Jörg Baberowski, renommierter und umstrittener Osteuropa-Historiker an der Berliner Humboldt-Universität, arbeitet gerade an einer großen Geschichte der russischen Revolution, findet aber trotzdem noch Zeit für ein Buch über die aktuelle Defensive der Demokratie unter rechtspopulistischer Belagerung. Das klingt wenig originell, denn es gibt Hunderte Bücher zum Thema. Aber die Lektüre lohnt schon deswegen, weil es auf den obligaten Kitsch verzichtet, der angesichts der Lage nur moralische Appelle aufzubieten hat.
Baberowski wedelt nicht mit dem Zeigefinger, er ringt auch nicht die Hände. Sondern er geht als Historiker die traditionellen Definitionen der Volksherrschaft durch und erinnert daran, dass demokratische Verhältnisse noch im 20. Jahrhundert eher argwöhnisch hingenommen wurden und weniger als Errungenschaft galten, weil Demokratie immer als eine mit Pöbelwillkür und Chaos assoziierte Form des Regierens angesehen wurde. Vor allem seziert er die theoretischen und praktischen Antagonismen eines politischen Konzepts, das dem Volk Souveränität in Aussicht stellte und ihm doch Macht und Beherrschung auferlegte, das ihm Befreiung versprach und diese Freiheit wieder mithilfe einer Mechanik der Repräsentation einkassierte – und damit eine Elite ins Leben rief, die mal mehr, mal weniger legitimiert ist zu herrschen. Diese Elite sieht sich heute mit schroffer Ablehnung konfrontiert, was wiederum Rechtspopulisten zu nutzen wissen.
