
Die Lichter gehen aus, die Menge jubelt. Dann Stille. So still 15.000 Fans eben sein können. Auf der Leinwand beginnt ein privat wirkendes Video. Der kleine Alex Warren ist im Wohnzimmer zu sehen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Noch etwas schüchtern singt er das Kinderlied „Old MacDonald had a Farm“. Sein Vater, der das Video aufnimmt, ermuntert ihn, applaudiert begeistert. Nur wenige Jahre später ist Warren Halbwaise.
Mit roter Bomberjacke und seiner blau marmorierten Gitarre betritt der heute 25 Jahre alte Sänger die Bühne. Seine Welttournee „Finding Family on the Road“ hat ihn am vergangenen Freitag in die Frankfurter Festhalle geführt. Warrens musikalische Heimat ist der Folk-Pop. Die Melodien sind eingängig, die Fans in Frankfurt haben sichtlich Spaß. Bei Songs wie „Carry you home“ oder „Before you leave me“ stimmen sie lautstark mit ein.
Bekannt geworden ist Warren als Videoblogger auf Youtube und als Teil des Tiktok-Kollektivs „Hype House“. Ein echtes Social-Media-Sternchen, könnte man meinen. Doch der amerikanische Sänger hatte es nicht immer leicht im Leben. Sein Vater starb an Krebs, als er neun Jahre alt war. Lange habe er mit der Trauer gekämpft, erzählt er beim Konzert. „Jeder sagt einem, es wird besser, aber es wird nicht besser. Wie erklärt man einem Neunjährigen, dass ein Teil von ihm für immer gegangen ist?“
Warrens Ehefrau bemalt seine Gitarren
Seine Mutter habe sich im Laufe der Jahre am Alkohol „zu Tode getrunken“, erzählt er weiter. „Ich sah, wie sie ihren letzten Atemzug gemacht hat.“ Doch als er aus dem Krankenhaus gegangen sei, habe sich nichts verändert. „Ein Mädchen ging aus einem Sandwich-Shop, ein Helikopter flog vorbei. Mein Leben hat plötzlich aufgehört und die Welt der anderen hat sich einfach weitergedreht.“ Diese Verluste verarbeitet Warren in seiner Musik.
Als er den seinen Eltern gewidmeten Song „Eternity“ performt, überraschen ihn die Fans mit einer gemeinsamen Aktion und halten Plakate in die Höhe. „You found your Family, it’s us“, steht darauf. Warren bedankt sich, wie so oft an diesem Abend. Immer wieder geht er durch die Gänge an der Menge vorbei, klatscht Hände ab. Während seines Songs „Fever Dream“ darf Super-Fan Natalie den Knopf der Konfetti-Kanone drücken. Auf 14 Konzerten sei sie bereits gewesen, für zehn weitere hat sie Tickets. Da ist selbst Warren sprachlos.
Normalerweise löst seine Ehefrau Kouvr Annon den Konfettiregen aus. Sie habe in seinen schlimmsten Zeiten immer an seiner Seite gestanden, erzählt Warren dem Publikum. Auch dann, als er eine Zeit lang in seinem Auto leben musste. Annon sei es auch, die seine Gitarren bemalt. Ein Video, das die beiden für ihre zukünftigen Kinder aufgenommen haben, zeigt, wie sie der blau marmorierten Gitarre ihren Look verleiht.
Den Abend beendet Warren mit „Ordinary“. Wie viele andere seiner Lieder hat er auch seinen bekanntesten Song seiner Frau gewidmet. In Deutschland, den USA und anderen Ländern erreichte „Ordinary“ Platz eins der Charts. Natürlich kommt abermals die Konfetti-Kanone zum Einsatz. Unaufhörlich pustet sie die kleinen weißen Schnipsel in die Menge. Als Warren die Bühne verlässt, wird noch einmal ein Video aus dem Familienfundus gezeigt. „Gratuliere zu deinem großartigen Konzert“, sagt sein Vater darin. Der kleine Alex verbeugt sich.
