Das neue Lied von den Rolling Stones wäre auch ohne Text und Musik der Rede wert. Mit so genannter Deepfake-Technik hat sich die Gruppe nun etwas ermöglicht, das bisher nur ihren Toten vorbehalten war, zu denen nicht nur ihr Gründungsrhythmusgitarrist Brian Jones zählt, sondern auch ihr Schlagzeuger Charlie Watts: Unsterblichkeit.
Für diejenigen, die die Stones ohnehin lieben, ist dieser Status, der ja rein biologisch bis auf weiteres ein Ding der Unmöglichkeit ist, keine Neuigkeit; aber für diejenigen, die meinen, dass die Stones ihn mit ihrem Werk allein niemals erreicht verdient hätten, allemal. Direkt neu ist das neue Video eigentlich nicht, jedenfalls nicht, was ihren Regisseur betrifft, bei dem es sich um Francois Rousselet handelt, einen Franzosen, der mit ihnen schon die Single „Angry“ von ihrem bisher letzten Album „Hackney Diamonds“ (2023) inszeniert hat und der auf dem Video- und Werbemarkt als der heißeste . . ., na, Sie wissen schon, gilt.
Dort gab es mit auf Billboards geworfenen älteren Band-Aufnahmen einen Vorgeschmack darauf, wie es sein könnte, wenn nicht der Mensch als solcher, aber immerhin der Mensch in seiner Gestalt als Rolling Stone nicht nur nicht altert, sondern sogar wieder jünger wird – eine nicht gerade neue, aber nun doch verblüffend ins Bild gesetzte Wunschvorstellung.
Nur einer aus dem harten Kern der Band ist noch unter 80
Die Single „In The Stars“ vom für den 10. Juli angekündigten und dann wohl wirklich letzten Stones-Album „Foreign Tongues“ zeigt den verbleibenden harten Kern der Band, von dem bloß noch einer unter 80 ist, und das auch nur knapp, wie er früher aussah – beziehungsweise ausgesehen haben könnte. Denn dass in diesem mit künstlicher Intelligenz angefertigten Video nicht die wirklichen Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood spielen, sondern animierte Musiker, und dass auch die Zeit, in der sie das tun, im Ungefähren gelassen wird, macht seinen Reiz aus.
Es muss irgendwann zwischen 1976 und 1981 gewesen sein. Wie die Drei damals wirklich aussahen, weiß man; nun sehen sie so aus, als könnten sie einmal so ausgesehen haben – ein verblüffender, seltsam stimmiger Retro-Effekt. Man kann auch nicht behaupten, die Stones wären für solche Verjüngungstricks noch zu jung. Die Musik ist, zumal wenn man bedenkt, dass sie von Greisen stammt, ordentlich und hat Kraft. Und das Interesse an jungen, schönen Frauen scheint, wie aus dem Video eindeutig hervorgeht, auch noch nicht ganz erloschen.
Die Stones wissen eben immer noch, wie „es“ geht – Musik machen und das andere natürlich auch. Einst sangen sie „Time Waits For No One“, aber da waren sie noch halbe Kinder von Anfang dreißig. Sage jedenfalls niemand, sie hätten sich über dieses verflixte Ding namens Zeit nicht schon früh den Kopf zerbrochen.
Man sollte, wenn man es nicht ohnehin tut, hin und wieder „Time Is On My Side“ oder „Out Of Time“ auflegen, dann sieht man auch ihr jüngstes Video ganz abgebrüht. Für ihre, nun ja, „Nachfolger“ mag dieser neueste Schachzug nichts Gutes verheißen. Man braucht womöglich bald gar keinen jungen Leute mehr, die alten tun’s ja noch. Und die Stones sind eh die Besten.
