Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft in diesen Tagen eine Lücke, die man selbst mit größtmöglichem gedanklichem Spagat kaum noch überbrücken kann. Einerseits wächst die Nachfrage nach der Erzählung, dass es dem Land doch gut gehe – andererseits steckt Deutschland nun mal in der längsten Wirtschaftsflaute seit seiner Geschichte: Seit Frühling 2019 hat die deutsche Wirtschaft kaum mehr materiellen Wohlstand geschaffen. Mehr als 80 Prozent der Deutschen halten laut einer aktuellen Forsa-Umfrage die wirtschaftliche Lage für eines der größten Probleme.
Das ist bemerkenswert. Wenn es in der Wirtschaft früher schlecht lief, dann waren es immer die Regierenden, die das Land gesundbeten wollten. Schließlich wollten sie gerne wiedergewählt werden, und außerdem dachten sie: Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie. Wenn man nur nicht zu schlecht übers Land redet, dann hilft das dem Aufschwung.
Doch die Wähler nahmen das der Politik nicht ab. Hätten Journalisten beim Gesundbeten geholfen, dann hätte das als Augenwischerei gegolten, vielleicht sogar als Realitätsverweigerung. Jetzt aber melden sich immer wieder Leute, die dringend hören wollen, wie gut es dem Land noch geht. Woran liegt das?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Da bieten sich mehrere Erklärungen an. Die eine ist die Angst davor, dass das Schlechtreden inzwischen von den Extremisten zum Prinzip gemacht worden ist. Es gibt die Befürchtung: Wer zu schlecht übers Land redet, der leitet Wasser auf deren Mühlen.
Die andere Erklärung hat mit den sozialen Medien zu tun. Wer da nicht aufpasst, kommt schnell in eine Blase, die den Untergang an die Wand malt. Je nachdem welche Beiträge das Netzwerk auswählt, kann man durchaus ein sehr schwarzes Bild von der Realität sehen.
Bei vielen Deutschen herrscht noch keine Krise
Doch das alles reicht als Antwort nicht aus. Es muss schon die Mentalität dazukommen. Denn auch das ist wahr: Bei vielen Deutschen herrscht noch keine Krise. Im Januar dieses Jahres bezeichneten fast 62 Prozent der Deutschen ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut, vom Land sagten das nur acht Prozent. Da gibt es eine Diskrepanz, die gedanklich schwer zu überwinden ist.
Können die Leute nach so vielen Jahren kein Krisengerede mehr hören? Auch das taugt nicht zur Erklärung, denn Krisen gab es auch schon immer. Jederzeit fand man die aktuellen Probleme schwierig, die Zukunft war in Gefahr, und ständig löste eine Krise die andere ab.
Der Staat stößt an seine Grenzen
Doch die Bundesrepublik war jahrelang reich genug, ihre Bürger vor den Turbulenzen der Welt zu schützen. Es begann mit einer Finanzkrise im Jahr 2008, die dank Kurzarbeitergeld und enormen Rettungspaketen für die Banken nie richtig in der Realwirtschaft ankam. Es schloss sich eine Staatsschuldenkrise an, die Deutschland komplett unberührt ließ. Dieses reiche Land zog so viele Einwanderer an, dass sich pessimistische Prognosen über die Rente in Luft auflösten.
In der Pandemie schnürte Deutschland großzügige Hilfspakete, als andere Länder das schon gar nicht mehr konnten, und als Russland die Ukraine überfiel, beschloss die Regierung schnell eine steuerfreie Inflationsausgleichsprämie und eine Gaspreisbremse. Jahrelang überdeckte der Stellenaufbau im öffentlichen Dienst, dass es für die Arbeitsplätze in der Industrie schon lange schwierig wurde.
All das stößt an Grenzen. Junge Leute finden nur schwer eine Stelle, Ältere stehen vor der Insolvenz ihres Arbeitgebers. Der Finanzminister ist beim besten Willen nicht in der Lage, die Energiepreise noch mal so abzufedern wie vor ein paar Jahren. Nicht mal die steuerfreie Inflationsprämie kam noch durch. Viele Firmen hätten sie sowieso nicht zahlen können.
Deutschland hat viel Substanz und kann aus der Misere herauskommen – wenn es konsequent Bürokratie abbaut und wenn es mithilfe von IT und Künstlicher Intelligenz aus den Arbeitsstunden mehr Ergebnis herausholt. Aber die Voraussetzung dafür ist, dass man der Wahrheit ins Auge blickt.
