
Offiziell ist es zwar nicht bestätigt, doch es herrschen wenig Zweifel daran, dass die Vereinigten Arabischen Emirate einen Schritt gewagt haben, der lange kaum denkbar schien: Sie griffen selbst mit Luftangriffen in den Konflikt mit Iran ein. Die Luftwaffe hat laut übereinstimmenden amerikanischen Medienberichten Ziele in der Islamischen Republik bombardiert.
Gut in Führungskreisen ihres Landes vernetzte emiratische Beobachter gehen fest davon aus, dass die Berichte zutreffen. „Ich bin sehr stolz“, sagt der Politikprofessor Abdulkhaleq Abdullah, der für eine harte Linie gegenüber dem Regime in Teheran eintritt. „Die Emirate haben bewiesen, dass sie eine glaubwürdige und beeindruckende militärische Macht in der Region sind“, sagt er.
Einer der Angriffe hat einer Raffinerie auf der iranischen Insel Lavan im Persischen Golf gegolten, wie das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichtete. Die Attacke fiel demnach in eine Zeit, in der US-Präsident Donald Trump einen Waffenstillstand in dem Krieg verkündete. Iran hatte kurz zuvor Anlagen der emiratischen Ölwirtschaft getroffen. Damals hatte es schon Gerüchte gegeben, es seien emiratische Kampfflugzeuge des Typs Mirage identifiziert worden.
Taktik der Nadelstiche
Teheran hatte als Reaktion auf die amerikanisch-israelische Luftangriffskampagne arabische Partner Washingtons am Golf mit Drohnen und Raketen ins Visier genommen. Die Emirate waren dabei besonders heftig attackiert worden – laut offiziellen emiratischen Angaben mit fast 3000 ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen.
Auch jetzt versetzt Iran den Emiraten trotz eines nominellen Waffenstillstands Nadelstiche. Als Folge eines Drohnenangriffs brach am Sonntag ein Feuer an einem Atomkraftwerk in einer Wüstenregion westlich der Hauptstadt Abu Dhabi aus. Der Brand hat aber die Sicherheit der Anlage laut offiziellen Angaben nicht gefährdet.
Auch Saudi-Arabien hat als Reaktion auf iranische Attacken Ziele auf iranischem Boden angegriffen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Welche genau, blieb indes unklar. Das Königreich habe außerdem von Iran gelenkte Milizen im Irak angegriffen.
Saudi-Arabien will ein Arrangement
Die Angriffe beider Länder werden von mehreren Beobachtern als Botschaft an das iranische Regime beschrieben, sich nicht alles gefallen zu lassen. Es waren auch aus beiden Führungen entsprechende Signale gekommen. Der saudische Außenminister Faisal bin Farhan hatte im März sogar öffentlich erklärt, das Königreich werde zur Not auch zu militärischen Mitteln greifen, um sich zu verteidigen.
Dass beide arabische Führungsmächte sich nicht öffentlich zu den Militäraktionen bekannt haben, wird von Beobachtern als Zeichen für die Bemühung gewertet, die Konfrontation mit Iran nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Man wolle Iran nicht zu sehr unter Zugzwang setzen, hieß es. Saudi-Arabien will ein Arrangement mit dem Regime in Teheran finden. Die „Financial Times“ berichtete vergangene Woche, Riad denke über einen regionalen Nichtangriffspakt nach.
Die Emirate haben zuletzt ihre Kooperation mit Irans Erzfeind Israel verstärkt. Sie hatten ihre Beziehungen 2020 im Zuge der „Abraham Accords“ normalisiert. Abu Dhabi erhielt laut übereinstimmenden Medienberichten sogar militärische Unterstützung bei der Raketenabwehr gegen Iran, die auch die Präsenz israelischer Militärs in den Emiraten einschloss.
Iran wirft der Führung in Abu Dhabi vor, Helfershelfer Israels zu sein. Der iranische Außenminister Abbas Araghchi erklärte erst vor einigen Tagen, die Emirate seien ein „aktiver Partner“ in der „Aggression“ gegen sein Land.
