
Aus sakralen lateinischen Gesängen der Barockzeit ein aktuelles Musiktheaterstück zu entwickeln, ist allein schon ein kühner Plan. Die Idee aber, diese von unbekannten italienischen Nonnen komponierten Sätze, etwa ein „Alleluja“ oder ein „Ave verum corpus“, mit einer wahren Begebenheit aus Norwegen zu verknüpfen, ist vollends verwegen. Das jedoch war genau der Ansatz der neuen Operndirektorin Nicola Raab im Staatstheater Darmstadt für das von ihr inszenierte und mit Intendant Karsten Wiegand konzipierte Musiktheater mit dem Titel „Anima mea – Wo bist du, meine Seele?“. Es hatte jetzt beim fünftägigen KI-Festival Premiere.
Eine Künstliche Intelligenz durchforstete dazu Notenarchive, sodass am Ende 18 kurze Sätze unterschiedlicher Faktur von komponierenden Nonnen aus italienischen Klöstern des 17. Jahrhunderts in eine Abfolge gebracht werden konnten, nach Art einer Nummernoper ohne Story: Chorsätze für Frauenschola oder gemischte Besetzung mit Männerstimmen, teils a cappella, teils mit orchestraler Begleitung, virtuose geistliche Arien oder tiefgehende Lamenti, geschrieben von Ordensfrauen wie Lucrezia Orsina Vizzana (1590–1662) oder Chiara Margarita Cozzolani (1602–1678).
Es war diese hochwertige musikalische Auswahl, die in ihrer Vielfalt den Abend trug und ihn allein schon lohnend machte. Man staunte, wie diese Frauen sich im Schutz der Klöster bilden und kreativ entfalten konnten. Das waren exzellente Kompositionen, voll auf der Höhe ihrer Zeit, teils etwa auf dem Niveau von Monteverdi.
Verknüpfung am Rande des Lächerlichen
Die Idee von Raab war nun, diese Musik mit der Geschichte einer weiteren Frauengesellschaft zu verknüpfen. Und die geht so: Am Heiligabend 1620 fahren die Fischer eines Dorfes im nordöstlichen Norwegen noch einmal hinaus, um den Winterkabeljau Skrei zu fangen. In einem Wintersturm kommen sie alle ums Leben. Die Frauen managen ihr Leben fortan ohne Männer und geraten deshalb später in Verdacht, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Heute erinnert in Vardø ein Mahnmal an die Hexenverbrennungen.
Die KI sollte nun auch dabei helfen, die Geschichten der italienischen Kloster- und der norwegischen Fischerfrauen zu verbinden. Mit wie viel menschlicher Hilfe oder gerade nicht hilfreicher Vorgabe das Ergebnis auch zustande gekommen sein mag, es grenzte in einem Punkt ans Lächerliche: Die Frauen der fernen Länder pflegen nämlich um die Jahreswende 1619/20 schon seit Längerem Brieffreundschaft, wie das eher kleine Publikum auf der Hinterbühne des Großen Hauses von einer kinderbelehrenden Oma (Patricia Litten) als Erzählerin erfährt. Und noch krauser: Die Nonnen schicken den Fischerinnen die Noten ihrer schönen Chorsätze, die senden dafür Pakete mit Trockenfisch gen Süden, nach dem Unglück aber nur noch leere Kisten über die Alpen oder Meere.
Wohl eher über das Meer, denn das ist sehr präsent in den mithilfe von KI erstellten Videoprojektionen, die der Intendant neben der Bühne und der Dramaturgie höchstpersönlich betreute. Es gelingen so fortwährend fliegende Szenenwechsel zwischen Kloster und Dorf. Sehr schön ist die Idee mit den beleuchteten Gerippen von Booten, die als reale Bühnenelemente hochkant gehängt auch als Kirchenfenster gesehen werden können.
Ein böser Mann darf als Bindeglied in beiden Frauengesellschaften natürlich nicht fehlen. Dabei singt dieser Klosteraufseher respektive Kommandeur der Inquisition in schwarzer Kleidung eigentlich viel zu schön (Christopher Willoughby, Tenor). Die Ensemblemitglieder Lena Sutor-Wernich (Mezzosopran) und Jana Baumeister (Sopran) setzen mit ihren Soli Höhepunkte. Der viel beschäftigte Chor und der Kinderchor des Staatstheaters Darmstadt meistern ihre Partien sicher. Das Staatsorchester spielt am Bühnenrand unter der Leitung von Guillaume Fauchère historisch informiert. Ein aufwendiges Experiment. Mit Luft nach oben.
„Anima mea“, Staatstheater Darmstadt, weitere Vorstellungen am 17. und 29. Mai sowie 5. Juni.
