Wie feiert Marokko eigentlich den Gewinn des Afrika-Cups nach 90 Minuten und 58 Tagen Nachspielzeit? Senegals Fußball-Verband wird nach Lausanne ziehen, zum Internationalen Sportschiedsgericht CAS. Die Pressemitteilung vom späten Dienstagabend, die von der Afrikanischen Fußball-Konföderation (CAF) verschickt wurde, wird nicht das letzte Wort sein. Aber nehmen wir an, in Lausanne wird die Rechtssprechung à la CAF gestützt: Dann würde einer Fiktion zum Sieg verholfen.
Der Fiktion, das Finale von Rabat habe in dem Moment geendet, in dem der Großteil der senegalesischen Spieler dem Wink ihres Trainers Folge geleistet hatten und in der Kabine verschwunden waren, würde Rechtskraft verliehen. Denkt irgendjemand, alles was dann geschah – die Rückkehr aufs Feld nach 17 Minuten, mit der Senegals Spieler ihrem auf dem Platz gebliebenen Kapitän Sadio Mané folgten, der Elfmeter-Fehlschuss von Brahim Diaz, das Siegtor von Pape Gueye in der Verlängerung, Senegals Sieg auf dem Platz – ließe sich vergessen? Glaubt irgendjemand, Marokko sei der legitime Sieger der Afrikameisterschaft?
Manés Haltung und Diaz’ Elfmeter
Jedes Kind lernt, dass im Sport den Entscheidungen des Schiedsrichters Folge zu leisten ist. Deshalb war es falsch, dass sich der Großteil der späteren Sieger angesichts dessen, was sie rund um dieses und in diesem Finale als Benachteiligung empfanden, in die Kabine zurückzogen. Es war ein herausragender Akt im Sinne des Sportgeists, dass Senegals Kapitän Sadio Mané es besser machte und sein Team zur Rückkehr bewegte.
Als Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala Ngambo wieder anpfiff, Brahim Diaz zum Elfmeterschuss anlief, war klar, dass dieses Spiel seinen Sieger auf dem Platz finden sollte. Die nun von den Juristen des CAF konstruierte Fiktion, Senegal habe in der Kabine abgeschenkt, haben auch Marokkos Spieler durch den simplen Akt des Weiterspielens unmöglich gemacht.
Viele halten Motsepe für Infantinos Mann
Schon der Einspruch der Marokkaner ist getragen vom Affekt schlechter Verlierer und von beschämender Unsportlichkeit. Dass die zweite Verbandsinstanz den Titel im wichtigsten Sportwettbewerb Afrikas neu vergibt, erscheint beispiellos. Die Entscheidungsgründe wurden bislang nicht veröffentlicht. Angesichts der Tragweite spricht das für sich.
Zudem verleiht der Blick auf die sonstigen Sanktionen, die für marokkanische Beteiligte zumeist abgemildert, für senegalesische Delinquenten aber beibehalten wurden, jenen Stimmen Volumen, die Marokko ungesunden Einfluss auf die CAF zusprechen. Nirgends in Afrika werden mehr internationale Wettbewerbe ausgetragen. Das Königreich ist, mit fünf weiteren Staaten, Gastgeber der WM 2030. In keinem Kontinentalverband ist der Einfluss des Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbands, Gianni Infantino, so groß wie bei der CAF. Viele halten Patrice Motsepe, den CAF-Präsidenten, für Infantinos Mann.
Claude Le Roy, der französische Trainer, der sieben afrikanische Nationalmannschaften trainiert hat, darunter von 1988 bis 1992 Senegals, nannte Motsepe „einen Vasallen Infantinos“. Die Entscheidung, Marokko zum Sieger zu erklären, sei eine „Dummheit ohne Gleichen“. Le Roy hat Recht, wenn er sagt, in der Entscheidung komme „Verachtung“ für alle Fußballspieler Afrikas zum Ausdruck. Zuallererst für alle, die am 18. Januar in Rabat ein Finale zu Ende gespielt haben, das Senegal gewonnen hat.
