Venedig ist ein Fisch. So beschreibt der venezianische Autor Tiziano Scarpa die Silhouette der Stadt aus der Vogelperspektive. So betrachtet, haben die Habsburger den Fisch vor bald 200 Jahren an die Angel genommen. Seitdem ist die Stadt in der Lagune durch eine Brücke mit dem Festland verbunden. An der Schwanzflosse des Fischs – weit weg vom Festland und vom Bahnhof – ist es am schönsten. Hier ist Venedig noch bei sich, und hier, im Stadtteil Castello, ist mein zweites Zuhause.
Ein Freund aus München hat mich neulich gefragt, warum ich mir diese Wasserstadt ausgesucht habe, die doch dem Untergang geweiht sei. Vielleicht hat er recht, vielleicht hält die Schutzanlage Mose den steigenden Meeresspiegel und das Hochwasser nur vorläufig ab. Obendrein sind die Schlagzeilen zu Venedig oft negativ – zu viele Touristen, immer diese Promi-Events, das Hochwasser . . . Aber mein Venedig ist ganz anders. Im Alltag erlebe ich die Lagunenstadt als Vorbild für andere Städte. Venedig ist keine sterbende Kulisse und nicht nur Erinnerung, sondern auch ein Entwurf für die Zukunft.
Der Markusplatz und die Rialtobrücke sind weit weg von den Giardini della Biennale in Castello. Ich bin im östlichsten „sestiere“ der historischen Stadt zu Hause – Venedig ist in sechs Bezirke unterteilt, die „sestieri“ – „Sechstel“ heißen. Vor 100 Jahren haben in den damals neu errichteten Backsteinhäusern von Castello Arbeiterfamilien gewohnt, die in den Werften des Arsenale beschäftigt waren. Heute ist das Viertel bodenständig und international zugleich. In meiner Nachbarschaft wohnen Rentnerinnen, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben, Familien mit Schulkindern, Wassertaxiunternehmer und Lehrerinnen, Professorinnen aus England und Galeristen aus Deutschland. Mein Haus hat acht Parteien und nur eine Airbnb-Wohnung mit wechselnden Gästen, die fast ein Jahr im Voraus buchen. Ich habe Glück, es gibt eine gute Hausgemeinschaft, und wir unterstützen einander, wo immer es geht.
Keine Autos, kein Lärm, keine Staus
Selbstverständlich ist das Leben in Venedig keineswegs nur idyllisch. Bezahlbarer Wohnraum ist sehr knapp, vor allem für Familien und Studierende. Die Mieten sind hoch, die Wohnungen oft dunkel und feucht, der Tourismus hat den Wohnungsmarkt fest im Griff. Mehr als zwei Drittel der „residenti permanenti“, der Venezianerinnen und Venezianer mit erstem Wohnsitz in der Stadt, leben heute schon auf dem Festland in Mestre, die Tendenz ist steigend. Zu Alfred Dürers Zeiten um 1500, der deutsche Maler war gleich zweimal zu Besuch in der Handelsmetropole, war die Stadt im Wasser noch eine der größten Europas, vergleichbar mit Paris oder Neapel. Heute leben im historischen Venedig nur noch rund 50.000 Menschen. Es gibt mehr Gästebetten als Einwohnerinnen und Einwohner.
Aber mein Venedig beginnt jeden Morgen nicht mit Zahlen, sondern mit Stimmen und Begegnungen. „Bondì, cara!“ ruft Aldo, wenn ich seine Bäckerei betrete, „guten Tag meine Liebe“. Kaum jemand kommt hier herein, den er nicht persönlich kennt. Sehr früh morgens schon steht er in seiner Backstube; aufgebackene Tiefkühl-Panini gibt es bei Aldo nicht. Gleich um die Ecke sind noch drei weitere Bäckereien, und alle backen selbst. In anderen Städten würde man das vielleicht für Folklore halten, hier aber ist es der normale Alltag.
Vor der Metzgerei gleich neben Aldos kleinem Eckladen bildet sich jeden Vormittag eine Schlange. Drinnen gibt es nur eine winzige Theke, die Auslage ist klein, der Kühlraum dafür umso größer. Scheibe für Scheibe schneiden Carlo und Stefano den Parmaschinken wie in Zeitlupe. Slow Food als Praxis, nicht als Pose – und als entschleunigte Alternative zur Plastikverpackung im Discounter-Regal. Wer wissen will, was im Viertel, im Fußball oder sonst in Castello los ist, erfährt es hier ganz nebenbei.

Der FC Venecia war in dieser Saison in die Serie B abgestiegen, trotzdem ist das Stadion in Sant’Elena, gleich um die Ecke, an Heimspieltagen voll. Es ist eines der kleinsten und ältesten in Italien, von den Tribünen fällt der Blick direkt über die Segelschiffe der Marina auf das Wasser. Meine Nachbarinnen und Nachbarn ziehen mit Kind und Kegel in die Nordkurve, jedes Spiel wird zum Familienfest, und der Stadionsprecher dominiert für einen Nachmittag die Akustik des Viertels bis hinein in mein Wohnzimmer.
Die Stadt Venedig organisiert sich weitgehend zu Fuß und mit großer Routine. Es gibt keine Autos, keinen Verkehrslärm und auch keine Staus – das hat wunderbare Folgen für den Alltag, der überschaubar und entschleunigt ist. Fast alles ist fußläufig erreichbar, das ganze Leben ganz nah um mein Zuhause. Der Wissenschaftler Carlos Moreno, der an der Pariser Universität Sorbonne forscht, hat dieses Konzept für lebenswerte Städte „Die 15-Minuten-Stadt“ genannt. Metropolen wie Paris planen nach seinen Prinzipien, um die Lebensqualität zu steigern. In Venedig sind vor allem die vielen Lieferboten dazu wichtig, sie laden ihre Waren in den schmalen Kanälen auf Handwagen um und schieben sie durch die Gassen. Der Müll wird täglich um 8.30 Uhr abgeholt, denn Sammelmülltonnen gibt es nicht. Alle kennen Stefano, „Iiiiiino!“ ruft der Müllmann an Werktagen durch die Straßen, um auf sich aufmerksam zu machen. Eine Abkürzung von „spazzino“, wie die Müllmänner und Straßenreiniger auf Italienisch heißen, und in Venedig ist das ein sehr besonderer, stolzer Beruf. Schließlich würde Venedig ohne die spazzini in kurzer Zeit im Müll versinken. Deshalb sind Stefano und seine Kolleginnen die eigentliche Rettung der Stadt.
Historische Stadt mit digitaler Verwaltung
Wer sich jetzt denkt, das sei alles charmant, aber doch der Notalgie verpflichtet, verkennt die zweite Wirklichkeit dieser Stadt. Venedig ist keineswegs nur Vergangenheit, sondern verblüffend oft mehr in der Gegenwart angekommen als viele deutsche Städte. Das Glasfaserkabel in meiner Wohnung kommt direkt aus der Wand. Der schnelle Anschluss war einfach da, ohne lange Ankündigungen und Verschleppungen, obendrein ist mein superschnelles Internet günstiger als das langsame Netz in Deutschland.
Die eigentliche Herzader der Stadt ist heute das Internet. Fast alle Dienste der Stadtverwaltung sind digitalisiert. Der tägliche Verbrauch an Strom und Gas lässt sich am Handy kontrollieren, die Grundsteuer wird per App bezahlt, und die Gebühren für den Zweitwohnsitz sind dabei gleich inkludiert. Während man in Deutschland vielerorts auf die digitale Verwaltung wartet, gehört sie hier längst zum normalen Alltag. Gerade darin liegt eine der Überraschungen Venedigs: Der historische Stadtraum und die digitale Infrastruktur gehen Hand in Hand.
Und dann ist da noch die sinnliche Seite, die keiner Planung bedarf. Wenn abends die Fenster in meinem Wohnzimmer offen stehen, wird das leise Murmeln der Stimmen draußen zur beruhigenden Dauermusik. Nachts verwandeln sich die Gassen in eine Krimikulisse, menschenleer und still. Sogar so still, dass jeder einzelne Schritt auf der Straße zu hören ist. Im Winter, wenn es morgens noch dunkel ist, kündigen die Schreie der Möwen den Nebel an. Manchmal hängt er in dichten Schwaden zwischen den Häusern, so dicht, dass die Vaporetti der Linie 1 an den Giardini della Biennale ihr Schiffshorn einsetzen müssen, um Kollisionen auf dem Wasser zu vermeiden.

Eine wirkliche Nebensaison gibt es in Venedig nicht. Die Stadt bleibt ein ganzjähriges Tourismusspektakel, daran hat auch das Eintrittsgeld nichts geändert, das seit zwei Jahren von Tagesgästen verlangt wird. Die meisten Besucherinnen und Besucher kommen zur Rialtobrücke und zum Markusplatz, aber nicht weiter. In Castello begegne ich ihnen kaum. Bei uns tummeln sich lediglich die Kunst- und Architekturfans der Biennale – eine besondere Gruppe von Gästen. Die bunte, internationale Schar bevölkert im Mai die Via Garibaldi und wird freundlich aufgenommen. Das Ausstellungsgelände der Giardini ist um die Ecke.
Wenn es eine stillere Zeit gibt, dann an Weihnachten. Generell ist Venedig im Winter am schönsten. Wenn es draußen kühl ist, bleibt die Wäsche trotzdem an den Leinen, die über die Gassen gespannt sind. Irgendwann habe ich diese Haltung übernommen und lasse meine nassen Pullover einfach so lange draußen, bis sie trocken sind. Egal wie oft es dazwischen regnet. Fast täglich wechselt die Stadt im Winter ihr Gesicht. Mal lädt die Sonne zum Kaffee im Freien ein, dann wieder verwischt der Sprühregen den Horizont, Wasser und Ufer verschwimmen, die Uferpromenade Riva degli Schiavoni Richtung San Marco scheint ins Unbestimmte auszulaufen.
Eigensinnig, verletzlich – und voller Energie
Dagegen rücken an klaren Wintertagen die schneebedeckten Dolomiten so nah heran, als wären es Venedigs Hausberge. Venedig ist nicht nur eine Wasserstadt, sondern auch eine Stadt an den Alpen. Ähnlich wie in München gibt es hier Föhnwinde, und auf dem Wochenmarkt am Lido verkaufen die Bergbauern ihren Ziegenkäse.
Tiziano Scarpas Titel seiner Essaysammlung „Venedig ist ein Fisch“ ist mehr als das schöne Bild der Lagunenstadt von oben. Es erinnert daran, dass Venedig kein museales Objekt ist, sondern ein lebendiger Organismus: eigensinnig, empfindlich, verletzlich – und voller Energie.

Jedes Mal, wenn ich am Bahnhof Santa Lucia ankommen, werde ich wieder ein Teil von ihm. Dann stehe ich im Fischladen oder beim Metzger an, diskutiere mit den Nachbarn über die Siegeschancen unseres Fußballclubs, der in der kommenden Saison zum Glück wieder in der Serie A spielt, und erfahre von Stefano, dass Pizzakartons keineswegs Papiermüll sind, weil die Ölrückstände die Mülltrennung verhindern. In Venedig wird das Politische schnell persönlich. Es beschreibt keine abstrakten Fragen, sondern die Relation zwischen dir und der Stadt.
Vielleicht ist genau das ihr Geheimnis: Gegenwärtig und zukunftsweisend ist Venedig überall dort, wo Alltag herrscht – in kurzen Wegen, in der Wertschätzung der Arbeit, der Dichte der Nachbarschaft oder der digitalen Selbstverständlichkeit ihrer Verwaltung. Wie kaum anderswo lässt sich hier erkennen, worauf es im Stadtleben ankommt: nicht auf Größe, auf Tempo oder auf Inszenierung. Sondern auf das, was ein Leben trägt.
