
Ulrich Kaßburg weiß aus seinem Arbeitsalltag: „ETF“, also kostengünstige börsengehandelte Indexfonds auf Aktien und Anleihen, „sind in fast aller Munde.“ Dennoch sind die Menschen in Deutschland beim Sparen weiter mehr auf Sicherheit als auf Rendite bedacht. Nach wie vor liegt mehr Geld auf Giro- und Tagesgeldkonten als in Anteilen an börsennotierten Unternehmen, Aktienfonds und Indexfonds. Das ist im Geschäftsgebiet der von Kaßburg geführten Sparkasse Oberhessen nicht anders als bei anderen Kreditinstituten im ländlichen Raum. Besonders Sparer in Kleinstädten und Dörfern gelten als vornehmlich auf Sicherheit bedacht. Das Anlegerverhalten ändert sich aber auch in der Wetterau und im Vogelsberg, wo die in Friedberg ansässige Sparkasse ihre Kunden hat.
Im vergangenen Jahr eröffneten Kunden 2355 Wertpapierdepots, aber nur 1891 neue Tagesgeldkonten. Der Vorstandsvorsitzende sieht eine „langsam wachsende Wertpapierkultur“ in seinem Geschäftsgebiet. Die Notwendigkeit des längerfristigen Vermögensaufbaus dringe immer mehr Kunden ins Bewusstsein. Was das im Einzelnen heißt, hat die Sparkasse für die F.A.Z. ausgewertet.
Noch überwiegt das Sicherheitsdenken klar die Risikofreude unter den Kunden der Sparkasse Oberhessen. Das zeigt die Verteilung der Kundengelder auf die Anlageklassen. Auf fünf Milliarden Euro bezifferte das Kreditinstitut zuletzt die Summe von sicheren Anlagen wie Tagesgeldkonten und Sparbriefen, die Girokonten nicht zu vergessen. Zum Vergleich: Laut Bundesbank-Zahlen verfügte jeder Haushalt in Deutschland zuletzt durchschnittlich über ein Wertpapiervermögen von 41.000 Euro, wies aber 84.000 Euro an nicht oder schwach verzinsten Bankeinlagen auf. Doch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Roman Kubla gibt zu bedenken, Sparprodukte ohne Kursrisiko könnten die Wertverluste durch Inflation nur abmildern. Das spricht sich herum: „Das sehen auch viele unserer Kundinnen und Kunden so und schichten vermehrt in Wertpapieranlagen um, die auf lange Sicht bessere Renditechancen bieten.“
Sparkasse Oberhessen: Ein Sechstel der Kunden besitzt Aktien
Der Zuwachs an Depots und der kräftige Kursaufschwung an den Aktienmärkten ließen den Wert des in Aktien, Fonds und Anleihen angelegten Kundengelds auf zwei Milliarden Euro steigen. Das Investieren in Wertpapiere habe in der Wetterau und im Vogelsberg mittlerweile „eine Breite bekommen, die wir als Sparkasse gut finden“, sagt Kaßburg. Dies folge einem über die Jahre gewachsenen Verständnis für Aktien, gemanagte Investmentfonds, ETF und auch Anleihen. Sparer wollen demnach vermehrt an den Finanzmärkten teilhaben und die Inflation schlagen.
Anteilig setzen Kunden der Sparkasse Oberhessen auf Aktienfonds, wie die Auswertung ergibt. Auf 21,75 Prozent beziffert das Kreditinstitut den Anteil an allen Wertpapierklassen (siehe Grafik). Auf Platz zwei folgen mit 15,9 Prozent Fonds mit Staats- und Unternehmensanleihen, hinzu kommen Schuldverschreibungen. Nur wenige Zehntel Prozentpunkte dahinter listet die Sparkasse schon Direktinvestitionen von Kunden in Aktien auf. Jeder sechste Sparer in der Wetterau und im Vogelsberg besitzt demnach Anteile an Unternehmen. Auf 13,8 Prozent kommen Zertifikate, mit denen Anleger auf einen Index oder einen Einzeltitel setzen.
Mischfonds mit Aktien und festverzinsten Papieren und Dachfonds, die in verschiedene Wertpapierfonds investieren, machen gut ein Zehntel aus. Gleiches gilt für Riesterprodukte und Angebote, in die vermögenswirksame Leistungen fließen. Als eher sicher geltende Immobilienfonds folgen mit gut acht Prozent. Fast keine Rolle spielen Geldmarktfonds, die in bald fällig werdende Staatsanleihen investieren und kaum Rendite abwerfen, aber auch im Kurs in der Regel nur wenig schwanken.
„Die Geldanlage muss einen realen Wertzuwachs bringen“
Alles in allem liegen in den Depots mithin Wertpapiere, die an den Aktienmärkten hängen, also als riskant gelten. Dem Risiko steht aber eine durchschnittlich höhere Rendite gegenüber. Der Deutsche Aktienindex Dax verbesserte sich 2025 um 23 Prozent und schnitt um neun Punkte besser ab als der amerikanische Index S&P 500; der Kleinwerteindex S-Dax stieg sogar um gut ein Viertel. Mit Anleihen in Euro waren dagegen Renditen um drei bis vier Prozent zu erzielen. Dass es aber auch andersherum gehen kann, sehen Anleger seit Beginn des Irankriegs. Die Kursrückgänge haben den Dax auf das Niveau des vergangenen Frühjahrs zurückgeworfen. Erfahrene Anleger wie der Chef des amerikanischen Vermögensverwalters Blackrock raten Sparern aber, Ruhe zu bewahren und nicht in Panik zu verkaufen.
„Realer Wertzuwachs, das muss die Geldanlage bringen“, meint Kaßburg. Mit einem Girokonto oder Sparbuch ist das nicht zu schaffen, wie die Erfahrung lehrt. Gleichwohl nimmt die Sparkasse Oberhessen nach seinen Worten für sich in Anspruch, Kunden keineswegs in riskantere Anlagen hineinzutreiben. Sein Haus biete eine breite Palette von Produkten einschließlich ETF an und berate Kunden individuell. Wie groß soll der Sicherheitspuffer sein? Wie viel Geld kann der Sparer überhaupt anlegen? Solche Fragen seien dabei ganz wesentlich. Gleiches gelte für die persönliche Risikoneigung. Die meisten Kunden freuten sich dessen ungeachtet grundsätzlich, auf das Thema Wertpapiere angesprochen zu werden.
