Mr. Skarsgård, in Ihrem neuen Film „Pillion“, der jetzt im Kino läuft, spielen Sie, fernab jeder Prüderie, einen schwulen Motorradfahrer in Lederkluft, der auf Dominanz und BDSM-Beziehungen steht. Sie sind als Schauspieler ziemlich angstfrei, oder?
Ich höre das immer wieder, aber mir selbst käme das Wort nicht unbedingt in den Sinn. Denn es impliziert ja, dass die Rolle in „Pillion“ eigentlich Anlass zur Angst geboten hätte, was ich aber kein bisschen so empfunden habe. Zwar hat der Regisseur Harry Lighton noch nie vorher einen Langfilm gedreht, und mit seinen Themen und den recht expliziten Sexszenen ist „Pillion“ sicherlich bis zu einem gewissen Grad ein ungewöhnlicher Film. Aber es braucht als Schauspieler keinen Mut, sich auf so etwas einzulassen, wenn ein Drehbuch so hervorragend ist wie in diesem Fall. Als ich diese Beziehungsgeschichte mit diesen beiden großartigen, komplexen Figuren im Zentrum las, war ich auf Anhieb so begeistert, dass ich nicht den geringsten Zweifel an diesem Projekt hatte.
Gab es in Ihrem Leben denn schon mal eine Rolle, die Ihnen wirklich Angst gemacht hat?
Ein echtes Gefühl von Angst würde mich lähmen; das wäre in kreativer Hinsicht tödlich. Deswegen ist es auch so wichtig, dass Regisseurinnen und Regisseure beim Dreh eine Atmosphäre kreieren, in der sich alle Beteiligten sicher fühlen, Offenheit und Vertrauen herrscht und man miteinander lachen kann. Ich habe nie verstanden, warum manche Regisseure glauben, es sei nötig, herumzubrüllen und sich wie Berserker zu benehmen. Allzu oft habe ich das nicht erlebt, aber wenn, dann führte das meistens dazu, dass alle am Set eigentlich dichtmachen und auf Nummer sicher gehen, statt künstlerisch mal etwas zu riskieren. Was mich zu meiner eigentlichen Antwort bringt. Denn ich suche in der Arbeit zwar vielleicht nicht die Angst, aber natürlich doch eine gewisse Herausforderung. Das Gefühl, sich auf Neuland vorzuwagen, also zumindest einen kleinen Moment der Einschüchterung – das hat schon etwas Beflügelndes. „The Northman“ war für mich so ein Film, weil ich da wirklich nur eine Ahnung hatte, was mich körperlich und mental erwartet.
Insgesamt scheinen Sie – auch in Interviews oder bei der Wahl Ihrer Outfits für den roten Teppich – jemand zu sein, der sich wenig um die Erwartungen anderer schert. Haben Sie sich das bei Ihrem Vater Stellan Skarsgård abgeguckt?
Zumindest habe ich von ihm gelernt, dass es nichts Wichtigeres gibt, als mit Freude bei der Sache zu sein. Nach meinen ersten Erfahrungen vor der Kamera als Kind habe ich ja erst einmal lange Jahre mit aller Macht versucht, Alternativen zur Schauspielerei zu finden. Aber was mich dann irgendwann doch diesen Weg hat einschlagen lassen, war die Tatsache, dass ich realisierte, wie viel Spaß mein Vater bei der Arbeit hat. Wobei der in diesem Beruf keine Selbstverständlichkeit ist.
Inzwischen habe ich mit vielen Schauspielerinnen und Schauspielern gearbeitet, die beim Drehen nicht unbedingt Spaß haben. Oft machen sie einen exzellenten Job, aber sie genießen das Ganze nicht. Mir ist das aber enorm wichtig, das habe ich von meinem Vater geerbt. Seit ich den Luxus habe, ein bisschen auswählen zu können, versuche ich deswegen nur noch, Rollen anzunehmen, bei denen ich das Gefühl habe, sie und das gesamte Projekt drum herum haben das Potential, dass ich jeden Tag blendend gelaunt, aufgekratzt und voller Vorfreude zur Arbeit kommen kann.
„Pillion“-Regisseur Lighton hat zur Vorbereitung auch Zeit mit Mitgliedern des Gay Biker Motorcycle Club (GBMCC) verbracht. Sie auch?
Ich hatte leider kaum Zeit zur Vorbereitung, weil ich in Toronto die Serie „Murderbot“ drehte und dann erst zum „Pillion“-Team stieß, als die anderen schon mit der Arbeit begonnen hatten. Umso wichtiger war Harrys Vorarbeit natürlich auch für mich. Aber einige der Jungs vom GBMCC waren dann auch als Nebendarsteller und Statisten beim Dreh. Sie halfen mir und meinem Kollegen Harry Melling sehr, unsere Figuren so authentisch wie möglich zum Leben zu erwecken.

Apropos Authentizität: Ging für Sie ein besonderer Druck damit einher, als heterosexueller Schauspieler eine derart spezifische queere Subkultur auf der Leinwand zu repräsentieren?
Natürlich wollte ich diese Rolle wahrhaftig spielen, frei von Klischees und so, dass niemand aus der BDSM-Community vor den Kopf gestoßen wird. Sub-Dom-Beziehungen sieht man im Kino ja nicht gerade häufig, und wenn, dann kaum so verspielt, humorvoll und romantisch wie in „Pillion“. Diese Repräsentation ist also wirklich wichtig. Allerdings gibt es eben auch innerhalb dieser Community eine große Vielfalt; allein durch die Begegnung mit den GBMCC-Kerlen habe ich gemerkt, wie unterschiedlich all die schwulen Biker selbstverständlich sind. Also habe ich mir nicht den Druck gemacht, eine allgemeingültige Darstellung der BDSM-Welt abzuliefern. Wir zeigen lediglich eine mögliche, ganz individuelle Beziehung.
Wie wichtig ist für eine solche Geschichte eigentlich, dass man sich mit seinem Filmpartner gut versteht?
Hätten Harry und ich keine Chemie miteinander gehabt, hätte „Pillion“ sicherlich nicht funktioniert. Gerade weil die beiden gar nicht so viel miteinander sprechen, muss man die Verbindung und die Anziehungen, die zwischen ihnen besteht, umso deutlicher spüren. Sonst geht das Publikum da nicht mit. Aber Harry und ich kannten uns nicht und lernten uns erst zwei Tage vor der ersten gemeinsamen Szene kennen. Das mit der Chemie ist also auch ein bisschen Glückssache gewesen. Selbst wenn ich von Beginn an recht optimistisch war, weil ich ihn schon in ein paar Filmen gesehen hatte und wusste, was er kann. Und sowohl mein Bruder Bill als auch meine gute Freundin Anya Taylor-Joy hatten schon mit Harry gedreht und von ihm als Menschen geschwärmt. Trotzdem fiel mir am Ende ein Stein vom Herzen, dass wir uns sofort mochten. Denn ein so guter Schauspieler bin ich nicht, dass ich aus dem Nichts heraus Chemie entstehen lassen kann.
Zwischen der Weltpremiere in Cannes und der Premiere in Berlin liegen zehn Monate und zahlreiche Galascreenings des Films. Gibt es eine Vorführung, an die Sie sich besonders gerne erinnern?
Normalerweise gucke ich meine eigenen Filme höchstens einmal, meistens bei der Weltpremiere. Bei „Pillion“ blieb ich aber ständig bei Screenings im Saal, einfach weil die Reaktionen auf diese Geschichte immer sehr besonders waren. An Cannes denke ich natürlich gerne zurück, weil ich da zum ersten Mal begriff, wie gut dieser ungewöhnliche Film tatsächlich ankommt. Und weil viele der Biker aus Großbritannien mit ihren Motorrädern angereist waren. So wie es einige von ihnen jetzt auch für das Ende unserer Reise in Berlin gemacht haben. Aber auch die Vorführung beim Festival von Telluride war sehr speziell, denn da saß mein Vater neben mir und ich sah mich bestätigt, dass „Pillion“ genau sein Ding ist. Die Premiere zu Hause in Stockholm war aber auch toll, denn da war die gesamte erste Reihe voll mit Mitgliedern von Scandinavian Leather Men, einem der ältesten Lederklubs der Welt.
Letzte Frage noch zum Stichwort Motorräder: Fahren Sie eigentlich selbst?
Zumindest habe ich einen Motorradführerschein. Aber ich besitze schon länger kein eigenes Bike mehr!
