Kaum haben wir den kleinen Provinzflughafen im mittleren Westen verlassen, endet der Asphalt unter den Rädern. Wir sind nicht im Mittleren Westen der USA gelandet, sondern in der Mongolei. Die russischen UAZ-452, unkaputtbare Kleinbusse mit Allradantrieb, pflügen durch die Landschaft, folgen Pisten, die andere vor ihnen in die Weite der Steppe gefräst haben. Oft laufen mehrere von ihnen parallel, um plötzlich abzubiegen oder miteinander zu verschmelzen. Es gibt keine Wegweiser, auch keine Navis.
„Woher wisst ihr, wo wir langfahren müssen?“, fragt später einer der Reisenden im Camp, das am Ufer des Zavkhans, eines der längsten Flüsse in der Mongolei, aufgebaut wurde. Der Boden ist mit kurzem, ruppigem Gras bewachsen, darauf grasen Ziegen, Rinder und Pferde. Auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich das Dünenfeld Mongol Els, das wir am nächsten Tag erwandern werden.
Altantuya Khalzan, die alle nur Tuka nennen, nickt hinüber zur Düne: „Wir orientieren uns an den Bergen, die Richtung muss stimmen.“ Die zierliche Frau bringt die Gruppe vom Provinzflughafen Uliastai in die Hauptstadt Ulaanbataar. 1000 Kilometer geht es quer durch das Land: durch Bergkulissen, in denen man Karl-May-Filme drehen könnte, zu einem etwas surrealen Fluss, der aus dem Fuß einer Düne sickert, über Lärchenwälder und Vulkankegel. Große Strecken verlaufen über staubige Pisten.
Woher wissen Nomaden, wann man sie besuchen kommt?
„Und woher wisst ihr, wie lange man braucht?“ Tuka winkt ab. „Das wissen wir nicht. Es bringt Unglück, so etwas zu fragen.“ Aber der mongolische Aberglaube wird niemanden abhalten, in den folgenden Tagen immer wieder Zeitauskünfte haben zu wollen. „Woher wissen Nomaden, wann man sie besuchen kommt?“ Tuka zuckt mit den Schultern. Sie wissen es nicht, und es ist auch nicht wichtig. Zeit ist eines der Dinge, die es in der Mongolei im Überfluss gibt. Neben Sonne, Sand und Wind.

Wie zum Beweis des Nichtwissens galoppiert am nächsten Abend ein Mensch auf einem Pferd auf uns zu, in einem lila Mantel, der mit Ornamenten verziert ist, dicken schwarzen Stiefeln und einer Kopfbedeckung, die irgendwas zwischen Cowboyhut und Hipster-Accessoire ist. Er hat einen sehr langen Stock in der Hand, eine Art überlange Angel mit einer Schlaufe am Ende. An seinem Pferd ist mit einem Strick ein zweites angebunden. Die mongolischen Männer unseres Camps begrüßen ihn: „Wie war der Weg? Sind Sie gut durch den Frühling gekommen? Wohin führt Sie Ihr weiterer Weg?“
Das sind die drei Fragen einer mongolischen Begrüßung. Der Mann erzählt, er sei zwei Tage unterwegs gewesen, um das Pferd einzufangen. Wir bieten ihm deutschen Schnaps an, er nimmt das Glas, taucht seinen Finger hinein, schnipst damit dreimal in die Luft. „Für die Geister.“ Dann zieht er weiter, den Fluss hinauf.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
3,5 Millionen Menschen leben in der Mongolei, auf einer Fläche, die viermal so groß ist wie Deutschland. 70 Prozent der Einwohner leben in städtischen Regionen, die übrigen verteilen sich in der weiten Landschaft. Wenige Länder sind spärlicher besiedelt. Woher wusste der Alte, wohin sein Pferd abgehauen war? Batmunkh Renchinnyam, einer unserer Fahrer, lebt abseits der Touristensaison selbst als Nomade. „Pferde sind keine Einzelgänger, sie rennen nicht einfach weg“, erklärt er. „Vermutlich hat er es gekauft, und es hat versucht, zu seiner alten Herde zu kommen.“ Klingt logisch, wirft aber die nächste Frage auf: Woher weiß er, wo die Herde ist? „Er fragt.“ Entlang des Ufers sieht man alle paar Hundert Meter eine Jurte stehen, ein weißer Fleck in der leuchtend grünen Aue.

Das alles klingt wie aus der Zeit gefallen, weit, weit weg von Trends und FOMO, der Angst, etwas zu verpassen. Aber der Eindruck trügt. In den Wagen hängt in der Mitte des Armaturenbretts ein tabletgroßer Bildschirm, auf dem Musikvideos laufen, mongolischer Hip-Hop. Dazu bewegen sich Tänzerinnen in viellagigen, bestickten Röcken und Mützen, auf denen kleine Türmchen thronen. Im Hintergrund sind die weite Landschaft und der immer blaue Himmel zu sehen.
Vor den Jurten steht die Dreifaltigkeit von Satellitenschüssel, Solarpanel und Motorrad. Unsere Fahrer und die Küchencrew haben einen Starlink-Empfänger, einen weißen, quadratischen Kasten, der auf seinem eigenen Campingstuhl residiert. Er ist über ein Kabel an den Zigarettenanzünder eines der Busse angeschlossen. Manchmal muss der Wagen deshalb morgens angeschoben werden.
Das digitale Leben wird gerne als Beschleunigung wahrgenommen, das traditionelle Leben als Entschleunigung. In der Mongolei lernt man, dass es keine Gegensätze sind, die einander ausschließen. Und da, wo das Internet nicht hilft, hilft der Glaube. An manchen Orten wie der Klosteranlage Erdene Zuu kommt sogar alles zusammen, wenn man bei einem Mönch Gebete bestellen und sie direkt am klostereigenen Onlinekiosk bezahlen kann.
Computerspieler mit Diplomatenstatus
Die digitale Affinität der Mongolen zeigt sich auch im E-Sport, der nettere Ausdruck für professionelles Computerspielen. Das nationale Team der Mongolen, die MongolZ, ist amtierender Weltmeister in „Counter Strike 2“. Die Regierung bezahlt die Spieler dafür, stellt ihnen ein Trainingszentrum in der Hauptstadt, und sie reisen mit Diplomatenpässen.
Vielleicht bleibt einem manchmal auch nichts anderes übrig, als online zu gehen, wenn man mit anderen spielen möchte, in einem Land mit einer Bevölkerungsdichte von zwei Menschen pro Quadratkilometer.

Wie menschenleer das ist, erleben wir vor allem im Westen des Landes, der touristisch noch wenig erschlossen ist. Statt in Jurtencamps übernachten wir in niedrigen Zelten, die dem immerwährenden Wind wenig Angriffsfläche bieten.
Wir stellen sie am Fuße des Bergmassivs Ikh Khairkhan auf und wandern dann hinauf. Auf der Hochebene riecht es herb und frisch, nach Bergthymian und Beifuß. Man hört nur das leise Klicken der verschiedenen Heuschrecken, die bei jedem Schritt aufsteigen. Einige springen so hoch, dass es wirkt, als könnten sie fliegen. Wir laufen hinab durch einen Canyon, der Wind flaut ab, die Sonne brennt.
Milane kreisen über uns. Eine Landschaft wie das Klischee des Wilden Westens. Und dann stehen wir wieder in der unendlichen Weite der Steppe, in der gelb unsere Zelte leuchten.
Ein Brunnen in einer einsamen Hütte
Und trotzdem trifft man als Reisender immer wieder auf Menschen. Hinter einer scheinbar herrenlosen Ziegenherde steht eine winzige Hütte in der beige-braunen Farbe trockener Erde, nur wenig breiter als das Loch, das sie vor der Sonne und dem Staub schützen soll: ein Brunnen. „Wie findet man so etwas?“, fragte einer der Deutschen.

Der Brunnen ist online nicht zu finden. „Man weiß es eben“, sagt Tuka. „Wäre es nicht einfacher, Schilder aufzustellen?“ Sie lacht. „Es gibt doch so viele Wege und jedes Jahr neue“, sagt sie. Wir stellen uns natürlich vor, dass die Schilder eine ordnende Instanz sind und die Autorität haben, den Wildwuchs der Wege einzudämmen, aber auf diese Idee würde hier niemand kommen.
Kaum sind wir angekommen, rauscht ein Motorrad heran mit einem Mann von der Statur eines Sumoringers und einem Mädchen vor sich auf der Maschine. Die Männer inspizieren den Motor des Brunnens, der vor dem Häuschen liegt. Zur Not könnte man die Wassereimer auch per Hand hochziehen, aber wer will das schon? Sie lassen einen Schlauch in die Tanköffnung eines der Kleinbusse, saugen Benzin an und lassen es in den Motor laufen. Währenddessen tauschen sie sich aus, reden darüber, woher wir kommen, was wir tun, wohin wir ziehen.
Unser Weg geht Richtung Osten, zurück zu Handyempfang und Asphaltstraßen. Doch bevor wir dort ankommen, streiten wir uns. Unweit des Flusses Mukhart, der am Fuße der Bor-Khyar-Dünen entspringt, aus ihnen heraussickert, sich ein Bett in den schluffigen feinen Sand gräbt, haben wir unsere Zelte aufgeschlagen. Am kommenden Tag steht unsere längste Wanderung an: 18 Kilometer anfangs durch Dünen, dann über Geröllpfade auf ein Plateau, auf dem Basaltsäulen am Blau des Himmels kratzen. Auf der anderen Seite sollen wir absteigen, über Almwiesen zum See Khar Nuur.
Wir diskutieren, wann wir zum Anfangspunkt losfahren sollen, wie lange wir dorthin brauchen, niemand hat Handyempfang, man kann keine App fragen, die Mongolen auch nicht, wegen des Unglücks. Die Mittagshitze soll gemieden werden, wir reden, reden, reden und einigen uns schließlich. Aber dann stehen wir am nächsten Tag mit den beiden UAZ-452 vor dem Dünenmeer, und nichts geht. Im vergangenen Jahr war an dieser Stelle noch eine Piste, der Sand hat sie geschluckt. Wer weiß, vielleicht hat es sogar Schilder gegeben? Schaffen es die Wagen durch ihn durch? Da ist es also, das Unglück. Die Fahrer steigen aus, inspizieren die Konsistenz, laufen Teile der Strecke ab.
Niemand fragt mehr, wann wir ankommen, ob und wie sind die wichtigeren Fragen geworden. Womit wir am Tag sieben unserer Reise auch im mongolischen Mindset angekommen wären. Wir steigen aus den Kleinbussen aus, pflügen unsere eigenen schmalen Pfade in den Sand und finden uns einen Tag später in einer Jurte wieder, die auf keinem Reiseplan steht: bei Bekannten unseres Fahrers Burenbat Jadamba, der eigentlich nur mal fragen wollte, wo seine Freunde gerade ihre Herden hingetrieben haben. Draußen vor der Jurte sind drei Männer mit einem sehr langen Stock damit beschäftigt, ein Pferd einzufangen, der Kopf muss durch die Schlaufe. Auch wir helfen, versuchen es zu umzingeln, aber es ist geschickt, schlägt Haken. Zwei Tage scheint gar keine lange Zeit mehr, es zu fangen.
