt, aber auch wegen der finanziellen Lage. Drei Fahrgäste in fünf Tagen habe er zuletzt gehabt. Die Miete des kleinen Apartments, das er sich mit neun weiteren Pakistanern teile, könne er so kaum bezahlen. Hinzu komme die Sorge um seine Familie in der Heimat, der er schon in der vergangenen Woche kein Geld mehr habe schicken können. Vielen seiner Kollegen, die wie Millionen andere ausländische Arbeitskräfte auf den Tourismus angewiesen sind, gehe es ähnlich.
„Das werden schwierige Zeiten für Leute wie uns“, fürchtet der Taxifahrer. Auf die Frage, ob auch er sich von der Führung des Landes beschützt fühlt, entfährt ihm ein bitteres Lachen. „Das sind Sachen für Internetvideos“, sagt er, in Anspielung auf die zahlreichen Beiträge von Influencern, die den emiratischen Staatschef derzeit als schützenden Vater der Nation feiern. „Für uns gelten andere Gesetze.“
