Zu den erfolgreichsten von Anke Kuhl illustrierten Bilderbüchern gehören die beiden Bände „Klär mich auf“ und „Klär mich weiter auf“, jeweils mit – so verrät der Untertitel – „echten Kinderfragen zu einem aufregenden Thema“, erschienen 2014 und 2018. Dafür hatte Katharina von der Gathen Hunderte in Gesprächen mit Kindern geäußerte Fragen über Sexualität zusammengetragen, die aber von den Büchern gar nicht beantwortet werden.
Und das müssen sie auch nicht, denn Kuhl, die zusammen mit Von der Gathen seither ein grandioses Autorinnengespann bildet (auch bei Büchern über den Tod oder das Liebesleben der Tiere), zeichnete Bilder dazu, die nicht nur auf vielleicht eher skurril anmutende Fragen wie „Wie merkt man, dass ein Tampon voll ist?“ oder „Wie lang können Achselhaare werden?“ im besten Sinne pittoresk reagieren, sondern auch heiklen Wissensdurst à la „Was ist Vergewaltigung?“ taktvoll und vor allem kontradestruktiv darstellen – im genannten Fall etwa durch die Darstellung eines sabbernden Monsters, das eine kleine Frau in seiner Klaue hält, die dem Ungeheuer aber mit vorgestreckter Faust ein typographisch ausdrucksstarkes „Nein!“ entgegenschleudert.
Anke Kuhls ganzes illustratives Werk steht für Ermutigung, auch wenn die 1970 in Frankfurt am Main geborene Künstlerin um sich her immer mehr Entmutigendes feststellen muss. So etwa, dass sich in den vier Jahren, die zwischen den beiden Aufklärungsbilderbüchern lagen, die Drastik der kindlichen Fragen deutlich verschärft hatte – für sie ein klarer Beleg des zunehmend leichteren Zugangs zu Pornographie selbst in der Kindheit. Aber das wiederum ermutigt Kuhl in ihrer Arbeit: Es gibt viel zu tun im Kinder- und Jugendbuchbereich, vor allem aufzuklären (und das nicht nur in Fragen der Sexualität). Kaum jemand hat so viel dafür getan wie sie.

Darüber legt jetzt eine Retrospektive im Bilderbuchmuseum von Troisdorf Rechenschaft ab, die man auch rein numerisch fassen könnte, um die Bedeutung von Kuhl zu ermessen: in einem Vierteljahrhundert 65 Bücher, etliche davon selbst verfasst, so etwa auch 2020 der autobiographische Comic „Manno! Alles genau so in echt passiert“, der mit Leibinger- und Max-und-Moritz-Preis die beiden wichtigsten deutschen Auszeichnungen in dieser Literatursparte gewonnen hat. Zuvor hatte man geglaubt, dass an Kuhl eine gute Comiczeichnerin verloren gegangen sei, denn schon 2001 hatte sie nach Texten von Ror Wolf einen ersten Comic gemacht: „Auf nach Westen“, der aber damals nur im Selbstverlag herauskam und unbeachtet blieb.
Und an der Wand ein lebensgroßer Elefant
Nun liegt er in Troisdorf in einer Wandvitrine zwischen Ein- und Ausgang der Ausstellung und beweist damit, dass sich im Werk dieser Zeichnerin alles zuverlässig rundet: die Linien sowieso (besonders charakteristisch sind die Tischtennisball-Augen ihrer Figuren), aber auch formale oder thematische Interessen, oft zwar erst nach Jahrzehnten wie im Falle der späten Comic-Erfolge, bisweilen jedoch auch schnell, wenn kluge Verlage gut aufpassen.
So sah zum Beispiel vor dreizehn Jahren der Comic-Redakteur Michael Groenewald Zeichnungen, die Kuhl aus eigenem Vergnügen zu Paul Wegeners Stummfilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ aus dem Jahr 1920 angefertigt hatte, und bestärkte sie in ihrer Erwägung, die von ihr dabei entwickelte Golem-Figur zum Mittelpunkt einer eigenen Geschichte zu machen, die als „Lehmriese lebt!“ 2015 erschien. Woraus wiederum Kuhls langjährige Verlegerin Monika Osberghaus die Überzeugung gewann, was für eine grandiose Comicautorin Kuhl ist. Das Resultat war „Manno!“ – und seitdem auch noch der ebenfalls von Kuhls Jugenderlebnissen erzählende Band „Tränen, Pferde, Lachanfälle“.

Zu all diesen Projekten und vielen Motiven, die Kuhl für Titelbilder der Bücher anderer Autoren oder auch die Rubriken „Jugend schreibt“ in der F.A.Z. und „Spielplatz“ in der F.A.S. angefertigt hat (als Teil der von ihr 1999 angeregten Ateliergemeinschaft „Labor“ in Frankfurt, die heute eine der erfolgreichsten ihrer Art in Deutschland ist), sind in Troisdorf Vorarbeiten zu sehen, selten Reinzeichnungen, denn Kuhl perfektioniert ihre Arbeiten digital. Aber der Zeichnungsschatz ihres privaten Archivs ist trotzdem gigantisch, und gerade der durch die Spontaneität der Arbeitsproben dokumentierte Herstellungsprozess ist hochinteressant – auch für Kinder, die zu allen ausgehängten Zeichnungen zum Vergleich darunter die Bücher ausgelegt finden.
Und ein großes Mitmachlabor (denn gerade dank ihrer Mitmachbücher hat Kuhls Ateliergemeinschaft im Buchhandel Furore gemacht), in dem etwa eine ganze Wand mit der lebensgroßen Wiedergabe einer Elefantenzeichnung von Kuhl geschmückt ist. Notabene eines weinenden Elefanten, der sich im Porzellanladen verletzt hat und von den Besuchern verarztet werden will: Dazu liegen drei verschiedene Typen von Pflastern zum Aufkleben bereit. Wie das Tier nach ein paar Wochen Ausstellungsdauer aussehen wird, würde man gerne sehen.
Solche Vermenschlichungen von Tierfiguren machen nur eine der Meisterschaften von Kuhl aus – hier als moderne Erbin der klassischen Fabeldichtung. Wie breit ihr grafisches Spektrum ist, zeigen einige Skizzenbücher in einer Tischvitrine, alle entstanden während eines Sabbaticals im Jahr 2021, als Kuhl sich Zeit nehmen konnte für den reinen Spaß am Zeichnen.
Was dabei herauskam, bestaunt sie in der Brillanz heute selbst: „Sonst bin ich ja eine Zotteltante.“ Die aber just dank dieser Nonchalance ein Werk geschaffen hat, dem man in Bild und Wort die Freiheit vom Akademischen positiv anmerkt. Und die Ernsthaftigkeit seines Anliegens: Mit Anke Kuhls Illustrationen haben Kinder eine Verbindung zu einer besseren Welt. Nicht moralisch besser, aber ehrlicher, offener, farbiger. Kindlicher im besten Sinne.
Anke Kuhl – Tach zusammen. Im Bilderbuchmuseum Burg Wissem, Troisdorf; bis zum 6. September. Der abbildungsreiche Katalog kostet 15 Euro.
