In den Tagen nach der großen Aufregung hatte Benjamin Berndt in seinem Podcast „ungeskriptet“ eine bunte Reihe von Gästen im Studio: den Verleger Holger Friedrich, den Anwalt Joachim Steinhöfel, die Journalistin Melanie Amann, den Noch-FDP-Chef Christian Dürr, die Clangröße Arafat Abou-Chaker und den Mallorca-Paparazzo Andreas Zeeck. „Der Diversity-Preis 2026 ist mir sicher“, schrieb Berndt am 10. Mai zu Selfies mit seinen Gästen auf der Plattform X. Kurz zuvor hatte die frühere SPD-Chefin Saskia Esken dazu aufgerufen, keine Werbung mehr bei Berndt zu schalten, weil der „einem Faschisten wie Björn Höcke vier Stunden lang eine Bühne“ geboten habe, ohne ihm zu widersprechen.
Gegen diesen Vorwurf wehrte sich Berndt in der „Jungen Freiheit“ mit einem Verweis auf sein Konzept: Er sei kein Journalist, sondern wolle mit Menschen so reden, als säße er mit ihnen am Mittagstisch. „Wenn ich jetzt etwas an meinem Konzept ändern würde, könnte mir niemand garantieren, dass meine Reichweite konstant bleiben würde.“ Und die Reichweite sei ihm nicht geschenkt worden. Bis dahin hatte es Berndt allerdings oft so dargestellt, als sei sie das: Er habe nur deswegen einen Videopodcast gestartet, weil er gerne mit Menschen spreche, sich aber ohne Aufnahmegerät nicht jeder mit ihm unterhalte. In Wirklichkeit fußt Berndts Erfolg darauf, dass er Gäste mit teilweise abstrusen Ansichten einlädt und die Gespräche reißerisch auf Social Media bewirbt.
Der deutsche Joe Rogan?
Seit seine Podcast-Folge mit Höcke Millionen Zuhörer erreicht hat – auf Youtube sind es inzwischen knapp 5,2 Millionen Zugriffe –, vergleichen Berndt viele mit dem US-Podcaster Joe Rogan, um den vor den letzten Präsidentschaftswahlen eine ähnliche Debatte tobte. Rogan hatte Elon Musk und Donald Trump zu Gast, die demokratische Kandidatin Kamala Harris lehnte eine Einladung hingegen ab und verpasste so die Chance, Zuhörer außerhalb ihrer Blase zu erreichen. Dabei hätte sie bei Rogan nicht mit besonders kritischen Fragen rechnen müssen, das gehört nicht zum Konzept des erfolgreichsten Spotify-Podcasters der Welt. Es wird eher nett geplaudert. Das ist auch Berndts Herangehensweise. Ihn habe interessiert, sagte er, wer dieser Björn Höcke sei, „so als Mensch“. Dass es Berndt nur darum geht und er keine politische Agenda hat, darf man jedoch bezweifeln. Im März zum Beispiel hatte er den Linken-Vorsitzenden Jan van Aken zu Gast und erlaubte sich die eine oder andere kritische Frage.
Schaut man sich die mehr als zwei Stunden mit van Aken an, ist Berndts Haltung zunächst ähnlich unkritisch wie bei Höcke: Sein Ton erinnert an den Podcast „Hotel Matze“, in dem der Gastgeber Matze Hielscher seinen Gästen mit gefühligen Fragen persönlich gehaltene Antworten zu entlocken versucht. Etwas meinungsfreudiger als bei Höcke wird Berndt bei van Aken dann doch: „Ich würde das gerne diskutieren“, sagt er einmal. Bei Höcke heißt es: „Ich wollte eigentlich nur das Thema anschneiden, um Sie erzählen zu lassen.“

Doch auch das Gespräch mit van Aken ist weit entfernt von einem kritischen Interview. Auch van Aken lässt Berndt kompletten Unsinn durchgehen, zum Beispiel die Behauptung, politische Morde gingen nur von rechts aus: „Der Unterschied zwischen rechts und links ist: Die Nazis töten“, sagt van Aken. Da hätte man erwarten können, dass Berndt die Namen der RAF-Terroropfer Buback, Schleyer, Herrhausen einfallen – oder vielleicht Charlie Kirk? Er lässt die Aussage unkommentiert. Stattdessen redet Berndt selbst Stuss und behauptet, die Medien in Deutschland hätten es „sehr, sehr homogen“ richtig gefunden, dass nach der vergangenen Bundestagswahl noch schnell die alte Mehrheit genutzt worden sei, um Grundgesetzänderungen durchzusetzen. In Wahrheit haben das viele Medien sehr deutlich kritisiert.
„Das scheint nicht zu stimmen“
Grundsätzlich ist Berndt in seinem Podcast ein wacher Zuhörer. Fallen ihm Widersprüche auf oder will er einer Aussage entgegentreten, spricht er das an. Wobei van Akens Weltbild ihn stärker herausfordert als das von Höcke: „Das scheint nicht zu stimmen“, sagt er zu dem Linken-Chef einmal. Oder: „Da kann ich jetzt nicht Ja zu sagen.“ Van Aken sagt irgendwann: „Auch du hast eine eigene Meinung, und deswegen steuerst auch du Gespräche in bestimmte Richtungen.“
Bei Höcke ist davon in viereinhalb Stunden wenig zu merken. Dass Berndt dem AfD-Scharfmacher politisch näher steht, kann man auch aus einer ZDF-Sendung schließen, in der Berndt im Februar die These vertrat, in Deutschland sei die Meinungsfreiheit eingeschränkt und man könne nicht offen über Migration sprechen. „Flüchtlinge sind krimineller als Deutsche“, sagte Berndt. Aber auch ein Podcaster darf ja politische Ansichten haben. Bei Höcke scheitert sein „Konzept“ eher daran, dass es naiv ist, anzunehmen, wir lernten hier den „Menschen Höcke“ kennen. Der AfD-Politiker weiß, dass er vor potentiell Millionen Menschen spricht, und entwickelt eine Persona, die die Menschen in Thüringen wählen und der sie voller Vertrauen die Macht übergeben sollen. So schwingt er sich zum Widerstandskämpfer gegen ein vermeintliches Unrechtsregime auf.
Höcke beschwört „mutige Bürger“
Er könne sich vorstellen, sagt Höcke, dass „mutige Bürger“ nach einer Machtübernahme der AfD in Thüringen verhinderten, dass der Verfassungsschutz Akten vernichte – so wie das mutige Bürger nach dem Ende der DDR taten, als sie Stasi-Zentralen besetzten. „Ähnlich stelle ich mir das auch vor“, sagt Höcke. Berndt hakt immerhin kurz nach, ob das als Aufruf zu verstehen sei, was Höcke natürlich weit von sich weist. Diese Rhetorik im Trump-Stil nutzt der AfD-Politiker gerne. In seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ schreibt er, dass er sich „natürlich eine friedliche Wende in unserem Land“ wünsche. Ansonsten werde „ein neuer Karl Martell vonnöten sein, um Europa zu retten“. Als Wiedergänger des Heerführers, der im Jahr 732 bei Tours und Portiers die Araber schlug, scheint sich Höcke selbst zu sehen.
Seinen Extremismus vermag Höcke in Berndts Podcast unwidersprochen zu verharmlosen. Er habe keinen „Reinheitsfimmel“, sagt er, und sei „kein Vertreter von Rassenbiologie oder Rassenideologie“. Dabei hat Höcke sich sehr wohl schon „rassenbiologisch“ geäußert: 2015 sagte er, Afrika verfolge eine andere „Reproduktionsstrategie“ als Europa, dort herrsche die „r-Strategie“, während in Europa die „K-Strategie“ überwiege. Mit diesen Begriffen bezeichnen Biologen die Fortpflanzung von Lebewesen: „r-Strategen“ sind Arten, die möglichst viele Nachkommen zeugen, damit wenigstens einige überleben. „K-Strategen“ sind vor allem Säugetiere, die wenige Jungen zur Welt bringen, um die sie sich intensiv kümmern. Aus biologischer Sicht unterfallen alle Menschen dieser Kategorie, nicht nur Europäer. Das aber ist für Berndt kein Thema. Er stellt lieber Höckes Satz „Ich bin kein Vertreter von Rassenbiologie“ an den Anfang des Podcasts.
Die Hells Angels als harmlose Rockertruppe
Auch bei anderen Gästen ist Benjamin Berndt mit seinem vermeintlichen Wohlfühl-Konzept schon an seine Grenzen geraten. Im Frühjahr 2025 hatte er den Hells-Angels-Aussteiger Kassra Zargaran zu Gast, der ihm mehr als fünf Stunden lang von Verbrechen der Rockerbande erzählte. Danach forderte ein Hells-Angels-Anhänger auf Social Media, er müsse auch in die Sendung eingeladen werden. Den Mann ließ Berndt dann stundenlang das Lügenmärchen verbreiten, die Hells Angels seien eine friedliche „Bruderschaft“ und keine kriminelle Organisation, die Mitglieder für Morde mit sogenannten „Patches“ (Abzeichen) ehrt. „Über Auszeichnungen generell rede ich nicht“, sagte der Rocker-Fan in der Podcast-Folge. Berndt sprach das Abzeichen „Filthy Few“, das Mörder aus dem Club zum Teil offen tragen, gar nicht erst an. Für jeden, der sich mit der Szene ein wenig auskennt, wurde trotzdem klar, welch gefährlichen Unsinn Berndts Gast redete. Für die, die es nicht verstanden hatten, lud Berndt danach noch einmal den Aussteiger Kassra Zargaran ein, der deutlich machte, wie gefährlich die Hells Angels wirklich sind. Wer sich nur Folge zwei aus dieser Reihe des Podcasts anschaut, könnte die Hells Angels gleichwohl für einen harmlosen Motorradverein halten.
Das fordert den Journalismus heraus
Wer hier zuhört und zusieht, muss selbst auf die kritischen Punkte kommen, der Kampfsportler und Gründer der Firma „Rookie“, die Babytragen herstellt, erkennt diese selbst im Zweifel nicht oder will sie nicht ansprechen. Und so läuft das dann bei ihm, Stunde um Stunde. Denkt und liest man nach dem Hören weiter, liefert Berndts Podcast durchaus interessante Einblicke, auch die Folge mit Höcke. Berndt ersetzt Journalismus nicht, er fordert ihn im Gegenteil heraus – Journalismus, der das Behauptete überprüft.
Die Abrufzahlen des Höcke-Gesprächs deuten indes auch darauf hin, dass etablierte Medien sich – wie der „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo es wiederum in einem Podcast gerade getan hat – die Frage stellen müssen, wie sinnvoll es ist, die AfD ob ihrer heuchlerischen Propaganda im Zweifel als Gesprächspartner lieber außen vor zu lassen. Denn so entsteht ein Markt für Formate, die Extremisten eine offene Bühne bieten oder gar hofieren, wie es Benjamin Berndt mit seinem weitschweifigen Intro bei Björn Höcke macht.
Er werde ja als der „reinkarnierte Adolf Hitler“ dargestellt, umschmeichelt Berndt seinen Gast, oder als eine Art Lord Voldemort, als der, dessen Namen nicht genannt werden darf. „Und es riecht noch gar nicht nach Schwefel, obwohl ich jetzt schon ein paar Minuten hier in diesem Raum bin“, antwortet Höcke amüsiert und dankbar. Und dann erzählt er viereinhalb Stunden. Das fordert den Journalismus heraus.
