Was Europa bedeutet, bekommt auf Gut Enghagen neue Begriffe. Wenn man beispielsweise „Schoko“ sattelt und Barbara Großeiber sagt: „Es ist ein Huzule.“ Die Reitlehrerin liebt alte Nutztierrassen, am meisten besondere Pferderassen. Zusammen mit ihrem Mann Stefan betreibt sie im oberösterreichischen „Pferdeland Nationale Kalkalpen“ das Ferienhotel mit Reitbetrieb. Aber was ist ein Huzule? Die Huzulen sind ein westukrainisches Bergvolk, das in den Karpaten lebt, nahe der Grenze zu Rumänien. In der Huzulei halten sie Schafe und bewirtschaften die Wälder. Im Sommer nimmt der Oberhirte seine Schafe und die drei oder vier Schafe, die andere Bauern jeweils noch halten, und geht mit ihnen auf die Alm. Vor dem Almauftrieb wird jedes Tier noch einmal gemolken, um die Menge der Milch in einem Buch festzuhalten. Denn nach der Milchmenge des einzelnen Schafs berechnet sich, wie viel sein Bauer von dem Käse, den der Hirte auf der Alm macht, bekommt.
Und besondere Pferde hat dieses kleine Volk eben auch: Sie heißen nach ihren Züchtern Huzulenpferde. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren diese Nachfahren der Urwildpferde beinahe ausgestorben. Die Tiere sind klein, stark, genügsam und bergerfahren, ausdauernd und von großer Trittsicherheit. Inzwischen gibt es Bemühungen in Polen und der Ukraine, wieder stabile Populationen dieser ebenso schönen wie gefährdeten Nutztierrasse aufzubauen. Früher wurden sie als altösterreichische Pferderasse geführt, denn bis zum Ende des Ersten Weltkrieges lag ihr Verbreitungsgebiet in der Habsburger Doppelmonarchie.
Durch Buchenwälder und über Almwiesen
Barbara hat auch eine gelehrige Lipizzanerstute, diese Rasse kommt nicht aus einer so wildromantischen Gegend, dafür sind sie größer, auffällig elegant und bekannter, sie zählen zu den ältesten europäischen Kulturpferderassen. Meistens sind sie Schimmel, ihre Hälse sind wunderschön gebogen, ihr Schritt ist ausgreifend, sie eignen sich auch gut zum Fahren.

Die Noriker, auch Pinzgauer genannt, brachten die Römer mit nach Nordeuropa. Das Gebirgskaltblutpferd arbeitet in der Forstwirtschaft und auf dem Feld, zieht schwere Lasten und trägt seinen Reiter geschickt bergauf und bergab. Barbaras Noriker ist weiß mit schwarzen Flecken, ein Schecke, der beinahe aussieht wie Pippi Langstrumpfs Pferd Kleiner Onkel. Je eines dieser so unterschiedlichen und wunderschönen Pferde lebt unter der Obhut von Barbara auf dem Gut Enghagen. Zusammen mit Shetlandponys, Vollblütern und anderen Pferden können Feriengäste auf ihnen die Buchenwälder und Almwiesen der Umgebung erkunden. Mehr als 300 Kilometer umfasst das Reitwegenetz im Pferdeland Nationale Kalkalpen insgesamt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Barbara und Stefan haben das Ferienhotel von ihren Eltern übernommen und führen es nun in dritter Generation. Noch immer helfen beide mit. Vater Manfred Schmidleitner, der auch Obmann des Pferdelandes Nationale Kalkalpen ist, nimmt Gäste regelmäßig auf geführte Wanderungen mit und leitet Ausritte mit herrlichen Aussichten und Almwirtschaftsbrotzeiten. Barbaras Mutter Christa ist als Erste wach und kümmert sich morgens um das Frühstück, sie kocht, wenn Hannes Höhrandtner, der Koch des Hotels, mal nicht da ist. Die sechste im Bunde ist Hannes’ Frau Aom, die an der Königlich-Thailändischen Massageschule Wat Pho ausgebildet wurde. Ihre Hände lösen jede Verspannung.

Der Noriker, der Huzule und der Lipizzaner sind nicht die einzigen besonderen Tiere, die auf Gut Enghagen leben. Barbara ist Mitglied der Arche Austria, das ist ein Verein zur Erhaltung seltener Nutztierrassen. Sie hält auch Alpine Steinschafe, die gerne den Kindern auf der hofeigenen Go-Kart-Bahn hinterherrennen.

Fleisch gibt eine Herde von Ennstaler Bergschecken, die aus einem Stier und einem halben Dutzend Kühen besteht. Es gibt Wiener Kaninchen, Altsteirer Hühner und zwei Turopolje-Schweine. Die sind nach der kroatischen Region Turopolje (Türkenfeld) benannt und gelten als Abkömmlinge des mitteleuropäischen Wildschweins. Zum Vergnügen kleiner und großer Fans heißen sie nicht Amadeus und Sabrina, sondern Bibi und Tina.
30 Zimmer hat das Ferienhotel, dazu zehn weitere Mitarbeiter sowie Kater Frizi und Hündin Rubi. Es gibt hauseigenen Bio-Honig und Apfelsaft von den Streuobstwiesen. In einem kleinen Teich kann man Forellen fangen. Gegenüber liegt der zur Kindersicherheit von einer Mauer eingehegte Pool mit Liegen. Alles wird eingerahmt von Wiesen, auf denen die Tiere grasen.
600 Kilometer Wander- und Themenwege
Gut Enghagen liegt zwischen dem Nationalpark Kalkalpen und dem Toten Gebirge in der oberösterreichischen Region Pyhrn-Priel. Noch 40 bewirtschaftete Almen gibt es hier, in die Wanderer und Reiter einkehren können. 23 Zweitausender kann man besteigen, 600 Kilometer Wander- und Themenwege warten. Im Nationalpark Kalkalpen entwickelt sich ungestört von menschlichen Eingriffen Österreichs größte zusammenhängende Waldwildnis, sogar Luchse haben sich wieder angesiedelt. Auf vielen Wegen darf man hindurchlaufen und -reiten.

Neben ihren eigenen drei Kindern kümmert Barbara sich um die, die bei ihr Urlaub machen. Sie dürfen mithelfen beim Ausmisten, beim Eiersuchen, auf dem Kinderbauernhof können sie Tiere streicheln. Sie bekommen Geschichten erzählt auf dem Heuboden und Reitunterricht. Vor allem aber bekommen sie das Gefühl, wie es ist, in der Natur zu leben, mit Tieren zu sein, in den Bergen, im Wetter, draußen, frei.
Bei den Ausritten der geübteren Reiter geht es durch kleine Furten und Waldbäche, dicht hindurch zwischen den Bäumen und dann wieder über herrliche Wiesen. In den mit hellem Holz eingerichteten Zimmern duftet es gut. Man schläft tief, alle schlafen tief, denn alle sind müde und vollkommen ausgelastet.
Das ist vielleicht kein Wunder. Aber wie Barbara es macht, dass der ganze Hof eine solche Ruhe ausstrahlt, wenn 30 Zimmer belegt sind und Familien mit Kindern jeden Alters da sind, das ist ein Wunder. Beim Frühstück, beim Abendessen, egal wann, es wird nie laut, Trubel gibt es nicht. Das Zusammenleben der Generationen wird praktiziert, ohne dass jemand große Worte darüber verliert – und genauso das Zusammenleben von Mensch und Tier.
